Mit Péter Esterházy war nie Staat zu machen, schon gar kein ungarischer. Frech tänzelte er vor den Thronen des erlahmenden Kádár-Regimes, das seinem wortverdreherischen Sprachwitz und seinem Haken schlagenden Scharfsinn nicht gewachsen war. Was er sich, zum ironischen Dissens, nicht aber zur offenen Dissidenz geboren, in seinen frühen Romanen an Sticheleien herausnahm, gewährte ihm im Rahmen der TTT-Kulturpolitik, laut der Künstler entweder „támogatott“ (unterstützt), „tűrt“ (geduldet) oder „tiltott“ (verboten) waren, dennoch die mittlere Kategorie.
Aus den Anfangsbuchstaben seiner 1984 im Original erschienenen „Kleinen ungarischen Pornographie“ (Kis magyar pornográfia) lässt sich auch KMP, das Akronym der Kommunistischen Partei, bilden, aus deren Reihen Stalins gelehrigster Schüler, der bis 1956 diktatorisch regierende Mátyás Rákosi, hervorging, ehe ihn János Kádár und die Sozialistische Arbeiterpartei beerbten.
Der Spott, mit dem Esterházy seine seit habsburgischen Zeiten zwischen Untertanengeist und Großmannssucht schwankenden Landsleute überzog, machte indes vor keinerlei Dummheit halt. So blieb auch das Aufatmen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs von kurzer Dauer. Als Esterházy in dem Essay „Über das Nichts, über das Alles“ 1993 erklärte, das schönste Wort seiner Muttersprache sei nicht „magyar“ (Ungar), sondern „fülolaj“ (Ohrentropfen), hatte er bereits den Fidesz, den vormals liberalen Bürgerbund, im Blick, der unter seinem Vorsitzenden Viktor Orbán nach rechts gerückt war. Das Pathos gleich welcher patriotischen Parolen war ihm zuwider: Machtkritik war für ihn immer auch Sprachkritik.
Für Orbáns Regierung war er ein rotes Tuch
In Ungarns Wochenblatt „Élet és irodalom“ (Leben und Literatur) nahm er 1996 eine Äußerung des zwei Jahre später erstmals zum Ministerpräsidenten gewählten Orbán aufs Korn, in der dieser beklagt hatte, die vom Bund Freier Demokraten dominierte Kulturpolitik zeige, dass es der Regierungspartei um „die absichtliche Schwächung der geistigen und seelischen Stärke der Ungarn geht“. Esterházy reagierte mit einem abscheuerregenden „Widerstand der Zellen“, einem gebildeten Mann derartig nationalistische Behauptungen zuzutrauen: So rede ein Ungar, nicht ein Europäer.
Spätestens mit Orbáns zweiter Amtszeit von 2010 an und dem Umbau des Landes zu einer illiberalen Demokratie war Péter Graf Esterházy Galántha et Fraknó, wie er dem vollen Namen seines verarmten Adelsgeschlechts nach hieß, für die Regierung ein rotes Tuch. Was Orbán von daher bewegte, seine Rede zur Lage der Nation im Februar 2016, viereinhalb Monate bevor sein hartnäckiger Kritiker sechsundsechzigjährig einem Krebsleiden erlag, ausgerechnet mit einer Passage aus der „Kleinen ungarischen Pornographie“ einzuleiten, ist ein Mysterium.
Verzweifelt Umarmung oder ultimative Gemeinheit?
War es eine verzweifelte Umarmung im Angesicht der tödlichen Erkrankung, die Esterházy persönlich publik gemacht hatte, oder eine ultimative Gemeinheit? Die augenzwinkernd erfundene Anekdote, die Orbán aufgriff, handelt von der Kunst, die Wirkung politischer Inszenierungen zu steigern, indem man das Volk etwa durch das Aufknüpfen unliebsamer Staatsmänner erfreut.
Welche Symbolkraft Esterházy besitzt, das wusste schon der heutige ungarische Ministerpräsident Péter Magyar, als er ihn ein knappes Jahr vor seiner kürzlichen Wahl zu Orbáns Nachfolger als Gewährsmann zitierte. In einer „an alle Ungarn in aller Welt“ gerichteten Botschaft zum Tag des nationalen Zusammenhalts am 4. Juni 2025, dem Jahrestag der Unterzeichnung des Trianon-Vertrags, in dessen Folge Ungarn 1920 zwei Drittel seines Staatsgebiets abtreten musste, nutzte Magyar den Bezug auf den Schriftsteller als raffinierten Weg, um die Formel „Mein süßes Heimatland“ ohne nationalistische Untertöne auszusprechen.
Besonders intensive Nachlasspflege in Berlin
Für die ungarische Literaturwissenschaft war Esterházy ohnehin nie verschwunden. 2021 erschien bei De Gruyter der Essayband „Herausforderung der Literatur“, in dem auch Esterházys deutsche Übersetzerinnen Zsuzsanna Gahse und Heike Flemming sowie der Kollege László Márton zu Wort kommen. Bei Esterházys Stammverlag Magvetö erschienen zuletzt zwei Interviewbände, deren erster, „Vanni van“, die schriftstellerische Entwicklungsspanne vom ersten gedruckten Gespräch 1982 bis zum letzten dokumentiert. Der zweite, „Minden művészet“ (Alle Künste), sammelt, was Esterházy jenseits der Literatur beschäftigte, allem voran König Fußball, dem er bis zu einem Meniskusriss mit 38 Jahren auch praktisch die Treue hielt.

