
Die Einigung zwischen Teheran und Washington auf eine vorläufige Einstellung der Kampfhandlungen bedeutet für viele Iraner zumindest ein Ende des ständigen Wartens auf den nächsten Angriff. In Gesprächen mit der F.A.Z. äußern Bewohner aus Teheran und Karadsch neben Erleichterung aber vor allem Skepsis. „Für uns ist der Nutzen vor allem psychologisch“, sagt eine 61 Jahre alte Unternehmerin aus Karadsch, einer Stadt in der Nähe von Teheran. „Dieser Schwebezustand der Unsicherheit hat psychologische Schäden verursacht, auch wenn vielen das noch gar nicht bewusst ist.“
Hoffnung auf eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage hat die Frau kaum, selbst wenn eingefrorene iranische Gelder freigegeben werden sollten, wie die Vereinbarung in Aussicht stellt. „Die Kriegsschäden sind so schwerwiegend, dass es eine sehr lange Zeit dauern wird, bis wir wieder auf Vorkriegsniveau ankommen werden, aber zumindest haben wir jetzt den Nullpunkt erreicht.“
Es bleibe abzuwarten, inwieweit freigegebene Gelder überhaupt der Zivilbevölkerung zugutekämen oder doch nur dem Militär. Sie habe aber den Eindruck, die Regierung halte es für notwendig, die Gesellschaft zusammenzuhalten. „Wenn der Krieg nicht mehr so im Vordergrund steht, kann mehr Aufmerksamkeit auf den Wiederaufbau statt auf militärische Notwendigkeiten gelenkt werden.“
Auch andere beschäftigt die Frage, wie die Führung finanzielle Mittel verteilen werde, die im Zuge der Verhandlungen mit Amerika zugänglich gemacht werden könnten. „Die einfachen Leute ohne Beziehungen zur Regierung werden davon nicht profitieren“, glaubt Omid, ein Angestellter aus Teheran. Darin könnte wohl ein Keim für neue Unzufriedenheit liegen.
„Wir stecken in einem Kreislauf aus Krieg und Verhandlungen fest“
Viele sind skeptisch, dass am Ende überhaupt ein Abkommen mit den USA erzielt wird. „Wir haben in den vergangenen Jahren schon viele solcher Verhandlungen gesehen“, sagt ein 38 Jahre alter Onlinehändler aus Teheran. „Ich glaube, wir werden auf absehbare Zeit in diesem Kreislauf aus Verhandlungen, Vereinbarungen und Kriegen stecken bleiben.“ Die Leute in seinem Umfeld hätten aufgehört, die Nachrichten zu verfolgen. „Das alles hat sich schon so oft wiederholt, dass es jegliche Bedeutung verloren hat.“
Ein Teheraner Student namens Ali sagt: „Ich sehe keine Garantie in der Vereinbarung, dass der Krieg nicht weitergeht. Er könnte nach der Fußball-Weltmeisterschaft wieder losgehen.“ Mit einer signifikanten Aufhebung von Sanktionen rechnet er ohnehin nicht. „So lange ich denken kann, stehen wir unter Sanktionen.“ Er hofft nur darauf, dass bald wieder die ausländischen Konsulate öffnen, damit die Leute Visa beantragen könnten.
Das mögliche Ende des Krieges führt dazu, dass sich die Aufmerksamkeit wieder stärker den ungelösten strukturellen Problemen des Landes zuwendet. Dem Wassermangel, den Stromausfällen, der Luftverschmutzung, der Arbeitslosigkeit, den hohen Lebenshaltungskosten und dem Mangel an Freiheit. „Ich glaube nicht, dass die Islamische Republik in der Lage ist, diese Probleme zu lösen“, sagt Arasch, ein Universitätsdozent aus Teheran. Daran könne keine ausländische Intervention etwas ändern. „Das Beste, auf das wir hoffen können, ist, dass es nicht noch schlimmer wird.“
„Der Krieg hat die extremistischen Kräfte gestärkt“
Der Dozent glaubt, dass die Rufe nach Gerechtigkeit für die Tausenden getöteten Demonstranten bei den Protesten im Januar allmählich wieder lauter werden würden. „Noch ist die gesellschaftliche und politische Atmosphäre extrem restriktiv“, sagt der Dozent. „Aber der weitverbreitete Wunsch nach einem Regimewechsel ist nicht über Nacht entstanden und wird auch nicht über Nacht verschwinden.“
Der Student Ali glaubt, die Wahrscheinlichkeit einer neuen Protestwelle habe sich durch den Krieg deutlich verringert, obwohl die USA und Israel anfangs auf den gegenteiligen Effekt gehofft hatten. „Der Krieg hat extremistische Kräfte gestärkt. 120 Nächte lang waren sie auf der Straße und haben uns nicht schlafen lassen.“ Es gebe Leute, die jetzt damit drohten, Frauen ohne Kopftuch Säure ins Gesicht zu schütten. Solche Kräfte würden brutal gegen jeden neuen Protest vorgehen, meint Ali. Das wirke abschreckend. Auch ein Teheraner Verleger namens Farschid glaubt, dass der Krieg die Hardliner gestärkt und aggressiver gemacht habe. „Aber die Leute werden es nicht einfach dabei belassen.“ Er meint die Rückeroberung des öffentlichen Raums zum Beispiel durch Frauen ohne Kopftuch.
Alle Befragten waren der Meinung, dass nur eine kleine Minderheit die Vereinbarung mit den USA ablehne. Manche, weil sie das Abkommen als demütigend empfänden. Andere, weil sie von einer Fortsetzung des Krieges profitiert hätten, so wie Angehörige der Basidsch-Miliz, denen die militärische Lage mehr Status und Handlungsfreiheit verlieh.
Arasch, der Dozent, findet es bemerkenswert, dass alle wichtigen Institutionen des Landes die Vereinbarung mit den USA mittrügen, nach 47 Jahren Feindschaft und einem Krieg, in dem der Oberste Führer getötet wurde. Die Zahl der Verhandlungsgegner sei gering, aber sie seien ebenfalls nah an der Macht und würden alles tun, um die Gespräche zu untergraben.
Mit dem möglichen Ende des Krieges werden auch die Fragen nach dem Verbleib des Obersten Führers lauter. „Selbst Unterstützer der Hardliner sind sich nicht sicher, ob Modschtaba Khamenei noch lebt oder tot ist“, sagt Omid, der Angestellte aus Teheran.
