
Vor der sengenden Vorsommersonne schützen sich viele mit der venezolanischen Nationalflagge. Immer wieder erschallt an der Madrider Puerta del Sol am Samstag der ungeduldige Ruf „Wahlen, Wahlen“, bis María Corina Machado auf dem Balkon des Amtssitzes der Madrider Regionalregierung erscheint. Jubel wie für einen Popstar brandet auf, „Presidenta“ ruft die Menge der Oppositionsführerin zu.
Die Friedensnobelpreisträgerin besucht zum ersten Mal „Klein-Caracas“, wie manche Madrid schon nennen. Mehr als 200.000 der knapp 700.000 venezolanischen Flüchtlinge leben in der spanischen Hauptstadt. „Heute beginnt unsere Heimkehr“, kündigt Machado an und fordert die mehr als 10.000 Menschen auf, schon einmal „die Koffer zu packen“.
Auf dem Platz in Madrids Mitte hatten Exilvenezolaner zuletzt am 3. Januar die Nachricht gefeiert, dass ein amerikanisches Kommando den Machthaber Nicolás Maduro gefangen genommen hatte. Aber seitdem hat sich in Venezuela wenig verändert.
„Für den Präsidenten gilt: Amerika zuerst“
„Wir wollen nicht mehr länger warten“, sagt ein junger Venezolaner, der vor eineinhalb Jahren nach Spanien geflohen ist. „Aber mit Donald Trump kann man nie wissen. Für den Präsidenten gilt: Amerika zuerst“, meint er und klingt frustriert. In Madrid erwartet jedoch María Corina Machado erst einmal eine große Umarmung.
Sie hatte sich bis zum vergangenen Dezember über 17 Monate in Venezuela versteckt. Auf abenteuerlichem Weg reiste sie dann nach Stockholm zur Nobelpreiszeremonie. Unter Tränen fällt sie sich mit Weggefährten in die Arme, die im Gefängnis gesessen und sie lange nicht gesehen hatten. Nur Edmundo González Urrutia, der 2024 an ihrer Stelle die Präsidentenwahl gewonnen hatte, fehlt an der Puerta del Sol. Er muss in Madrid nach einer Operation kurzfristig ein weiteres Mal ins Krankenhaus.
Doch nach Europa kommt Machado mit leeren Händen: Mehr als vier Monate sind vergangen seit der amerikanischen „Extraktion“ des Diktators, wie Machado die Militäraktion nennt. Sie kann weder einen Termin für ihre Rückkehr noch für freie Wahlen nennen – nur Mut machen und versuchen, die Opposition aus ihrem rastlosen Exil zusammenzuhalten. „Im Moment gibt es keine Alternative zu ihr. Ihre Loyalität zu Donald Trump, der sie schlecht behandelt hat, könnte sie noch teuer zu stehen kommen“, befürchtet eine Frau, die am Rand des Platzes einen Schattenplatz gefunden hat.
Machado kündigt vorsichtig Wahlen in diesem Jahr an
Machado schwärmt von den geeinten Venezolanern, die spätestens mit dem Wahlerfolg 2024 bewiesen hätten, dass sie bereit für die Demokratie seien: „Wir sind nicht aufzuhalten.“ Vorsichtig deutet sie auf einer Pressekonferenz in Madrid Wahlen noch in diesem Jahr an. Sie stellt aber sofort klar, dass sie sich an das politische Drehbuch hält, das der amerikanische Außenminister Marco Rubio geschrieben hat.
Mit ihm steht sie nach eigenen Worten in engem Kontakt. Wahlen sind erst für die dritte und letzte Phase vorgesehen. Den Termin werde man mit Washington „in gegenseitigem Respekt koordinieren“, sagt sie diplomatisch.
Die Oppositionsführerin, die Trump ihren Nobelpreis geschenkt hat, hat sich auf einen riskanten politischen Balanceakt begeben: Die Amerikaner wollen erst einmal Ruhe und Stabilität unter Maduros Nachfolgerin Delcy Rodríguez, während ihre Anhänger endlich nach Hause in ein freies Venezuela möchten. Die konservative Marktwirtschaftlerin Machado hatte schon zuvor gute Beziehungen zu Washington und viele Freunde unter europäischen Rechtspopulisten.