Zum zehnten Todestag bietet das ungarische Internetportal 444.hu ein anderthalbstündiges Erinnerungsdefilee von Freunden und Weggefährten unter dem Titel „Mindenütt ott van, csak itt nincs“ (Er ist überall, nur nicht hier). Und in der Tat kann man ihm nicht einmal auf der Straße entgehen: Das Obdachlosenmagazin „Fedél Nélkül“ widmet ihm die Titelgeschichte seiner Juliausgabe.
Das unscheinbare Zentrum seines Fortlebens findet sich jedoch in Berlin, im Archiv der Akademie der Künste am Robert-Koch-Platz. Hier hat Esterházys Nachlass neben denjenigen von Imre Kertész und György Konrád sowie den Vorlässen von Péter Nádas und György Dalos seine Heimat gefunden. Die 2020 erworbenen Materialien umfassen derzeit 230 Boxen aus grauem Karton oder 25,6 laufende Meter. Bisher, so sagt die zuständige Archivarin Katalin Madácsi-Laube, sei rund ein Viertel erschlossen, ein Gesamtüberblick werde wie in ähnlichen Fällen aber wohl zwanzig Jahre in Anspruch nehmen. Zu den Schätzen gehören auch 6500 mehrheitlich an Esterházy gerichtete Briefe. Anna Zsellér, die sie im Rahmen eines Forschungsprojekts erfasst hat, hofft auf kontinuierliche Vermehrung: Das Gros der Gegenbriefe ist noch in privatem Besitz.
Esterházy war ein literarischer Meisterdieb
Unveröffentlichte Manuskripte sind, mit Ausnahme einiger jugendlicher Schreibversuche, nicht in Berlin zu finden. Aber die Entstehung der Romane aus ersten mit blauem Kugelschreiber jeweils in eigenen Heften festgehaltenen und oft mit kleinen Zeichnungen versehenen Notizen zu Entwürfen und schließlich einer Reinschrift, die eine Sekretärin in ein Typoskript verwandelte, dokumentiert zu sehen, ist ein Faszinosum für sich. Anders als es Esterházys Textschleudermaschinen aus unausgewiesenen Zitaten und skurrilen Aneignungen suggerieren, verlor er sich nie im Chaos. Er ging, Vorstufen am Rand selbstkritisch kommentierend, vielmehr höchst diszipliniert vor. Madácsi-Laube spricht sogar von einem „Esterházy-Algorithmus“.
Die Quellen seiner Übernahmen und die Wege, auf denen er sie sich beschaffte, gibt Esterházys Hinterlassenschaft aber auch nur teilweise preis. Bis seine Übersetzer aus gutem juristischen Grund Provenienzforschung betrieben und Listen einforderten, gefiel sich der Meisterdieb in einem Versteckspiel, das ihm erst das Aufkommen von Suchmaschinen verunmöglichte.
Was an seiner Intertextualität produktive und was plagiatorische Züge trug, war schon zu Lebzeiten umstritten. In Deutschland beschwerte sich Sigfrid Gauch darüber, mit einem ganzen Kapitel seines Buchs „Vaterspuren“ in das Familienepos „Harmonia Caelestis“ eingegangen zu sein. Rechtlich ging die Sache zu Esterházys Gunsten aus.
Esterházys Form der Subversion heute
Textklau und Mundraub – manchmal gestand Esterházy Freunden nachträglich, ihnen einen gesprächsweise geäußerten Satz entwendet zu haben – müssten heute allerdings neu bewertet werden. Esterházys zu Ostblockzeiten entwickelte Form der Subversion hat im trüben Licht unentrinnbarer Dauerironie und allgegenwärtiger Large Language Models sicher an Kraft eingebüßt. Aus der schelmischen, zugleich mit Ernst und Nachdruck gehandhabten Virtuosität, mit der Esterházy zuweilen absichtlich stammelnd und dann wieder prachtvoll Sprache einsetzte, resultiert die Frage, wie widerständig literarisches Schreiben überhaupt noch sein kann.
Stoff für eine Auseinandersetzung mit dem Erbe seiner mitteleuropäischen Postmoderne, die man mit westeuropäischen Metafiktionskünstlern wie Italo Calvino zusammenlesen müsste, bietet ein Forschungsprojekt zum „Produktionsroman“, der 1979 in Ungarn als parodistische Attacke auf die Biederkeit des sozialistischen Realismus Esterházys Ruhm begründet hatte. Die Faksimiles aus dem Nachlass sollen 2027 als Buch erscheinen.
