Vor dem Stadtwaldhaus sitzen Menschen auf Klapphockern, mit Pinsel und Stift in der Hand. Zwischen Bäumen und Gehegen richten sie Skizzenbücher und Wasserfarbkasten her. Das Informationszentrum an der Isenburger Schneise im Süden Frankfurts ist eine ungewöhnliche Kulisse für die Urban Sketchers, die sonst vor allem in städtischer Umgebung malen. Im Stadtwald unter Baumkronen ist an diesem sonnigen Nachmittag aber jeder Schattenplatz willkommen. Umgeben von den Mufflons, Damhirschen und Eulen in ihren Gehegen gehen ihnen die Motive für Bilder nicht aus.
Markus Wagner aus Bockenheim hat den Ort für das Treffen bei der Planung der nächsten Zusammenkunft im Frühjahr vorgeschlagen. „Ich male gerne Tiere“, sagt er: „Wenn sie sich nicht zu viel bewegen.“ Architektur sei eher nicht sein Thema. Früher hat er Gesellschaftsspiele illustriert, heute ist er im Ruhestand. Viele in der Runde zeichnen, seit sie Kinder sind. Wagner ist 57 Jahre alt und sagt, er male seit 53 Jahren.
Von den Urban Sketchers hat er vor anderthalb Jahren über soziale Medien erfahren. „Diese Art von Treffen ist perfekt für Menschen mit Sozialphobie“, sagt er: „Man trifft sich kurz, zerstreut sich dann in alle Ecken, malt für sich in Stille und kann, wenn man möchte, sich mit anderen austauschen, aber ganz ungezwungen.“ Fehler stören ihn nicht: „Die Skizze ist frei.“ Wichtig sei ihm, dass ein Bild Persönlichkeit habe und nicht nur das Motiv möglichst exakt abbilde: „Sonst könnte man doch ein Foto schießen.“
Zeichnungen sollen Persönlichkeit zeigen
Organisiert hat das Treffen Sibylle Lienhard. Sie ist seit 2014 Mitglied der Urban Sketchers Rhein-Main, deren Mailverteiler derzeit etwa 120 Namen umfasst. Je nach Ort und Motiv kommen zwanzig bis sechzig Personen. An diesem Tag sind es etwa dreißig. „Wir sind kein Verein, sondern eine lose Vereinigung“, sagt Lienhard. Wer in den Verteiler aufgenommen werden will, füllt ein Formular auf der Internetseite urbansketchers-rheinmain.de aus.

Kurse bieten die Urban Sketchers bewusst nicht an: „Es ist ein offenes Zeichnen, kein Korrekturerlebnis.“ Lienhard beobachtet ein unwillkürliches Lernen. Menschen sähen sich die Skizzenbücher der anderen an, stellten Fragen, übernähmen kleine Tricks. Sie hat Architektur studiert, weil einige ihrer Lehrer es ihr empfahlen. Sie zeichnete gut, war in Mathematik stark, also schien der Weg naheliegend: „Ich würde das heute niemandem empfehlen. Wer zeichnen will, soll lieber Kunst studieren.“
Trotzdem prägt der Beruf ihren Blick. Sie achtet auf Linien, Proportionen, Räume. Urban Sketching ist für sie aber mehr als nur Technik. „Es geht darum, die Umwelt wahrzunehmen.“ Der Unterschied zur Fotografie liegt für sie in der Zeit, die man mit einem Motiv verbringt. Das Prinzip sei einfach. Es wird an einem bestimmten Ort gezeichnet und nicht von Fotos abgemalt: „Dadurch vertieft man sich mehr in die Situation.“

Das Urban-Sketching-Netzwerk reicht dabei weit über das Rhein-Main-Gebiet hinaus. Die Bewegung geht auf das Jahr 2007 und Gabriel Campanario zurück, einen Journalisten und Illustrator aus Seattle. Er zeichnete für eine Tageszeitung eine Kolumne, in der er Musikszenen, Märkte, Bauprojekte und Alltagsmomente in einem Skizzenbuch festhielt. Seinetwegen verabreden sich nun Menschen in Europa, Asien, Nord- und Südamerika, um gemeinsam durch Städte zu ziehen und zu zeichnen. Mehr als dreihundert Regionalgruppen gibt es inzwischen, die Gruppe im Rhein-Main-Gebiet existiert seit rund dreizehn Jahren.
Lienhard vernetzt sich gerne über das Rhein-Main-Gebiet hinaus: „Mit allen, die die Sprache des Zeichnens sprechen.“ Auf Reisen sucht sie nach anderen Regionalgruppen, schreibt ihnen und trifft sich zum gemeinsamen „Sketchwalk“. Erst vor Kurzem war sie in Toulouse beim internationalen Urban‑Sketchers‑Symposion. Hunderte Zeichner füllten die Stadt, suchten Motive, hielten sie fest. Sie sammelt die Namen und Kontaktdaten auf den Stickern der Künstler und klebt sie in ein kleines Notizbuch: „Mittlerweile haben alle ihre eigenen Sticker, um in Kontakt zu bleiben.“
Bei vielen Bildern hilft es, eine Nacht darüber zu schlafen
Neben Lienhard sitzen Kerstin Rose und Johanna Krimmel. Während des Gesprächs zeichnen und reden die drei durcheinander. Rose und Krimmel sind den Urban Sketchers zwischen 2016 und 2017 beigetreten. Während sie sprechen, ziehen sie Linien, setzen Farbe. „Man muss Fehler machen, um daraus zu lernen“, sagt Rose. Lienhard ergänzt, es helfe, eine Nacht darüber zu schlafen: „Am nächsten Tag sieht es dann besser aus.“ Krimmel sagt, man solle nicht radieren. Sie hat Kommunikationsdesign studiert.
Die drei erleben die Gruppe als Ermutigung, Neues zu versuchen. „Man muss auch mal aus der Komfortzone des eigenen Stils ausbrechen“, sagt Rose. Zwischendurch bewegt eine Mitarbeiterin des Stadtwaldhauses ihr Fahrzeug und fährt weg. Krimmel schaut auf, ihr Motiv ist verschwunden. Lienhard lacht und nennt es „die Tragik des Urban Sketching“. Motive laufen weg, Autos fahren davon, Menschen stehen auf. Wer zeichnen will, lernt zu improvisieren.

