
„Wahnsinn.“ Am Ende dieses aufreibenden Fußballabends fielen selbst dem sonst besonnenen Sebastian Hoeneß kaum Worte ein, mit denen er das, was er da nur Minuten vorher miterlebt hatte, beschreiben konnte. „Es ist ein emotionaler Overload“: Das war dann selbst für ihn alles ein bisschen viel.
Als der Fußballtrainer des VfB Stuttgart die Pressekonferenz am frühen Freitagmorgen um 0.46 Uhr beendet, scheint es ein wenig, als habe Hoeneß da noch immer nicht ganz realisiert, was er und sein Team kurz zuvor eigentlich geschafft haben. Nach dem 2:1 nach Verlängerung im Halbfinale gegen den SC Freiburg steht der VfB Stuttgart zum zweiten Mal nacheinander im Endspiel um den DFB-Pokal.
Das ist bislang einmalig in der Historie des Klubs: Noch nie hatten die Schwaben die Gelegenheit, den Titel, den Hoeneß und sein Team in der vergangenen Saison gegen Arminia Bielefeld erstmals seit 1997 wieder gewonnen haben, zu verteidigen. „Ich bin überüberglücklich und extrem stolz“, sagte Hoeneß. „Wir haben geschafft, was diesem Klub noch nie gelungen ist.“
„Da hat das Stadion gebebt“
Es war ein Spiel „mit Potential für Herzrhythmusstörungen“, beschrieb es Sportvorstand Fabian Wohlgemuth nur wenige Meter entfernt in der Mixed Zone. Ein Spiel, das durch einen spektakulären Treffer in der 119. Minute entschieden wurde. Ein Spiel, in dem sich die Freiburger „zu Recht“, wie auch die Stuttgarter (Hoeneß) fanden, über eine äußerst strittige Schiedsrichterentscheidung echauffierten.
Aber auch ein Spiel, in dem die Stuttgarter am Ende eine Qualität unter Beweis stellten, die die Entwicklung dieser Mannschaft unter Trainer Hoeneß auf beeindruckende Weise verdeutlicht – und die womöglich noch an Bedeutung gewinnen könnte mit Blick auf das nun bevorstehende Endspiel am 23. Mai gegen den FC Bayern München.
Der Reihe nach. Als sich um 23.16 Uhr Tiago Tomás das Trikot vom Oberkörper riss, gab es in Stuttgart kein Halten mehr. Selbst Torhüter Alexander Nübel sprintete einmal über das gesamte Spielfeld und fiel dem Torschützen in die Arme. „Da hat das Stadion gebebt“, sagte Wohlgemuth. Eine enorme Last fiel den Stuttgartern von den Schultern, weil sie realisierten, dass sie sich für ihre Schlussoffensive tatsächlich belohnten, nachdem sie der SC Freiburg in der ersten Halbzeit an den Rand der Verzweiflung gebracht hatte und durch Maximilian Eggestein (28. Minute) in Führung gegangen war.
Hölers regelwidriges Tor?
Schon zum Ende der ersten Hälfte aber war Stuttgart besser geworden, ehe Deniz Undav vor den Augen von Bundestrainer Julian Nagelsmann per Flachschuss platziert zum 1:1 abschloss (70.). Dann folgte in der Verlängerung der Geniestreich von Tomás: Nach einem Stuttgarter Ballgewinn leitete er den Gegenzug in der eigenen Hälfte selbst ein, Badredine Bouanani flankte von rechts halbhoch, Tomás sprang in die Höhe und ließ den Ball mit der rechten Hacke vor seinem Körper nach links und am herausragenden Freiburger Schlussmann Florian Müller vorbei ins Netz prallen. „Ein unglaubliches Tor“, sagte Hoeneß später.
Dass es überhaupt so weit kommen konnte, hatte auch mit einer strittigen Entscheidung um Freiburgs Lucas Höler zu tun, der direkt nach dem Anpfiff der Verlängerung das vermeintliche 1:2 erzielt hatte. Weil jedoch Schiedsrichter Tobias Welz Hölers Körpereinsatz gegen den stark spielenden VfB-Verteidiger Jeff Chabot als überhart wertete und, kurz bevor der Ball die Torlinie querte, pfiff, zählte das Tor nicht.
„Ich versuche einfach nur, meinen Körper reinzustellen. Für mich ist es absolut kein Foulspiel“, sagte Höler am Sky-Mikrofon und nannte die Entscheidung eine „Frechheit“. Auch sein Trainer Julian Schuster war bedient. „Unverständlich und nicht nachvollziehbar“ sei das, dass „eine Situation so früh dann abgepfiffen wird“ und nicht etwa, wie auch zuvor in diesem Spiel, beim vermeintlichen 1:1 durch Angelo Stiller (61.) zuerst laufen gelassen wurde, um dann, nach Ende der Aktion, eine Entscheidung nötigenfalls durch Hinzuziehung des VAR zu treffen.
DFB gesteht Fehler ein
„Einen krasseren Fehler, glaube ich, kannst du nicht machen als Schiri. Gut für uns natürlich, aber das darfst du nie und nimmer wegpfeifen“, sagte Stuttgarts Stürmer Undav. Am Tag darauf ordnete der Deutsche Fußball-Bund die Entscheidung seines Unparteiischen ein.
„Mit den Fernsehbildern wäre es jedoch deutlich besser gewesen, das Duell als robusten, aber regelkonformen Zweikampf zu bewerten, die Partie weiterlaufen zu lassen und das unmittelbar folgende Tor von Höler zu geben“, sagte Marco Fritz, Leiter Regelauslegung und Evaluation in der DFB Schiri GmbH. Weil der VfB am Ende die nötige Konzentration und Übersicht behielt, riss er das Spiel schließlich an sich. Auch das macht Spitzenmannschaften aus.
Hoeneß über die besondere Qualität
Hoeneß setzte mit diesem Sieg seinen bemerkenswerten Weg in Stuttgart fort, der in kürzester Zeit von der Bundesliga-Relegation in die Champions League und zum Pokalsieg 2025 führte – und in dieser Saison, so viel steht bereits fest, abermals in einen europäischen Wettbewerb führen wird. Bereits an diesem Sonntag (15.30/DAZN) geht es gegen Werder Bremen um wichtige Punkte für die abermalige Teilnahme an der Königsklasse.
Welche besondere Qualität er bei seiner Mannschaft mit Blick auf ihre Entwicklung an diesem Abend gesehen habe, wurde der Dreiundvierzigjährige noch gefragt, ehe er sich nach einem denkwürdigen Fußballabend vom Podium verabschiedete und erschöpft durch eine Seitentür in die Katakomben verschwand. Hoeneß musste da einen Moment überlegen. Doch als er sich ein wenig sortiert hatte und die vorangegangenen Ereignisse für ihn greifbarer wurden, fielen ihm die passenden Worte schließlich ein: „Diese Mannschaft“, sagte er, „ist für wichtige Spiele bereit.“