Was sein Charme für die Begeisterung des Publikums ausmachte
Knapp zwei Kilometer Luftlinie vom Robert-Koch-Platz entfernt, beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) am Gendarmenmarkt, dokumentiert ein noch im Verborgenen schlummerndes Konvolut von Briefen, Karten und Zeitungsausschnitten Esterházys Verbundenheit mit dem Berliner Künstlerprogramm. Auf Empfehlung seines Mentors Miklós Mészöly kam er im März 1980 als erster der damals jungen Ungarn für zunächst sechs Monate in die Mauerstadt. Nach der Wende wurde ihm Berlin zu einer zweiten Heimat – nicht zuletzt als Gast des Wissenschaftskollegs.
Die sogenannte Fellows-Akte enthält auch eine kleine Korrespondenz mit Barbara Richter, der verstorbenen Seele der DAAD-Literaturabteilung. Am 6. Juli 1981, nach der Fertigstellung eines Textes für die Buchreihe des Künstlerprogramms, schreibt er an Richter in noch nicht lupenreinem Deutsch, wie stets mit „Handkuß: péter“ unterzeichnet: „Was noch tun, kleiner Mann?, frage mich selbst – Geduld und Ironie sind die wahren Tugenden der Bolschewick –, und die Antwort kennt nur der Wind. Und Du.“ Das war der Charme, mit dem Esterházy sich gerade in Deutschland ein Publikum eroberte, ohne sich ihm als ungarischer Häretiker anzudienen.
Die Dankesrede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2004 ist ein Musterfall für sein Geschick, selbst in der Paulskirche alles Salbungsvolle zu unterlaufen. In einem fulminanten Stop-and-go brachte er hier das Ausgesparte wie das Auszulassende, das zu Vermeidende wie das unbedingt zu Erwähnende zusammen. Kants ewiger Frieden tritt neben Ottos kotzenden Mops von Ernst Jandl, Martin Walsers Moralkeule neben den Kuttelgulasch, geleitet von der Warnung: „Die Literatur ist kein Haustier.“
Bei den Erinnerungsorten in der Heimat steht jetzt Buda gegen Pest
Bis vor Kurzem war die 2022 in Budapest als Teil der Evangelischen Nationalbibliothek eröffnete Gitta-und-Péter-Esterházy-Bibliothek in der Szentkirályi utca 51 die erste Anlaufstelle für Esterházyaner. Über den Regaldurchgängen und Türen säumen Zitatbänder in Versalien die auch für Veranstaltungen genutzten Räume. Devotionalien wie Fotos, Ausweispapiere, eine Brille oder eine Aktentasche verleihen ihnen fast Museumscharakter. Vor allem beherbergt die Bibliothek sämtliche 12.000 von der Witwe überlassene Bücher, darunter zahlreiche Widmungsexemplare, die das ausgedehnte Netzwerk des Schriftstellers offenlegen.
Seit Anfang des Jahres hat die auf der Pester Seite gelegene Bibliothek Konkurrenz bekommen: durch die Villa Esterházy auf der Budaer Seite. György Dragomán, in Deutschland mit seiner Novellensammlung „Löwenchor“ bekannt geworden, hatte die vom ältesten Sohn des Schriftstellers, dem Künstler Marcell Esterházy, auf Facebook eingestellte Verkaufsanzeige des langjährigen Wohnhauses von Esterházy in der Emőd utca 2 entdeckt und schimpfte postwendend, dass es in einem normalen Land unvorstellbar wäre, den Geist eines solchen Hauses auf dem freien Markt zu verscherbeln. Es müsse, wovon die Familie erfolglos geträumt hatte, in ein Künstlerhaus umgewandelt werden.
Dragománs Ruf verhallte nicht ungehört. Insbesondere sein Kollege Miklós Vámos, ein Nachbar in Óbuda, fing an, für das Projekt zu trommeln. Als deutscher Unterstützer fand sich Daniel Kehlmann, und mit Geldern der MIBA, der Stiftung der Freunde der ungarischen Literatur, konnte das Haus erworben werden. Das unentgeltlich planende Architekturbüro Hetedik Műterem und weitere ehrenamtliche Kräfte sorgten für die originalgetreue Sanierung, sodass im Februar der ungarische Serbe Zoltán Danyi („Rosenroman“) als erster Gast einziehen konnte.
Noch befindet sich das Ganze im Probestadium. Es gebe, sagt György Dragomán, der eine Berufsfreundschaft mit Esterházy aufbaute, nachdem dieser Dragománs Debütroman „Das Buch der Zerstörung“ (2002) in den höchsten Tönen gelobt hatte, keine öffentliche Ausschreibung, nur undotierte Aufenthaltsstipendien. Ein Regelbetrieb ist angesichts des allgemeinen Zuspruchs, den im Juni ein ausverkaufter Benefiz-Abend im István-Örkeny-Theater bekräftigte, indes mehr als nur ein schöner Traum. Sein schriftlicher Aufschrei, sagt Drágoman, sei „eigentlich nur eine empörte Spontanaktion, ein Wutanfall, ein Akt hoffnungsvoller Hoffnungslosigkeit“ gewesen. Das Andenken an diesen Schriftsteller wachzuhalten, dessen Werk mit keiner Zeile zur Andacht taugt, kann nun wohl nur noch ein politischer Rückschlag gefährden.
