
Zwei Wochen nachdem Vincent Keymer bei der Grand Chess Tour in Bukarest seinen „mit Abstand größten Erfolg im klassischen Schach“ erkämpft hatte, war er bei „Norway Chess“ am Ende nur passiv am Kampf um den Turniersieg beteiligt. Obwohl er die Begegnungen so ehrgeizig anlegte wie in Bukarest, endeten fast alle unentschieden, und ihm gelang nur ein Sieg gegen den Weltmeister Dommaraju Gukesh. Seine einzige Niederlage kassierte der 21 Jahre alte deutsche Spitzenspieler in der letzten Runde gegen den einige Monate jüngeren Rameshbabu Praggnanandhaa.
Der Inder hat sich mit einer vierten Gewinnpartie in Folge somit vom zwischenzeitlich letzten auf den ersten Platz vorgearbeitet und ist nach seinem Absturz der letzten Monate zurück in den Top Ten der Weltrangliste. In Bukarest war er Fünfter und Keymer Erster gewesen, in Oslo haben sie die Platzierungen getauscht.
„Er hatte sich überspielt“
Aus eigener Erfahrung weiß Keymer nur zu gut, was bei „Pragg“ vorgeht. „Der ist topvorbereitet, der arbeitet hart und ist ein sehr guter Spieler, aber er hatte sich überspielt“, sagt er im Gespräch mit der F.A.Z. Vor einigen Monaten sei es ihm selbst so gegangen. Anfang März in Prag spürte er, dass der Fokus fehlte. Danach gönnte er sich eine Pause.
Im April bestritt er nur zwei Bundesligapartien und in Karlsruhe das Freestyle-Turnier mit ausgelosten Grundstellungen, das er gewann. Weil seine Freundin in Wien studiert, lebt er inzwischen in der österreichischen Hauptstadt. Zu seinen liebsten Entdeckungen zählt ein japanischer Garten: „Den fand ich sehr schön. Es ist mehr so die Einfachheit der Sachen.“
Keymer wirkt wie jemand, der seinen Platz gefunden hat. Das gilt auch stilistisch. Mit seinen Frackwesten und einem golden glänzenden Ring am Zeigefinger der rechten Hand, mit der er die Figuren zieht, sticht der über 1,90 Meter messende Großmeister unter seinen Kollegen heraus. Sportlich „habe ich mich jetzt in den Top Ten im klassischen Schach etabliert“, sagt er.
Carlsen außen vor
Weil Magnus Carlsen und Hikaru Nakamura kaum noch klassische Turniere bestreiten, seien sie außen vor. Von den anderen spiele Fabiano Caruana, aktuell Nummer zwei der Weltrangliste, am stabilsten. Unter den Nächstbesten sei mal dieser, mal jener vorn, „und ich erwarte, dass das jetzt noch so ein bisschen so weitergeht. Also ich würde sagen, da kann man momentan keine klare Hierarchie feststellen.“
Der WM-Herausforderer Dschawochir Sindarow „ist auf jeden Fall sehr gut. Ich denke aber nicht, dass er eindeutig besser ist als Abdusattorov, als Arjun, als Pragg, als Gukesh oder als ich. Ich würde ihn in eine Reihe mit uns stellen für den Moment.“ Keymer zufolge hatte der Usbeke enormes Glück in der für ihn schlecht stehenden Auftaktpartie des Kandidatenturniers gegen Andrej Jessipenko: „Das hätte er locker verlieren können, und hätte er das verloren, wäre er wahrscheinlich auf den letzten drei, vier Plätzen gelandet. Er hat es geschafft, diese Partie zu gewinnen und den Flow mitgenommen.“
Gukesh hadert
Das Gegenteil erlebt gerade Gukesh. Vor eineinhalb Jahren assistierte ihm Keymer bei der Vorbereitung auf das WM-Finale gegen Ding Liren. Seitdem hat der Inder kaum noch gute Resultate. In Oslo wurde er Letzter, steht in der Weltrangliste nur noch auf Platz 26. „Ich glaube, bei ihm ist es nicht mehr der volle Kalender, sondern sozusagen die Last des Titels. Aber dafür weiß ich zu wenig Details, weil es ganz tief in die Persönlichkeit hineingeht.“
Selbst habe er kurze Zeit mit einem Mentaltrainer gearbeitet und erst einmal erkannt, wie wichtig es sei, „mentale Energie zu tanken“. Dass Spieler wie er derzeit gefragt sind wie noch nie, empfindet Keymer als „sehr privilegierte Situation“.
„Ich schaffe dieses Jahr einfach nicht, alles zu spielen, was interessant wäre. Wenn sich mal zwei Events überschneiden, ist das für mich kein Problem. Wenn man immer unterwegs ist und Turnier, Turnier, Turnier spielt, kommt man überhaupt nicht dazu, mal sacken zu lassen, was passiert ist, und es zu verarbeiten. Schachlich muss man sich natürlich vorbereiten, wenn Weltklasse-Events anstehen, aber ich habe auch geguckt, dass ich ein bisschen zu mir komme und auch mental für die Turniere bereit bin.“
