An der venezolanischen Karibikküste herrscht Chaos. Auf der Hauptstraße von Catia del Mar versucht eine Gruppe, in einen Lebensmittelladen zu gelangen. Kaum ist das Metalltor aufgebrochen, drängt die Meute ins Innere. Wenig später kommen die Ersten mit Lebensmitteln hinaus: Eier, Maismehl, Süßgetränke, einige gar mit Fleisch, das sie eilig davontragen.
Einige Meter weiter wird vor den Augen der Sicherheitskräfte ein weiteres Geschäft geplündert. Ein paar Schritte weiter steht auf dem Rollladen einer Bäckerei geschrieben: „Bereits geplündert“.
Catia del Mar liegt im Bundesstaat La Guaira, nur wenige Kilometer vom internationalen Flughafen Maiquetía entfernt, der die Hauptstadt Caracas bedient und ebenfalls beschädigt ist. Hier an der venezolanischen Karibikküste haben die schweren Erdbeben vom Mittwoch den größten Schaden angerichtet. Hunderte von Gebäuden sind eingestürzt oder schwer beschädigt. Die Region gleicht einem Kriegsgebiet, als wäre ein Bombenhagel auf sie niedergegangen. Tausende Todesopfer werden befürchtet.
Die Überlebenden versuchen, an Lebensmittel zu kommen
Unter denen, die überlebt haben, wächst die Verzweiflung. Ein junger Mann, der den Plünderern zuschaut, sagt: Viele seien von der Kommunikation abgeschnitten, hätten kein Mobilfunknetz und keinen Strom. „Wir haben keine Informationen, keiner weiß, ob und wann er Hilfe bekommt“, sagt er. Wer jetzt nicht genug Vorräte mitnehme, werde in den nächsten Tagen ohne Essen dastehen. „Das ist es, was den Menschen hier durch den Kopf geht.“
Aus einer Markthalle steigen letzte Rauchfahnen auf. Das Gebäude habe nach dem Beben Feuer gefangen, sagen die Leute hier. Drinnen suchen einige zwischen den rußgeschwärzten Ständen nach Sachen, die noch zu gebrauchen sind. Eine Frau kommt mit einem Stapel Kleider heraus.
Die Situation in der Stadt ist chaotisch. Menschen eilen umher. Unzählige Autos und Motorräder versuchen, sich einen Weg durch die Straßen und Menschen zu bahnen. Seit die Verbindungsstraße zwischen der Küste und Caracas wieder frei ist, bewegt sich ein endloser Konvoi von Fahrzeugen ins Katastrophengebiet. Zivilisten aus Caracas bringen Wasser, Essen und andere Hilfsgüter in die Region. Polizisten und Armeeangehörige versuchen, den Verkehr in den Küstenstädten unter Kontrolle zu bringen, um die Durchfahrt für eintreffende Rettungskräfte zu erleichtern. Es fehlt an Koordination.
Deutsche Rettungskräfte sind am Flughafen von Maiquetía eingetroffen
Auf dem beschädigten und für den zivilen Luftverkehr gesperrten internationalen Flughafen von Maiquetía, der nur wenige Kilometer entfernt ist, treffen derweil immer mehr internationale Rettungskräfte ein. Erste sind bereits im Einsatz. Am Freitagabend sind auch drei Maschinen der Bundeswehr mit 48 ehrenamtlichen Einsatzkräften des Technischen Hilfswerks, vier Rettungshunden und 15 Tonnen Material eingetroffen. Erstes Ziel sei es, möglichst schnell eine Einsatzstelle zugewiesen zu bekommen, um mit den Arbeiten beginnen zu können, und einen Stützpunkt einzurichten, sagte Sprecherin Mareike Harms der F.A.Z. kurz nach der Ankunft.
