Morgens liegt dieser Ort im Nebel, so wie alles an der Donau, und nebulös und geheimnisvoll ist auch schon sein Name: die Weltenburger Enge. Was ist das für ein Ort, der gleichzeitig weltengroß und eng ist? Kenner der Gegend lieben ihn – die sagenhaft schöne Asamkirche, den Biergarten unter Kastanien an diesem unerhörten Ort, an dem die Donau eine Schleife zieht, als wolle sie ein Ausrufezeichen formen, ehe sie ein mächtiges Kalksteinmassiv durchbricht, die berühmte Enge.
Früh schon wurde das Naturmonument unter Schutz gestellt, König Ludwig I. war bereits im Jahr 1840 so weitsichtig, den Ort vor allen drohenden Veränderungen des einsetzenden Industriezeitalters zu bewahren, und davon profitieren bis heute nicht nur der Turmfalke und der Uhu, die hier in den Kalksteinwänden nisten, sondern auch die Besucher: Im Sommer treiben sie mit einem der Ausflugsdampfer oder dem Kanu durch die Enge, wo ihnen der Mund offen stehen bleibt angesichts der hochaufragenden, unverbauten Kalksteinlandschaft, die eingefasst von üppigen Wäldern aus dem Morgennebel auftaucht.
Bescheidenheit und Drama
Und falls die Donau doch auch tagsüber ihren Mantel aus Nebel über den Donaudurchbruch und seine Felslandschaft legt, liegt am Tor zur Schlucht noch ein anderes Fenster zum Himmel: Die Asamkirche, die eigentlich St. Georg heißt, ist das Herz der Benediktinerabtei Weltenburg und in ihrem Inneren von so überwältigender Schönheit, dass sich die Betrachter erst einmal hinsetzen müssen.
Einige fallen sogar auf die Knie, denn so viel Theater auf dem Hochaltar ist selbst für das barocke Bayern bemerkenswert: Der heilige Georg schwebt erleuchtet vom Tageslicht auf einem silbernen Ross in den Kirchenraum, zu seiner Linken erschreckt sich das edle Fräulein mit wallendem Saum und roten Wangen, zu seiner Rechten streckt ihm der Drache seine lodernde Zunge entgegen.