Auf die Frage, wie ein eigener Stil entstehe, sagt Lienhard, man könne gar nicht verhindern, einen zu entwickeln: „Es ist so, wie es aus mir herausschießt.“ Rose fügt hinzu, man könne sich nicht verbiegen. An Zeichnungen sei oft das Temperament abzulesen. Und die Stimmung, in der jemand gerade gewesen sei. Der Stil wechsle je nach Motiv: „Wenn man tanzende Menschen malt, die sich bewegen, oder ein Fachwerkhaus, ist es etwas anderes.“ Krimmel merkt an, dass man Bildern auch Zeitdruck ansehe: „Es wirkt dann hektisch.“
Eine Zeichnung drückt mehr aus als eine Fotografie
Donna aus Frankfurt kommt seit etwa einem Jahr regelmäßig zu den Treffen. Sie blättert in ihrem Skizzenbuch, in dem Fachwerk, Straßenszenen und ein Strand in Frankreich zu sehen sind. „Die größte Schwierigkeit ist, sich beim Motiv festzulegen und zu finden, was man malen möchte“, sagt sie. Eigentlich habe sie die Tiere zeichnen wollen, doch die seien ihr zu beweglich gewesen: „Als Urban Sketcher muss man schnell sein, sonst bewegt sich das Motiv oder es wird verdeckt.“

Architektur sei ihr liebstes Motiv, doch sie zeichne überall dort, wo ihr etwas ins Auge falle. Vor allem auf Reisen: „So kann man Erinnerungen und Momente gut festhalten. Eine Zeichnung drückt viel mehr aus als eine Fotografie. Man hält Eindrücke, Stimmung und Perspektiven fest.“ In der Gruppe fühle sie sich sicherer: „Man muss mutig sein, wenn man allein in der Öffentlichkeit malt. Oft wird man komisch angeschaut oder steht im Weg.“ Unter Gleichgesinnten sei es einfacher. Donna schaut gerne in die Skizzenbücher der anderen. Sie interessiert sich dafür, welche Motive sie wählen und welche Techniken sie benutzen.
„Zu den Treffen kann jeder kommen, auch wenn er wenig Erfahrung hat“, sagt Lienhard. Heute sitzt ein Kind mit seinem Vater in der Runde, auch spontane Besucher, die sich dazusetzen wollen, sind ihr zufolge willkommen. Und auch junge Menschen finden den Weg zu den Urban Sketchers. Melanie, 34 Jahre, und Sarah, 28 Jahre, sind seit zwei Jahren dabei. Sie haben sich erstmals bei einem Treffen der Gruppe getroffen und verstanden sich auf Anhieb. Dass beide heute Zeit haben, sei Zufall, sagen sie, doch sie freuen sich über die gemeinsame Runde im Stadtwald.
Nach etwa drei Stunden versammeln sich die Mitglieder der Gruppe vor dem Stadtwaldhaus. Der „Throwdown“ beginnt. Viele der Künstler haben das ganze Treffen lang darauf hingefiebert. Die Zeichner legen ihre Bilder nebeneinander auf einen langen, umgekippten Baumstamm. „Viele Motive hat man noch gar nicht gesehen oder ganz anders wahrgenommen“, sagt eine Frau. Kein Bild gleicht dem anderen.
Zwei Personen vertiefen sich in eine Eule auf Papier. „Dann war sie weg, das war gar nicht so einfach, sich zu erinnern, wie die Ohren aussahen“, sagt die Künstlerin. Da merke man, wie wenig man manchmal wahrnehme. Eine andere Frau zeigt auf eine Zeichnung und sagt, sie wolle gleich noch einmal dorthin gehen und das Motiv zeichnen: „Das habe ich vorhin gar nicht gesehen.“ Einige verabreden sich, um noch etwas trinken zu gehen. Andere schließen sich zu Fahrgemeinschaften zusammen oder fahren gemeinsam mit dem Fahrrad zurück in die Stadt.
