
Ob Stadtvilla in bester Lage oder Rotklinkerbau-Ensemble am Rande des Klinikgeländes, ob lang gezogenes Hochhaus oder ein Flachbau an der Stadtgrenze: 19 früher von der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) genutzte Immobilien stehen seit geraumer Zeit leer. Das ärgert nicht nur Studenten in der von hohen Mietpreisen geprägten Stadt an der Lahn. Das eine oder andere Haus könnte zum Beispiel für Wohngemeinschaften umgewidmet und hergerichtet werden oder als nichtkommerzieller Treffpunkt. Das gilt etwa für das vor einigen Wochen besetzte Haus an der Hein-Heckroth-Straße wenige Fußminuten vom Uni-Hauptgebäude entfernt.
Für die Hochschule bedeuten die Leerstände Jahr für Jahr hohe Kosten. Wie die Hochschule auf Anfrage wissen lässt, hat das Leerstandsmanagement allein im vergangenen Jahr eine sechsstellige Summe verschlungen. Die anteilig höchsten Kosten verursachte demnach die Betreuung eines seit 13 Jahren leer stehenden Hochhauses an der Frankfurter Straße. 92.300 Euro wurden vor allem für Heizkosten und Hausmeisterdienste fällig. Der zweitgrößte Posten entfiel auf das sogenannte Siesmayer-Karrée auf einer Fläche von drei Hektar. Dabei handelt es sich um ein gegen Ende des 19. Jahrhunderts gebautes und nach dem Gartenkünstler Heinrich Siesmayer benanntes Ensemble aus elf Häusern. Es steht im Westen des weitläufigen Geländes des Uniklinikums und ist bis vor gut zehn Jahren als Psychiatrie genutzt worden. 50.500 Euro wurden in diesem Fall für Heizen, Hausmeister und Instandhaltungsarbeiten ausgegeben.
Ehemaliges Lager der JLU schon seit 2009 verwaist
12.800 Euro flossen in einen Flachbau auf dem Chemie-Campus, und knapp 10.000 Euro musste die JLU in das vom Fachbereich Rechtswissenschaften belegte Haus Hein-Heckroth-Straße 3 stecken. Ein lange Zeit als Lager verwendetes Gebäude in der Nachbarschaft von Neuem Schloss und Zeughaus zog Ausgaben von 6600 Euro nach sich. Das an der Senckenbergstraße stehende Haus ist schon seit 2009 verwaist – länger als jede andere Liegenschaft der Hochschule. Beträge um 5000 Euro oder etwas weniger zog die Betreuung einer dreistöckigen Stadtvilla unweit des Uni-Hauptgebäudes und von drei Zweckbauten aus den Sechzigerjahren nach sich. Diese Kosten sind nicht pauschal für jedes Jahr anzusetzen, wie die Sprecherin hervorhebt. Dies gelte schon wegen schwankender Preise für Brennstoffe und der Bauinflation. Klar ist aber: Die Universität muss Geld in für sie wertlose Liegenschaften stecken und in weitgehend leer stehende wie die Alte Chemie. Deren Sanierung ist wegen einer Kostensteigerung um 90 Millionen Euro ausgesetzt.
„Auch die JLU hat in Zeiten von Wohnraummangel und steigenden Mieten kein Interesse an langen Leerständen im Stadtgebiet“, hebt eine Sprecherin hervor. Weshalb aber dauert es dann Jahre, bis ein Gebäude wieder von einer Einrichtung des Landes sinnvoll genutzt wird oder in andere Hände übergeht? Die Hochschule verweist auf vom Land festgelegte Verfahren. So werde geprüft, ob eine andere Landesdienststelle aus dem Ressort des Wissenschaftsministeriums die Immobilie übernehmen möchte. Sei dies nicht der Fall, gehe die jeweilige Liegenschaft in das Grundvermögen des Landes über. Dies bedürfe einer Übereinkunft. „Dann wird auf Ebene aller Dienststellen geprüft, ob eine andere Einrichtung des Landes die Immobilie nutzen möchte. Zu diesen Prüfungen gehört auch, dass die Interessenten umfangreiche baufachliche Eignungsprüfungen vornehmen müssen, um Entscheidungsgrundlagen zu haben.“
Diese Verfahren seien sehr aufwendig und benötigten Zeit. Erst wenn das Land keinen Bedarf an einem Uni-Gebäude habe, könne der Landesbetrieb Bau und Immobilien sie verwerten. Ein Beispiel: Zunächst schaute sich das Studentenwerk Gießen nach dem Auszug der Uni-Psychiatrie und der Übergabe an die Uni das Siesmayer-Karrée als Ort für studentisches Wohnen an. 2018 winkte das Studentenwerk ab. Dann kam die Technische Hochschule Mittelhessen als möglicher Betreiber ins Spiel und prüfte auch die Übernahme des Hochhauses Frankfurter Straße 107. Im vergangenen Herbst schied auch diese Lösung aus. Als Nächstes steht nach sieben Jahren der Prüfung die Rückgabe an das Land an.
Der Umgang mit Immobilien hänge auch von einem nicht immer planbaren Bedarf ab. Dies gelte etwa für zwei Nachbargebäude des Hauses Hein-Heckroth-Straße 3. Die Hochschule wollte sie dem Land ursprünglich als Paket zurückgeben, zieht das jüngste besetzte Haus aber vor. Die beiden anderen benötige sie noch. „Es ist immobilienstrategisch sehr sinnvoll, gerade die Gebäude in den Campusbereichen nicht zu schnell abzugeben“, sagt sie der „Gießener Allgemeinen“.
