Mit dem Auftakt des 38. Fotofestivals „Visa pour L’Image“ nahm Perpignan Abschied von seinem Gründer Jean-François Leroy, der das Festival 1989 mit ins Leben gerufen und seitdem geleitet hatte. Er war am ersten Festivaltag nach schwerer Krankheit gestorben und hatte selbst noch entschieden, mit welchem Bild man sich an ihn erinnern sollte: Auf einer riesigen Projektion begrüßte er die Besucher mit ausgestrecktem Mittelfinger und Totenkopf-Ring.
Posthum wird in den kommenden Tagen zudem sein Buch „Le Devoir de regarder“ („Die Pflicht hinzusehen“) erscheinen, in dem er junge Fotojournalisten mahnt, zu hinterfragen, warum sie ihre Arbeit tun. „Warum dieses Bild? Warum jetzt? Und warum Du?“ Diese Fragen nach dem Sinn des eigenen Handelns müsse man beantworten können, bevor man die Kamera auch nur in die Hand nimmt.
Was entstehen kann, wenn Bildjournalisten Antworten darauf finden, kann man beim diesjährigen Festival entdecken. Die im Schnitt jährlich über 220.000 Besucher können in diesem Jahr in Perpignan mehrere eindrückliche Reportagen aus dem Nahen Osten sehen, darunter Fotografien aus Gaza von Khames Alrefi „Zivilisten, die ersten Opfer“ oder die Serie „The Dawn of Ashes“ über Syrien nach dem Sturz Assads von Philémon Barbier.
Es gibt Geschichten aus Weltregionen, die nicht immer im Fokus der Öffentlichkeit stehen, wie Robin Tutenges Reportage „Fanos Kingdom“ über das Leben von Milizen in den Bergen Äthiopiens. Gaël Turine dokumentierte in Westafrika die verheerenden Auswirkungen der neuen synthetischen Droge „Kush“. Und Hervé Lequeux gelang es, den Weg minderjähriger Flüchtlinge aus Guinea nach Frankreich nachzuverfolgen und in Fotografien festzuhalten, was es bedeutet, als Teenager eine solche Reise zu unternehmen.
In einer Zeit in der Zeitschriften und Fotoagenturen nicht mehr über die Budgets vergangener Tage verfügen, in der es weltweite Angriffe gegen die Pressefreiheit gibt und in der künstlich generierte Bilder die Glaubwürdigkeit von Fotografie infrage stellen, ließe sich vermuten, dass auch der Fotojournalismus in einer Krise steckt. Aber „Krise?“, heißt es kämpferisch. „Es war immer Krise!“
„Die Welt ist nicht gewalttätiger geworden, aber unleserlicher“, erklärt Geschäftsführerin Delfine Lelu, die das Festival weiterführen wird, vor Fachbesuchern. „In einer Epoche, in der wir in Informationsblasen eingeschlossen und in einem kollektiven Nebel eingetaucht sind, wollen wir ein Leuchtturm der Realität sein.“ Es gelte, Perpignan zum Zentrum der Wirklichkeit zu machen.
Bei abendlichen Screenings lässt man die Ereignisse der vergangenen Monate in Bildern Revue passieren, gedenkt und vergewissert einander und ermöglicht ganz praktisch weitere unabhängige Arbeit: Das Festival schüttet mit einem Bündel an Preisen jährlich über 15.000 € an Fördergeldern aus.
Die Ausstellung ist noch bis zum 13. September in der Innenstadt Perpignans zu sehen, und wir zeigen im Folgenden einige der ausgestellten Arbeiten.



Élise Blanchard – Afghanistan: Die Mädchen, die verkauft werden, um die Dürre zu überleben
Sieben Jahre, von 2018 bis 2025, hat die inzwischen 34-jährige Elise Blanchard in Afghanistan gelebt. Während ihres Journalismusstudiums begegnete sie afghanischen Flüchtlingen und begann sich für das Land zu interessieren. Sie erlernte Dari und Paschtu, zog nach Afghanistan und arbeitete von dort aus als Korrespondentin für europäische und amerikanische Medien. In dieser Zeit begann sie professionell zu fotografieren. Ihre Bilder, die teilweise intime Einblicke in den Alltag der Menschen geben, wurden mehrfach ausgezeichnet, darunter mit dem World Press Photo Award und als UNICEF-Foto des Jahres 2025. In Perpignan zeigt sie Bilder aus Badghis, einer Provinz, in der von Dürre betroffene Familien ihre Töchter bereits im Kindesalter gegen Geld verheiraten.



