
So paradox es klingen mag: In der Formel 1 darf sich Max Verstappen trotz der viel höheren Geschwindigkeiten, der gewaltigeren Beschleunigung und der viel stärkeren Bremswirkungen sicherer fühlen als in einem vergleichsweise langsameren Tourenwagen. Die Boliden sind seit den tödlichen Unfällen von Roland Ratzenberger und Ayrton Senna 1994 immer wieder beeindruckend zum Schutze der Piloten – und mitunter gegen das Interesse von Konstrukteuren oder Teamchefs – verbessert worden. Was vor wenigen Jahren noch tödlich ausgegangenen wäre, führt heute mitunter nur zu kleineren Blessuren.
Wer sich aber darauf verlässt, tritt schon vor der Abfahrt auf den Abgrund zu. Darauf hat Verstappen nach dem tödlichen Unfall am Samstag auf der Nordschleife des Nürburgrings tief erschüttert hingewiesen: nie zu verdrängen, wie lebensgefährlich es ist, in einem Rennwagen die Kontrolle zu verlieren, selbst wenn es so oft gut gegangen ist.
Der Reiz der 24-Stunden-Rennen
Der Niederländer erlebte das grausame Schicksal des finnischen Rennfahrers Juha Miettinen am Samstagnachmittag aus nächster Nähe. Zwar nicht am Lenkrad seines Langstreckenboliden, weil der Teamkollege fuhr, aber als Konkurrent des Finnen, in der Box auf seinen Einsatz wartend. Verstappen plant schon lange seinen Einsatz beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring Mitte Mai. Es ist sein Herzenswunsch.
Dass die Sicherheit für die Fahrer bei diesen Langstreckenrennen selbst in den sichersten Autos nicht das Maß der Formel 1 erreicht, weiß Verstappen sehr genau. Er sieht auch die geringen Auslaufzonen im Vorbeiflug. Der viermalige Weltmeister geht aber noch ein zusätzliches, erfassbares Risiko ein. Der Reiz der 24-Stunden-Rennen für Fahrer und Zuschauer liegt im mehr oder weniger Unbegrenzten.
Profis starten neben Amateuren, die Geschwindigkeitsunterschiede sind ob der stark differierenden Motorisierung teils gewaltig. Die Gefahr ist in so einer gewollten Klassengesellschaft mit Händen zu greifen. Deshalb verbieten Formel-1-Teams ihren so wertvollen wie teuren Fahrern schon weitaus geringere Risiken – per Vertrag. Dem besten Formel-1-Fahrer lässt Red Bull nur freie Fahrt, weil er jede Fesselung sprengen und noch früher als befürchtet aussteigen würde. Der Rennstall kann ihn nicht mehr schützen.