Großes Lob für Donald Trump
Fragen nach ihren amerikanischen Partnern weicht sie in Madrid aus, abgesehen von einem großen Lob, mit dem sie auch erklärt, weshalb sie Trump ihren Friedensnobelpreis geschenkt hat. Der Präsident sei „der einzige Staatschef“ gewesen, der das Leben amerikanischer Staatsbürger „für die Freiheit Venezuelas riskiert“ habe. „Das werden die Venezolaner nie vergessen und ihm immer dankbar sein“, verspricht sie – und gleich auch noch die Unterstützung des Freiheitskampfs der Kubaner.
Das Lob für Trump ist zugleich ein Seitenhieb auf die spanische Linksregierung, der Machado während ihrer fünf Tage in Madrid lieber aus dem Weg geht. Umso mehr hofieren sie die konservative PP und die rechtspopulistische Vox-Partei.
In Barcelona feierten die „Kommunisten“, sagt die konservative Madrider Regionalpräsidentin Isabel Díaz Ayuso, die die Opposition vor der Kundgebung mit der Goldmedaille der Region auszeichnete. Zuvor hatte der PP-Bürgermeister ihr die Ehrenschlüssel der Stadt übergeben, wie es sonst nur bei Staatsoberhäuptern der Brauch ist. Und der PP-Vorsitzende empfing sie in der Parteizentrale, als hätte sie die spanischen Wahlen gewonnen.
Initiative zur „Verteidigung der Demokratie“
Ayuso spielt auf zwei große Treffen in Barcelona am Wochenende an. Dort war der sozialistische Ministerpräsident Pedro Sánchez Gastgeber einer internationalen Initiative zur „Verteidigung der Demokratie“ und „Global Progressive Mobilisation“, zu der sich sozialdemokratische und sozialistische Parteien zusammengeschlossen haben. Die Präsidenten Brasiliens, Mexikos, Kolumbiens, Südafrikas und Uruguays waren angereist, auch der SPD-Vorsitzende und Bundesfinanzminister Lars Klingbeil.
Doch aus Barcelona kam keine Unterstützung für die venezolanische Opposition und ihre Forderung nach Wahlen. Der Kolumbianer Gustavo Petro gab ihr den Rat, eine gemeinsame Regierung mit den Vertretern des alten Regimes zu bilden, um „Vertrauen aufzubauen“ für freie Wahlen nach zwei Jahren. Und der Brasilianer Luiz Inácio Lula da Silva solidarisierte sich mit Sánchez’ Ablehnung von Trumps Irankrieg mit den Worten: „Wir sitzen im selben Schützengraben.“
Mit Sánchez’ Partnerwahl begründet auch Machado, weshalb sie ein Treffen mit dem spanischen Ministerpräsidenten derzeit nicht für „ratsam“ hält. Nach eigenen Angaben waren sowohl Sánchez als auch sein Außenminister zu einer Zusammenkunft bereit.
Auf ihrer Europareise wurde die Friedensnobelpreisträgerin zuvor von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sowie den Regierungschefs in den Niederlanden und in Italien empfangen. In Madrid hatte ihr die Linksregierung, die zuvor venezolanischen Flüchtlingen die Tür Spaniens weit geöffnet hatte, nicht einmal offiziell zum Nobelpreis gratuliert. Das tat nur König Felipe VI. in einem privaten Brief, wie erst jetzt bekannt wurde.
Aber auch Machados Allianzen erschweren die Beziehungen. Im vergangenen Jahr schickte sie aus ihrem Versteck ein Video zur Madrider Konferenz der Rechts-außen-Fraktion des Europaparlaments „Patrioten für Europa“. Politiker wie Viktor Orbán, Marine Le Pen und Geert Wilders nannte sie damals als ihre europäischen Verbündeten „an vorderster Front“. In Madrid macht sie dem Vorsitzenden der rechtspopulistischen Vox-Partei, Santiago Abascal, ihre Aufwartung. Aus Barcelona reagierte Sánchez mit einer Kampfansage. „Die Rechte führt nicht, sie siecht dahin“, sagte er.
