Azizam, mein Lieber, ich sitze auf dem Luzernenfeld der Farm. Die Schafe grasen, und mein türkischer Freund O. zieht gerade einem Schaf das Fell ab, das heute geopfert wurde.
Gestern war das Opferfest. Hier stehen wegen des Feiertags für einige Tage die meisten Dinge still, und seit gestern wurden auf der Farm mehrere Schafe geschlachtet. Für mich war diese Tradition immer etwas Fremdes, etwas Raues und zugleich Kompliziertes. Ich weiß, dass sich auch die Familie meines Vaters gestern versammelt und ein Schaf geopfert hat. Die Menschen kommen auf die Farm, um ein Schaf für das Opferfest zu kaufen. O. hat ungefähr zwanzig Schafe verkauft. Manche, die mit ihm befreundet sind, bitten ihn sogar, die Schlachtung selbst vorzunehmen. Heute kam T. hierher, ein Freund und Nachbar von O.
Der Hof ist übersät mit Wolle, frischem Blut und Fliegen
T. gehört zu den Kurden der Türkei und ist Schiit. Er ist ein gläubiger Mann. Seine Frau trägt ihr Kopftuch auf die Art vieler kurdischer Frauen um den Kopf gewickelt, und auf ihrem Gesicht liegt fast immer ein Lächeln. T. und seine Frau sind ungefähr in meinem Alter und haben drei Söhne. Der Älteste wird bald heiraten, und wir sind zu seiner Hochzeit eingeladen. Auf Türkisch entschuldigt sich T. bei mir, dass er mir nicht die Hand geben kann. Er sagt, er bete und dürfe das nicht tun. Sein vierzehnjähriger Sohn dagegen gibt mir die Hand und betet nicht.
T. vollzieht die rituelle Waschung zum Gebet und fragt O. nach islamischer Tradition dreimal, ob er die Opferung durchführen darf. O antwortet dreimal mit Ja. Dann legt er das Schaf mit dem Kopf nach Mekka, spricht die erste Sure des Korans und durchtrennt ihm die Kehle. In Iran gibt man einem Schaf vor der Schlachtung Wasser zu trinken. Die Farm riecht nach Blut. Ein Drittel des Fleisches geht an den Besitzer des Opfertieres, ein Drittel an Verwandte und Familie und das letzte Drittel an arme Menschen. Auf dem Küchentisch liegt der große Kopf eines Schafes mit mächtigen, gewundenen Hörnern und ruhigen, offenen Augen. Der Hof ist übersät mit Wolle, frischem Blut und Fliegen.

Mit eigenen Augen sehe ich, wie Begriffe und Worte Glaubensvorstellungen erschaffen und wie diese Vorstellungen unseren Gefühlen Richtung und Form geben. Der Tierkörper hängt am Baum. Wir versammeln uns darum, stehen neben dem Kadaver, heben zur Feier des Festes unsere Tequila-Shots und trinken. Danach verteilt O. an die Jüngeren Zweihundert-Lira-Scheine als Festgeschenk. Ich sage zu O., dass genau dieser Teil unislamisch sei. T. stimmt mir zu und sagt, Alkohol sei haram. T. ist der Einzige, der den Islam tatsächlich lebt und keinen Alkohol trinkt. Und wir alle vertrauen ihm. O. sagt, T. sei wie ein Sohn für ihn, und er wünsche sich, ihm immer helfen zu können, bis seine Kinder ihren Platz im Leben gefunden haben.
Die Fliegen, das Gedränge und das Chaos im Hof machen mich unruhig. Um das auszugleichen, ziehe ich mich in mein Zimmer zurück und nehme das kleine Kätzchen in den Arm, das ich vor Kurzem auf der Straße gefunden habe. Es spielt mit meinen Haaren, knabbert mit seinen nadelspitzen Milchzähnen an meinem Ohr, wickelt sich um meinen Hals und hört nicht auf zu spielen. O. ruft es zu sich und gibt ihm ein Stück frische, noch warme Leber. Eine ganze Stunde lang spielt die Katze mit dem Stück Leber wie mit einem Ball und frisst zwischendurch immer wieder kleine Bissen davon.
Heute hat mir mein Vater über Whatsapp geschrieben und ein Foto aus der Natur Nordirans geschickt. Gestern wurde das Internet endlich wieder freigeschaltet – langsam zwar, aber immerhin. Als ich Instagram öffnete, hatte ich das Gefühl, als wäre ein Damm aus dem Weg eines Flusses entfernt worden. Plötzlich begannen unzählige Menschen zu sprechen, Nachrichten zu schicken und zu erzählen, was sie in diesen Monaten erlebt hatten.
Auch ich aktivierte meinen Instagram-Account wieder und hatte das Gefühl, erneut unter meinen Landsleuten zu sein. Die unvollständigen Leben der Menschen, die Fotos der Frauen mit ihren geschminkten Gesichtern und künstlichen Lächeln, die Witze über den Krieg, die Internetsperren, Trump und die Teuerung – all das ergibt auf seltsame Weise das vollständige und wirkliche Bild des Lebens in Iran. Vielleicht werde ich deshalb keine Träume mehr von Krieg und der Zerstörung meines Hauses haben. Weil andere Erzähler zu mir stoßen. Und weil sich das Gewicht der Ereignisse nun auf mehrere Schultern verteilt.
Gestern Morgen sagte ich zu O., als ich aufwachte, dass ich das Gefühl hätte, überhaupt nicht geschlafen zu haben. Wieder hatte ich geträumt, mitten in Explosionen und Bomben zu sein und nach einem Fluchtweg zu suchen. Zuletzt versuchte ich, über eine Hauswand auf ein Dach zu gelangen. Meine Füße rutschten ab, und ich kam nicht höher. Ich blickte aus der Höhe nach unten und sagte mir: Die Toten werden unter der Erde begraben. Also muss ich auf der Erde bleiben. Ich legte mich auf den Boden, schloss die Augen und bereitete mich vor.
Nona ist ein Pseudonym. Unter ihm schickt eine iranische Autorin jede Woche einen Brief, in dem sie aus ihrem Leben von und mit dem Irankrieg berichtet. Aus dem Persischen von Mehrdad Zaeri.