Allein mit Betrachtung dieser Szene, die es mit jedem 3D-Hollywood-Film aufnehmen kann, könnte man den Tag zubringen. Und dann hat man doch all die anderen Details noch nicht studiert, die von den Brüdern Asam hier in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, genauer von 1716 bis 1739, hier in den Raum gezaubert wurden. Die geschraubten Säulen schicken Liebesgrüße in den Petersdom und weisen auch hier den direkten Weg zum Himmel, in dem die Fresken tanzen, als wäre der jüngste Tag gekommen, und wo sich, so viel Eitelkeit muss sein, auch die Baumeister, die Asambrüder, verewigten als höhere Wesen. In Weltenburg tut sich so auch bei Regen die Himmelstür auf. Das Licht kommt vom Hochalter und von oben aus der Kuppel, mehr Gottesverherrlichung ist der Kunstgeschichte selten eingefallen.
Älteste Klosterbrauerei der Welt
Es gibt aber auch handfestere, weniger metaphysische Genüsse und die Möglichkeit eines viel diesseitigeren Rausches an diesem Ort. Weltenburg ist auch der Sitz der ältesten Klosterbrauerei der Welt, was ihn zu einem der beliebtesten Ausflugsziele der Region macht: Eine halbe Million Menschen besuchen jedes Jahr die Abtei, die auch damit ihr Geld verdient, denn kein Benediktinerkloster darf dem Kirchensteuerzahler zur Last fallen: „Erst dann sind sie wirkliche Mönche, wenn sie von der Arbeit ihrer Hände leben“, lautete eine der Regeln des heiligen Benedikt. Und so nahm auch das gewerbsmäßige Brauwesen in den Klöstern seinen Anfang.
Es waren wohl Benediktiner, die bereits im sechsten Jahrhundert damit begonnen hatten, nicht nur für die Mitbrüder, sondern auch für den Verkauf außerhalb der Klostermauern zu brauen. Die Klosterbrauerei ist zuletzt vom Familienunternehmen Schneider Weisse geschluckt worden, aber am Produktionsstandort ändert sich nichts; der Duft von Hopfen und Malz, der hin und wieder durch die Klostermauern wabert, wird bleiben.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Die Arbeit im Kloster Weltenburg ist noch heute vielgestaltig, jeder Mönch hat mehrere Aufgaben. Die Berufsfelder sind weit: Imker, Schreiner, Hotelmanager, Haustechniker, aber auch vier Gemeinden werden von den Mönchen seelsorgerisch betreut. In der Klausur putzen die Brüder auch selbst; es zählen Gehorsam, Demut, Schweigsamkeit, „Ora et labora“ – und genau in dieser Reihenfolge, denn vor der Arbeit kommt das Gebet.
Und das Einnehmendste an diesem Ort – bei all seiner Erhabenheit, dem Donaudurchbruch, den Deckenfresken, den Rocaillen und dem barocken Pomp und dem Trubel des Biergartens – ist die Ruhe, die man hier finden kann. Wenn man wartet, bis die Ausflugshorden weg sind und der Biergarten dichtgemacht hat, dann kann man in Weltenburg auch sein, ohne strengen Gelübden zu folgen oder fünfmal täglich zum gemeinsamen Gebet zu erscheinen, wie es die hier lebenden neun Mönche tun – denn in einem der Gebäudetrakte ist das Gästehaus St. Georg untergebracht: Rund 100 Gäste kann das Haus beherbergen, es stehen außerdem acht Tagungsräume zur Verfügung.
Die Tagungslogistik ist eines der Felder, die Frater Matthias für seinen Orden bestellt. Er kommt aus Kelheim, trägt die Gegend hier sozusagen in den Genen und wird ihr treu bleiben. „Stabilitas loci“ – die Ortsbeständigkeit – ist eines der wesentlichen Gelübde, die die Benediktiner eingehen: dass sie das Kloster, in das sie eintreten, nie wieder verlassen.

So weitreichende Versprechen muss aber keiner machen, der eines der 57 Zimmer im Gästehaus St. Georg bucht. Die Zimmer sind schlicht, aber nicht karg, dafür geräumig, man geht auf Holzdielen; es gibt einen schnörkellosen Schreibtisch und ein Bett, das keinen Anspruch erhebt, außer dass man darin schläft. Das Bad ist geräumig und sieht aus, als wäre es gerade erst saniert worden – doch nein, das sei Jahre her, sagt Frater Matthias. Er zitiert die Chefin des Housekeeping: Wenn der Gast schon weder Fernseher noch Minibar oder andere Ablenkungen im Zimmer habe, müsse man besonders penibel sein, denn der Gast schaut vielleicht aus lauter Langeweile unterm Bett oder auf dem Schrank nach. Er wird keinen Staub finden; dies sind vermutlich die saubersten Hotelzimmer Deutschlands.

Der Tag hat hier eine Struktur, die sich nicht verhandeln lässt: Frühstück gibt es unten im Erdgeschoss der Prälatur gegenüber, ein unaufgeregtes Buffet. Zwischendurch läuten immer wieder die Glocken. Nicht laut genug, um zu erschrecken, aber bestimmt genug, um daran zu erinnern, dass Zeit hier nicht vergeht, sondern eingeteilt wird. Und irgendwann liegt man dann in seinem Bett im Gästehaus St. Georg und hört durch die dicken Wände fast nichts von der Welt, nur, wenn man das Fenster öffnet, das Rauschen der Donau, und denkt kurz darüber nach, ob man so leben könnte. Nicht für immer, aber vielleicht für eine Weile.
