Im Herbst 1993 trafen sich zwei künftige Regierungschefs zum Plausch: Silvio Berlusconi und Viktor Orbán. Der Ort des Treffens war das Trainingszentrum der AC Milan. Berlusconi, Präsident des italienischen Meisters, war gerade dabei, die Mitte-rechts-Partei Forza Italia aus der Taufe zu heben. Im Frühjahr 1994 wurde er erstmals Ministerpräsident von Italien.
Und Orbán? Der war beeindruckt vom mächtigen Fußballpräsidenten und Strippenzieher. Es sollten noch fünf Jahre vergehen, bis der Ungar Orbán Ministerpräsident seines Landes werden würde. Die Fußballbesessenheit verband beide auf Anhieb – und, wie sich später herausstellen sollte, auch eine Tendenz zum autokratischen Regierungshandeln.
Alle großen Klubs und Verbände für sich vereinnahmt
Orbán hat insgesamt 20 Jahre als Ministerpräsident gewirkt. An diesem Sonntag könnte diese Zeit zu Ende gehen. In den Umfragen führt die Tisza-Partei mit Spitzenkandidat Péter Magyar, einem ehemaligen Funktionär der Fidesz-Partei, der sich gegen Orbán gewandt hat. Im Wahlkampf dominieren die großen Fragen rund um Vetternwirtschaft, Spionagevorfälle und die Beziehungen zu Russland. Aber im Hintergrund sorgen sich so manche Sportfunktionäre um ihre persönliche Zukunft.
Denn in den vergangenen Jahrzehnten hat Fidesz nach und nach alle großen Klubs und Verbände für sich vereinnahmt. In der Fizz Liga, dem Fußball-Oberhaus Ungarns, steht heute jedes Team unter der Kontrolle von Fidesz-Granden oder Fidesz-nahen Unternehmen. Die letzte Bastion war der Traditionsverein Újpest Budapest, der jedoch 2024 an den Öl-Konzern MOL verkauft wurde.
Viktor Orbán? „Er war rau und technisch nicht versiert“
Das Interesse von Fidesz am Fußball – neben Handball der ungarische Volkssport – rührt nicht nur von dessen Anziehungskraft, sondern auch von Orbáns persönlicher Vergangenheit. Er wollte einst Fußballspieler werden, schien aber nur mäßig talentiert. „Er war rau und technisch nicht versiert. Er wollte unbedingt gewinnen, spielte hart und teils überhart, aber war nicht wirklich gut“, sagte Stefano Bottoni. Der Historiker hat ein Buch über Orbán unter dem Titel „Vom Dorffußballer zum globalen Vorbild der Illiberalen“ geschrieben.
Orbán entschloss sich dazu, Jura zu studieren und um die Wendezeit seine politische Laufbahn zu lancieren. Er betreibt Politik ähnlich, wie er einst auf dem Fußballfeld auftrat: mit großer Härte und gelegentlich jenseits des Erlaubten. Orbán umgab sich nicht zufällig mit ehemaligen Sportlern.

Außenminister Péter Szijjártó ist beispielsweise ein früherer Futsal-Spieler. „In der höheren Hierarchie des Außenministeriums ist es in der Tat ein Vorteil, wenn man einst Futsal gespielt hat“, sagte Bottoni. „Wir sehen also viele Leute, die schnelle Beförderungen erhielten, weil sie zum Kreis derer gehören, die früher mit Szijjártó zusammenspielten.“
Wenig überraschend war es ein Ansinnen Orbáns, Ungarn als Fußballnation wieder näher an die glorreichen Zeiten der 1950er-Jahre heranzuführen. Nur so richtig mag das nicht gelingen. „Ferencváros hat es geschafft, sich als mehr oder weniger regelmäßiger Teilnehmer der Champions League oder zumindest Europa League europäisch zu etablieren“, sagte Bottoni. „Es gab ansonsten keine signifikante Verbesserung, obwohl Milliarden von Euro in dieses Vorhaben geflossen sind.“
„Gibt es Fidesz nicht mehr, gibt es keine Party mehr“
Derartige Investments – Erfolg hin oder her – schaffen Abhängigkeiten. Aktuell herrscht Unsicherheit in der Fizz Liga darüber, wie es mit den Finanzen der Klubs nach dem Wahl-Sonntag weitergeht. Der lukrative TV-Vertrag mit Staatssender M4 Sport läuft aus. „Was die Staatsakteure betrifft, so haben sich Szerencsejáték Zrt. (Staatslotterie, d. Red.) und der TV-Rechteinhaber M4 Sport auf Geheiß der Regierung und angesichts der anstehenden Wahlen nur für ein Jahr verpflichtet“, sagte Verbandspräsident Sándor Csányi dem Portal „Nemzeti Sport“.
In seinen Aussagen wie auch denen von anderen Funktionären und regierungsnahen Sportmedien schwingt mit, dass bei einer Abwahl von Fidesz der Sport in eine ungewisse Zukunft blicken würde. Es ist jene Panikmache vor einem für Fidesz ungünstigen Wahlergebnis, die den Wahlkampf von Orbán prägt. „Gibt es Fidesz nicht mehr, gibt es keine Party mehr“, lautet einer der Slogans.
Unbehagen bei Instrumentalisierung des Sports
Doch auf den Straßen und in Fankurven grummelt es. Zum Beispiel bei Honvéd Budapest, dem einstigen Klub von Fußballlegende Ferenc Puskás. Dessen Name wird seit Langem vom Puskás Akadémia, einem mit Geld aufgepumpten Verein aus Orbáns Heimatort Felcsút, genutzt – oder eben: missbraucht. Umso größer war der Aufschrei, als Außenminister Szijjártó kürzlich bei einer Pressekonferenz zu einem Jugendturnier, welches von Puskás Akadémia ausgerichtet wird, über die Bedeutung von Ferenc Puskás sprach.
Es fielen Sätze wie: „Ich kann mit Überzeugung sagen, dass die Legende, Lebensgeschichte und Karriere von Ferenc Puskás eines der wichtigsten Assets von Ungarn sind.“ Szijjártó fungiert seit November als Präsident von Honvéd. Honvéds Fans verehren Puskás und verabscheuen dessen Vereinnahmung durch Fidesz. Nur ein Beispiel von vielen für das Unbehagen ob der Instrumentalisierung des Sports im Land.
Jenes Unbehagen wächst umso mehr, weil auf großspurige Ankündigungen von Teambesitzern meist wenig folgte. Als Újpest vom Öl-Giganten MOL übernommen wurde, sagte man dem Team eine erfolgreiche Zukunft voraus. Enorme Investments oder eine Besserung der sportlichen Lage blieben jedoch aus. Teilweise geschieht sogar das Gegenteil.
Die Handballteams von Veszprém und Szeged wirken nicht mehr so konkurrenzfähig in Europa wie in den 2010ern. Als Orbán mit seiner „Anti-Kriegs-Kundgebung“ in Szeged haltmachte, wo Tisza bei den Europawahlen stark abschnitt, ging er in die neu gebaute Handballarena. Péter Magyar versammelte seine Anhängerschaft am selben Tag auf dem Szechenyi-Platz in der Altstadt.
Noch ist der professionelle Sport fest in den Händen von Fidesz. Aber mit einem Regierungswechsel könnte sich genau das mit der Zeit ändern. Über Orbán-Widersacher Magyar ist bekannt, dass er ebenfalls ein passionierter Fußballfan ist.
