
Die Widerstandsfähigkeit der Ukraine im Abwehrkampf gegen die russische Invasion nimmt zu. Doch im Wirtschaftsgeschehen der Ukraine macht sich das noch nicht bemerkbar, auch wenn die Wiederaufbaukonferenz in Danzig Mitte Juni weitere Finanzzusagen über zehn Milliarden Euro eingespielt hat. Im Gegenteil. Nach einem schwachen Jahresauftakt wird das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in diesem Jahr nach übereinstimmenden Schätzungen von Ökonomen abermals geringer ausfallen als im Vorjahr.
Nach der Regierung in Kiew hat auch der Internationale Währungsfonds seine Prognose für das Wirtschaftswachstum der Ukraine im Jahr 2026 soeben nach unten korrigiert. Er rechnet nun nur noch mit einem Plus von einem bis 1,6 Prozent. „Und die Risiken bleiben extrem hoch“, warnt er.
Wirtschaftsleistung auf 80 Prozent des Vorkriegsniveaus
Die Wirtschaftsleistung dümpelt auf etwa 80 Prozent des Vorkriegsniveaus. „Der Arbeitskräftemangel und anhaltende Angriffe auf die Energieinfrastruktur störten die industrielle Aktivität und die Logistik, während weitreichende Versorgungsprobleme die Produktion einschränkten“, fasst die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE) die auch in diesem Jahr angespannte Lage zusammen. Es sind nicht nur kriegsbedingte Folgen, die der Ukraine zu schaffen machen.
Der Irankrieg und die zeitweise Schließung der Straße von Hormus habe Konsequenzen für die ukrainische Ökonomie, analysieren die von der Bundesregierung finanzierten Berater des German Economic Teams. Die hohe Abhängigkeit von Energieimporten werde Kiew Extrakosten von 0,9 Prozent des BIP aufbürden und die Leistungsbilanz weiter schwächen.
Höhere Ernte könnte den Agrarexport beflügeln
Entlastend wirken werde allerdings der kriegsbedingte Anstieg der Agrarpreise. Er hilft der Ukraine, die einer der größten Exporteure von Mais, Weizen und Ölsaaten ist. Die Fachleute des Kiewer Center for Economic Studies erwarten eine „leicht höhere Ernte“ als im Vorjahr in einem Umfang von bis zu 83 Millionen Tonnen. Das ist wichtig, machten die Agrar- und Lebensmittelexporte im vergangenen Jahr mit 23 Milliarden Dollar doch 56 Prozent aller ukrainischen Exporte aus. Allerdings erschweren immer neue Zerstörungen von Logistik und Hafenanlagen die Ausfuhr.
Eine bessere Performance der Landwirtschaft, mehr Exporte sowie staatliche Investitionen in den Wiederaufbau und die Verteidigungsindustrie „könnten dieses Jahr noch einigermaßen retten“, urteilt Olga Pindyuk, Ukraine-Expertin des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW). „In den kommenden Jahren wird das Wachstum aber nur dann zulegen können, wenn der Krieg mit Russland deeskaliert und schließlich zu für die Ukraine günstigen Bedingungen beendet werden kann“, sagt sie.
Ähnlich ließ sich der Vizepräsident des amerikanischen Investmenthauses Blackrock, Philipp Hildebrand, vernehmen. Die Ukraine müsse drei grundlegende Bedingungen erfüllen, um private Großinvestitionen anzuziehen: kontinuierliche Fortschritte in der europäischen Integration, eine glaubwürdige Aussicht auf Frieden oder Stabilität sowie öffentliches Startkapital, um die Mobilisierung privater Finanzmittel zu unterstützen.
Investoren wetten auf den Wiederaufbau
Dass es derzeit in Kiew nicht am Geld scheitert, liegt an den Finanzzusagen westlicher Geber, allen voran der EU mit ihrem 90 Milliarden Euro großen Kredit für Waffen und den Etat. Auch haben die Beitrittsverhandlungen zur EU offiziell begonnen. Jedoch haben Regierungschefs wie der deutsche Kanzler Friedrich Merz klargestellt, dass die Ukraine kaum wie gewünscht bis 2030 mit einer Vollaufnahme in die Gemeinschaft rechnen kann.
Manche Investoren schrecken weder die lange Beitrittsperspektive noch der andauernde Krieg. Sie locken die Chancen des Wiederaufbaus. Vor allem polnische Unternehmen sind in den vergangenen Monaten mit Übernahmen oder angekündigten Engagements aktiv geworden, etwa der Versicherungskonzern PZU im Finanzbereich und der Mineralölkonzern Orlen im ukrainischen Energiesektor.
Insbesondere in dessen Um- und Wiederaufbau investieren auch internationale Finanzinstitutionen viel Geld. Anbieter wie der Potsdamer Windkraftentwickler Notus Energy oder ELQ, ein polnischer Spezialist für regenerative Energien, profitieren davon mit Engagements in der Ukraine. „Die Ukraine kann es sich heute nicht leisten, abzuwarten“, sagt ELQ-Geschäftsführer Marcin Sołtysiak.
Ende Juni teilte auch der größte polnische Hersteller von Schienenfahrzeugen Pesa mit, man erwäge den Aufbau einer Straßenbahnproduktion in Kiew. Pesa hatte erst zu Jahresbeginn den Leipziger Straßenbahnbauer Heiterblick übernommen und vor der Insolvenz gerettet.
