Am Bad Homburger Publikum hatte es nicht gelegen. Die Tennisfans auf dem Centre Court im Kurpark gaben alles, um Venus Williams in die zweite Runde des 500er-WTA-Turniers zu tragen, gerieten auf den Tribünen im prallen Sonnenlicht selbst mächtig ins Schwitzen. Dass es am Ende vergebene Liebesmüh gewesen war, empfanden Tennis-Ikone und Bewunderer als Enttäuschung, ihr Gemeinschaftserlebnis wurde dadurch aber kaum geschmälert.
Die 46 Jahre alte Amerikanerin hatte in den fast drei Stunden Spielzeit, an deren Ende die 2:6-, 6:4-, 6:7 (6:8)-Niederlage gegen die Rumänin Irina Begu stand, den Zuschauern geboten, wofür sie gekommen waren – ein emotionales Rendezvous mit der Tennis-Geschichte. Und für sich selbst konnte Venus Williams mitnehmen, dass es keine ganz verrückte Idee ist, mit 46 noch Profitennis zu spielen.
Warum tut sie sich das nur an? Wieso gefährdet sie ihren Legenden-Status? Rein statistisch tut sie es. Die Bad Homburger Niederlage war die achte bei ihrem achten Auftritt auf der WTA-Tour in diesem Jahr. Und während der ersten anderthalb Sätze gegen Begu fällt einem neutralen Beobachter darauf auch keine gute Antwort ein. Dass sie den Ball noch mit der nötigen Härte schlagen kann, um im Profitennis erfolgreich zu sein, wird schon im ersten Spiel deutlich. Aber die Streuung ist erheblich, und wenn es Begu gelingt, die Amerikanerin vor dem Balltreffpunkt zu ein paar Schritten zu bewegen, dann rutscht die Trefferquote tief in den Keller. Und entsteht aus einem Ballwechsel eine unorthodoxe Spielsituation, dann wirkt Venus Williams manchmal geradezu desorientiert.
Im Publikum schlägt das Mitleiden in Mitfiebern um
Aber nachdem sie sich Mitte des zweiten Satzes über ein Break in das Match zurückgekämpft hat, ändert sich das Bild. Venus Williams wird selbstsicherer, das Mitgefühl des Publikums schlägt von Mitleiden in Mitfiebern um. Der Tie-Break bietet eine echte sportliche Show, die auch ohne den Ikonen-Status der einen Spielerin ein Hingucker gewesen wäre.
Und so könnte man nach drei Stunden Tennis im Kurpark die Frage nach dem Warum mit einem Warum nicht kontern. Warum sollte eine 46 Jahre alte Multimillionärin nicht ihrer Leidenschaft nachgehen, von der sie seit ihrem fünften Lebensjahr erfüllt ist, wenn sie nichts Besseres zu tun hat? Moment. Venus Williams hätte Besseres zu tun. Sie hat einen Abschluss als Modedesignerin, ist als sehr erfolgreiche Unternehmerin in den Bereichen Innenarchitektur, Lifestyle, Mode und Ernährung unterwegs. Darüber hinaus setzt sie sich in Podcasts, als Autorin und bei Wohltätigkeitsveranstaltungen für Gleichberechtigung und diverse Kunstprojekte ein.
Warum sollte also eine 46 Jahre alte Multimillionärin nicht ihrer Leidenschaft nachgehen, wenn sie es will? Es gibt keinen Grund, da auch ihr frisch angetrauter zweiter Ehemann, Andrea Preti, sie gerne zu den Turnieren begleitet. Der 38 Jahre alte italienische Schauspieler hinterließ in Bad Homburg einen überaus höflichen und freundlichen Eindruck. Es erschien nachvollziehbar, was Venus Williams am Kavalier der älteren Schule anziehend fand, als sie ihn auf einer Modenschau in Rom kennenlernte.