Jérôme Gence – Virtuelle Hochzeiten in Japan
In Japan ist es möglich, in symbolischen Zeremonien fiktionale Charaktere zu heiraten. Selbst einmal als Gast bei einer solchen Hochzeit zugegen, suchte und porträtierte Jérôme Gence Personen, die diese intensive Form der Fankultur ausleben.



Hashem Shakeri – Kreislauf des Krieges
Über Monate musste Hashem Shakeri anonym bleiben. Zu gefährlich wäre es gewesen, wenn er in Teheran als Fotojournalist enttarnt worden wäre. Nachdem die USA und Israel am 28. Februar begonnen hatten, den Iran zu bombardieren, blockierte das Regime das Internet. Ab dem Moment war es für Iraner nahezu unmöglich, mit dem Ausland zu kommunizieren.
Dem iranischen Fotojournalisten gelang es dennoch über verschlüsselte Verbindungen, Bilder an die französische Zeitung „Le Monde“ zu senden, die seine Bilder unter dem Namen „Anonymer Fotograf“ veröffentlichte. Inzwischen befindet er sich in Frankreich, und seine Bilder, die den Teheraner Alltag während der ersten Kriegswochen dokumentieren, können in Perpignan unter seinem Namen gezeigt werden.



Laurent Ballesta – Far from the Sky
Der diesjährige Preis für Naturfotografie ging an Laurent Ballesta für seine Aufnahmen von Lebewesen auf dem Grund des Ozeans. Mit enormem logistischem und technischen Aufwand fertigt er Fotografien aus der Tiefe an, die wie Zeugnisse aus einer anderen Welt wirken.


Mads Nissen – Sangre Blanca – Die Geographie des Kokains
Sangre Blanca, „Weißes Blut“, hat der dänische Fotojournalist Mads Nissen das Buch betitelt, in dem er seine zehnjährige Recherche zu den globalen Lieferketten des Kokains veröffentlicht. Seine Fragen führten ihn in insgesamt zehn Länder, in denen er dokumentierte, wie Koka angebaut und Kokain produziert und gehandelt wird. Wie es über mexikanische Kartelle den Weg nach Europa findet, wo es immer mehr zur gesellschaftlich akzeptierten Partydroge wird, und wie es an allen Stationen des Weges wenige Gewinner und viele Verlierer erzeugt.



Raymond Depardon – Preis für das Lebenswerk
Für sein Lebenswerk geehrt wurde der Magnum-Fotograf Raymond Depardon, der mit seinen 84 Jahren wie eine lebende Legende erscheint. In der Église des Dominicains sind über 80 seiner Arbeiten ausgestellt – darunter Aufnahmen aus dem Vietnamkrieg, dem libanesischen Bürgerkrieg, dem Afghanistan der Mudschaheddin bis hin zum Fall der Berliner Mauer.



Gerd Ludwig – Kein Ende in Sicht: Tschernobyl 40 Jahre danach
Seit Jahrzehnten dokumentiert Gerd Ludwig die Auswirkungen der nuklearen Katastrophe, die sich 1986 in Tschernobyl ereignete. Von 1993 an reiste er wieder und wieder ins Sperrgebiet und fotografierte, was sich dort ereignete.



Axel Javier Sulzbacher: Antes de ser Niño
Den Förderpreis Canon Video Grant erhielt Axel Javier Sulzbacher für seinen Dokumentarfilm „Antes de ser Niño – Before being a Child“ (Bevor sie Kinder sein durften) für den er über einen längeren Zeitraum eine Jugendmiliz in Mexiko begleitet.

