Bis die Usinger wieder heimische Butternüsse essen können, wird es noch bis zu 20 Jahre dauern. Bis sie wieder Holz des Butternussbaums verarbeiten können, dürften locker 100, wenn nicht 150 Jahre vergehen. Aus Sicht eines Menschenlebens ist das viel. Noch viel länger aber ist es her, dass die Nuss aus der Familie der Walnussgewächse in der Gegend gereift ist. „Vor den Eiszeiten war die Butternuss schon einmal da“, sagt Anna Holl.
Die Biologin steht auf einer Pflanzfläche im Wald der Stadt Usingen im hessischen Hochtaunuskreis und lässt Zweige durch die Finger gleiten. Jedes Butternussblatt besteht aus mehr als zehn Blättchen entlang eines Stiels. Vier oder fünf solcher Blätter hat der Baum schon. Der Stamm ist dünner als der Stützstab, an dem er wächst.
Wie die Butternuss seien auch die Hickorynuss und die Edelkastanie einst hierzulande heimisch gewesen, sagt Holl. Die drei Nussarten und sechs weitere hat der Verein „Vielfalt genießen“ im Stadtwald gepflanzt. Gefördert hat das Vorhaben das europäische Leader-Programm der Region Hoher Taunus. Bisher sind die nahen Eschbacher Klippen ein Ziel, das Ausflügler in die Gegend lockt. In ferner Zukunft werden es vielleicht auch Walnüsse, Pekannüsse, Königsnüsse, Schwarznüsse und eben Butternüsse sein. Insgesamt 3500 Sämlinge sollen zu Bäumen werden und Früchte abwerfen.

Auf Holls T-Shirt steht „Wir pflanzen, alle genießen“. Die Grundidee sei die Versorgung mit gesunden Lebensmitteln, sagt die Vereinsvorsitzende. Sie spricht von einem Versuch, bislang importierte und teure Arten selbst anzubauen. Wenn der Zaun um die etwa einen Hektar große Pflanzfläche in frühestens zehn Jahren abgebaut ist, soll jeder unentgeltlich Nüsse auflesen dürfen. Unabhängig davon, ob er oder sie im Verein ist.
Durch den Klimawandel steigen die Temperaturen. Das lässt Holl hoffen, dass die Butternuss im Taunus gedeiht. Zurzeit wachse sie hauptsächlich in den USA. Weil niemand weiß, wie genau sich das Klima entwickelt, setzt der Verein mit neun Arten auf Vielfalt. Die Sämlinge stammen Holl zufolge aus deutschen Baumschulen.
Nusslehrpfad mit neun Schautafeln
Die Butternusszweige ragen schon bis zur Brust, die der Essbaren Eiche bis zum Knie. Sie wachsen im Gestrüpp. Die Pflanzfläche ist eine Steppe, wie im Taunus durch Trockenheit, Sturm und Borkenkäfer viele entstanden sind. Zusammen mit Holl ist Karl-Matthias Groß über den Drahtzaun geklettert, der Revierförster des Stadtwalds von Usingen. Wie er sagt, werden die Nussbäume nicht oder nur wenig freigeschnitten. So sind sie vor Frost, Wind und Hitze geschützt und können den Tau aufnehmen. Der Verein, 2022 aus einer Krabbelgruppe von neun Müttern und einem Vater gegründet und inzwischen 70 Mitglieder stark, hilft der Stadt bei der Pflege. Rund um die Butternuss treten sie die Gräser bloß etwas flach, Brombeeren schneiden sie aber auch ab.
Gepflanzt hat der Verein die Sämlinge im Herbst 2024, nachdem er das Vorhaben ein Jahr zuvor mit vier Arten auf einer kleineren Fläche erprobt hatte. Holl nennt als Auswahlkriterien, dass die Arten „im Wald funktionieren und die Nüsse bei Reife auf den Boden fallen“. Zum Ernten muss also niemand klettern. Außerdem wurden 800 Wildobstgehölze gepflanzt, darunter Felsenbirne, Weißdorn und Holunder. Das Nussbaumholz soll die Stadt Usingen nutzen können. In bis zu 150 Jahren.
Vorige Woche hat Bürgermeister Steffen Wernard zum Abschluss des Leader-Projekts einen Nusslehrpfad entlang des Waldwegs eröffnet. Zu Holl sagte der CDU-Politiker: „Sie stampfen Projekte aus dem Boden, die wirklich bundesweit Pilotprojekte werden können.“ Der Lehrpfad soll in der Wartezeit auf die Nüsse „schon ein bisschen den Mund wässrig machen“, wie die Vereinsvorsitzende sagt.
Förster Groß mag eigentlich keinen „beschilderten Wald“, wie er sagt. Aber auch er findet die neun Tafeln nun doch schön. Eine handelt von der Haselnuss. Die Art ist eine Ausnahme, denn sie wird schon in wenigen Jahren tragen. Der Förster hofft, dass Eichhörnchen dann viele Nüsse vergraben – und noch mehr Bäume sprießen.