Auch Venus Williams präsentierte sich in der Kurstadt von ihrer freundlichsten Seite. Stets lächelnd, in Outfits ihrer derzeitigen Lieblingsfarbe weiß gehüllt, lobte sie den gediegenen Charme Bad Homburgs und die Qualität der Rasenplätze. „Man sagte mir, es sei wunderschön hier, und es ist auch so.“ Zugewandt beantwortete sie die Fragen der Journalisten, wenn auch lieber kürzer als länger. Dabei offenbarte sie dann doch die Antwort, warum sie sich immer noch im Profitennis versucht: „Weil ich es will und kann. Mein Trainingsumfang ist noch genauso groß wie früher, mein Körper hält es aus. Ich weiß nicht, wie lange das noch der Fall sein wird. Halten wir die Finger gekreuzt.“

Venus Williams litt bis vor zwei Jahren an schweren Krankheiten (Sjögren-Syndrom/Autoimmunschwäche sowie Uterusmyome/gutartige Gebärmuttertumore), die ihr Leben beeinträchtigten und erst recht ihre Karriere als Sportlerin. Nachdem sie die Krankheiten überwunden hatte, kehrte die Lust auf Tennis in vollem Umfang zurück. Ob sie das Spiel jetzt nur noch genießt, ohne Druck, unabhängig, ob sie einen „Winner“ schlägt oder ihr ein „Unforced Error“ unterläuft? „Eine tolle Idee, vielen Dank dafür, aber leider läuft es bei mir nicht so. Es hat sich nichts geändert, ich bin so ehrgeizig wie früher, vielleicht habe ich auf dem Platz sogar noch mehr Emotionen. Ich muss mich ständig zwingen, sie zu beherrschen.“
Venus Williams hat monatelang versucht, ihre Lust auf Tennis auf ihre eineinviertel Jahre jüngere Schwester Serena zu übertragen. Lange vergeblich, bis ihre achtjährige Nichte Olympia, Serenas Tochter, erfolgreich Überzeugungsarbeit leistete. „Ja, Olympia hat es geschafft, ihre Mutter davon zu überzeugen, mit mir in Wimbledon Doppel zu spielen“, erklärte Venus in Bad Homburg.
Die beiden Schwestern bildeten bis vor knapp 15 Jahren ein Doppel, das die Damenkonkurrenz wortwörtlich zertrümmerte: 14 Grand-Slam-Erfolge, drei olympische Goldmedaillen (2000, 2008, 2012) umfasst ihre Rekordliste, sie verloren nie ein Endspiel. „Dabei konnten wir eigentlich gar nicht Doppel spielen“, sagte Venus kürzlich in einem Interview mit einem amerikanischen Fernsehsender. „Aber wir schlugen auf wie die Roboter und unsere Returns kamen wie aus einer Panzerkanone, da brauchten wir keine Doppel-Taktik.“ Die Williams-Schwestern hatten seit ihrem Auftauchen Mitte der Neunzigerjahre Schlaghärte und Dynamik im Damentennis neu definiert.
Was heutzutage möglich ist? „Das wüsste ich auch gerne, wir werden es in Wimbledon sehen“, sagte die Amerikanerin in Bad Homburg. Sie mache sich keine Sorgen um Serena, „obwohl ich gar nicht weiß, wie viel sie trainiert und ob es gut bei ihr läuft. Aber Serena hat dieses natürliche Talent und ihre Schläge sind immer noch unglaublich.“ Auf jeden Fall habe sie selbst mittlerweile Doppel spielen gelernt, sagt Venus. „Taktisch und in der Positionierung bin ich besser geworden.“ Bei den US Open im vergangenen September erreichte sie mit der Kanadierin Leylah Fernandez das Viertelfinale. Sie freue sich unbändig auf das Erlebnis, mit Serena in Wimbledon Doppel zu spielen. „Es wird etwas Surreales haben. Wie es ausgeht, weiß ich nicht. Aber auf jeden Fall werden wir unser Herz auf dem Platz lassen.“