Die Zeit drängt. Trotz des verheerenden Ausmaßes der Zerstörung in der Küstenregion dürften sich Überlebende unter den Trümmern befinden. Auf einem eingestürzten Mehrfamilienhaus in Catia del Mar, in dem Überlebende vermutet werden, stehen einige freiwillige Helfer und arbeiten sich ins Innere vor. Die Arbeit ist riskant. Seit den Beben von Mittwoch ist es zu mehreren Nachbeben gekommen.

Vor dem Haus steht ein Pick-up der Kriminalpolizei, auf dessen Ladefläche unter einer Decke eine Leiche in der flimmernd heißen Mittagshitze liegt. Der Polizist sagt, dass es weiter vorne noch viel dramatischer sei. Er hat recht. Wenige hundert Meter weiter ist auf der Strandpromenade kein Durchkommen mehr, weil Teile eines riesigen Wohnblocks den Hang heruntergestürzt sind. Auch hier tragen freiwillige Helfer mit bloßen Händen den Schutt ab.
Mehrfamilienhäuser sehen wie umgekippte Dominosteine aus
Nicht nur mit den Bergungsarbeiten ist Venezuela in den ersten zwei Tagen nach dem Erdbeben vollkommen überfordert. Auch die Betreuung und Versorgung der Überlebenden stellen das von einer jahrelangen Krise gebeutelte Land vor große Probleme. Im Baseball-Stadion von Catia del Mar stehen improvisierte Zelte aus Leintüchern, darunter liegen Matratzen und ein paar andere Habseligkeiten.
Das sei alles, was ihr geblieben ist, sagt Ludis Gómez, die tränenüberströmt danebensteht. Auf einer Anhöhe hinter dem Stadion ist die äußerste Hausreihe des riesigen staatlichen Wohnbauprojektes „Urbanismo Hugo Chávez“ zu sehen, wo Gómez mit ihren Kindern und Hunderten anderen Familien wohnte. Aus der Ferne sehen die Mehrfamilienhäuser wie umgekippte Dominosteine aus.
Gómez beschreibt, wie die Wohnblocks während des Bebens „wie Kokospalmen“ schwankten und teilweise in der Mitte auseinanderbrachen. Menschen seien in Panik aus den Fenstern gesprungen. „Es war wie in einem Film“, sagt sie. Die 48 Jahre alte Haushaltshilfe, die bei der Erdrutsch-Katastrophe von 1999 im selben Bundesstaat schon einmal ihr Haus verloren hat, kam mit ihren Kindern rechtzeitig raus. Doch fünf Angehörige, eine Cousine mit Kindern und Enkeln, wurden verschüttet. „Es gibt sehr viele Tote.“

Ein kleiner Lieferwagen fährt im Stadion ein. Helfer eines staatlichen Ernährungsprogramms verteilen Nahrungsmitteltüten und kleine Säckchen mit Vitaminpaste. Rasch bildet sich eine lange Schlange.
Vor Ort ist auch Ever Gutiérrez, technischer Direktor des Nationalen Instituts für Ernährung (INN). Er erklärt, dass sich die Maßnahmen derzeit noch in der Phase der „Eindämmung, Diagnose, Rettung und Soforthilfe“ befinden. Erst danach folge die Phase der Rehabilitation. Zentral sei die Versorgung der Krankenhäuser, sagt Gutiérrez. Dem Beamten zufolge sind in der Region fünf Krankenhäuser funktionsfähig. Alle seien jedoch an der Kapazitätsgrenze, Verletzte würden nach Caracas verlegt.
Die Tüten mit dem nährstoffreichen Inhalt sind die erste staatliche Hilfe, die Gómez seit dem Erdbeben erreicht. Andere warten weiterhin vergeblich. Ihre Verzweiflung wächst. Die internationalen Rettungsteams und Hilfsorganisationen, die Venezuela erreichen, werden in La Guaira auf Menschen treffen, die sich seit dem Beben deren Belastungsgrenze bereits überschritten ist.
