
Nach der unbefristeten Verlängerung der Waffenruhe stehen die Kriegsparteien nun wieder vor der Frage: Wer hält die Seeblockade länger durch? Donald Trump behauptet, „Iran bricht finanziell zusammen“. An jedem Tag, an dem die US-Marine iranische Häfen blockiere, gingen Teheran 500 Millionen Dollar Öleinnahmen verloren, schreibt der amerikanische Präsident auf seiner Plattform Truth Social.
Trump geht so weit zu behaupten, dass das Regime nicht mehr genügend Geld habe, seine Soldaten und Polizisten zu bezahlen, wofür es keinerlei Belege gibt. Sein Finanzminister Scott Bessent behauptet, Irans Ölspeicher auf der Insel Kharq würden „innerhalb von Tagen“ volllaufen. Das Regime werde gezwungen sein, Bohrlöcher zu schließen, was zu dauerhaften Schäden führen kann.
Washingtons Zeitrechnung wird allerdings von Experten angezweifelt. Der Energiefachmann Gregory Brew vom Beratungsunternehmen Eurasia Group meint, Iran habe genug Ölspeicher für weitere fünf Wochen. Außerdem ist die amerikanische Blockade brüchig. Laut Daten der Analysefirma Vortexa haben wenigstens 34 Tankschiffe die amerikanische Blockade durchfahren, darunter mehrere mit vollen Öltanks. Irans Schattenflotte hat seit Jahrzehnten Erfahrung damit, die internationalen Sanktionen mit Täuschungsmanövern zu unterlaufen.
Teheran glaubt wohl, länger durchhalten zu können
Teheran scheint jedenfalls überzeugt, den Wirtschaftskrieg mit den USA länger durchhalten zu können, als Trump die Kosten der iranischen Kontrolle über die Straße von Hormus zu tragen bereit sei. Irans Botschafter bei den Vereinten Nationen, Amir-Saeid Iravani, erklärte ein Ende der amerikanischen Blockade zur Bedingung für eine Fortsetzung der Verhandlungen in Islamabad. Man habe Signale erhalten, dass die USA bereit seien, die Blockade zu lockern, behauptete er vor Journalisten in New York.
Eigentlich waren die Gespräche für den heutigen Mittwoch geplant gewesen – kurz bevor die von Trump ursprünglich verkündete Waffenruhe auslaufen sollte. Doch die Iraner wähnten sich am längeren Hebel und ließen die Zeit verstreichen, ohne ihre Teilnahme an den Gesprächen zuzusagen.
Trump versuchte das darauf zu schieben, „dass die Regierung in Iran ernsthaft gespalten ist“. Der Vermittler Pakistan habe darum gebeten, von Angriffen auf Iran abzusehen, „bis ihre Führer und Vertreter sich auf eine einheitliche Position verständigen können“. So lange werde der Waffenstillstand gelten, schrieb der Präsident auf Truth Social.
Washington behauptet, die iranische Führung sei gespalten
Aus dem Weißen Haus wurde die Lesart von der angeblich gespaltenen iranischen Führung durch weitere Aussagen unterfüttert. So berichtete der Sender CNN, Trumps Berater hätten den Eindruck, es gebe in Teheran keinen Konsens in der Atomfrage und in der Frage, wie viel Entscheidungsbefugnis die eigenen Unterhändler beim Thema Urananreicherung und dem Verbleib des bereits angereicherten Urans haben sollten. Nach amerikanischer Lesart werde die Entscheidungsfindung möglicherweise dadurch erschwert, dass die Rolle des Obersten Führers Modschtaba Khamenei unklar sei. Washingtons Einschätzung stütze sich teilweise auf Aussagen der pakistanischen Vermittler, berichtete CNN.
Iranfachleute widersprechen der Darstellung einer gespaltenen Führung. „Alle im iranischen System sind sich einig, dass es keinen Sinn macht zu verhandeln, wenn die USA ihre Blockade fortsetzen“, schreibt etwa Ali Vaez von der Denkfabrik Internationale Crisis Group auf der Plattform X. Das Narrativ von der „gespaltenen Führung“ erscheint aus Teheraner Sicht als neue Variante von Trumps vorheriger Darstellung eines angeblich bereits vollzogenen Regimewechsels mit vermeintlich „weniger radikalen und vernünftigeren“ Führern.
Die Vorstellung, dass Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf als Chefunterhändler Positionen durchsetzen könnte oder wollte, die den Interessen der Revolutionsgarde und den Instruktionen des Obersten Führers zuwiderlaufen, ging von Anfang an fehl.
Irans öffentliche Positionen zur Atomfrage haben sich im Unterschied zu den sprunghaften Äußerungen Trumps in den vergangenen Monaten kaum verändert. Die Zugeständnisse, zu denen es vor dem Krieg bereit war und zu denen es jetzt bereit scheint, lassen sich nur schwer mit den Erfordernissen des Präsidenten in Einklang bringen, ein viel besseres Abkommen zu präsentieren als sein Amtsvorgänger Barack Obama im Jahr 2015. Trumps Erwartung, dass er Teheran durch militärischen und wirtschaftlichen Druck zum Einlenken bewegen könnte, hat sich bislang nicht erfüllt.
Allerdings zeigt auch Teheran wenig Interesse an einer Rückkehr zu einer militärischen Konfrontation. Zwar tönte Mahdi Mohammadi, ein Berater Ghalibafs, „Trumps Waffenruheverlängerung bedeutet gar nichts. Die Verliererseite kann die Bedingungen nicht diktieren.“ Die Fortsetzung der Blockade müsse militärisch beantwortet werden, schrieb er auf X. Bislang aber hat Teheran die Beschlagnahmung eines seiner Frachter durch die US-Marine trotz entsprechender Drohungen nicht vergolten.
