In Litauen ist am Dienstagmorgen erstmals eine Drohne abgeschossen worden, die bis ins Zentrum des Landes nahe der Großstadt Kaunas geflogen war. Polizei und weitere Einsatzkräfte untersuchten am Vormittag die im Bezirk Kaišiadorys niedergegangenen Trümmerteile, sagte der Kommandeur der litauischen Luftwaffe, Antanas Matutis, der Nachrichtenagentur BNS.
Die Drohne ist laut Matutis aus Belarus in den litauischen Luftraum eingedrungen, eine Vorwarnung aus Belarus habe es nicht gegeben. Zur Herkunft der Drohne, und ob diese mit Sprengstoff bestückt war, wollte Matutis am Vormittag keine Angaben machen. Die Ermittlungen seien schwierig, weil die Drohne zerstört sei und die Trümmer weit über einem Feld verstreut seien. Im öffentlich-rechtlichen Radiosender LRT sagte der Leiter des Nationalen Krisenmanagement-Zentrums, Vilmantas Vitkauskas, es bestehe eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Drohne einen Sprengsatz trug.
Da Litauen über keine eigenen Kampfflugzeuge verfügt, hatten italienische Flugzeuge, die im Rahmen der NATO-Mission zum Schutz des Luftraums im Baltikum stationiert sind, die Drohne abgeschossen. Matutis zufolge kamen dabei Raketen zum Einsatz, mutmaßlich vom Typ Iris-T, mit denen die italienischen Eurofighter in der Regel ausgerüstet sind. Eine solche Rakete kostet rund eine halbe Million Euro. Nach ersten Erkenntnissen war die Drohne von Belarus in den litauischen Luftraum gelangt und von dort über Vilnius in Richtung Kaunas geflogen. Insgesamt sei sie etwa 30 Minuten über Litauen geflogen. In beiden Regionen war Luftalarm ausgelöst und der Einsatzplan „Schild“ zur Abwehr von Katastrophen aktiviert worden.
War die Drohne vom Kurs abgekommen?
Litauens Präsident Gitanas Nausėda dankte den Verbündeten. Die Verteidigung der Region sei angesichts zunehmend aggressiver Aktivitäten Russlands von entscheidender Bedeutung, sagte er. Der litauische Generalstabschef Raimundas Vaikšnoras schrieb auf Facebook: „Wir alle wissen, dass solche Vorfälle allein wegen der aggressiven Handlungen Russlands in der Ukraine auftreten und auch weiterhin auftreten werden.“

In den vergangenen Monaten waren Drohnen über Lettland und Estland abgeschossen worden. In den meisten Fällen hatte es sich dabei um ukrainische Drohnen gehandelt, die mutmaßlich Ziele in Russland treffen sollten, von dort jedoch mit elektronischen Mitteln vom Kurs abgebracht worden waren. Deividas Matulionis, der Sicherheitsberater des litauischen Präsidenten, sagte im litauischen Radio, dass auch die am Dienstag abgeschossene Drohne wahrscheinlich vom Kurs abgekommen sei. „Es kann aber auch der Fall sein, dass sie absichtlich auf litauisches Gebiet geschickt wurde“, sagte er. Das müsse die Untersuchung zeigen.
Außenminister Kęstutis Budrys sagte, er habe die Verbündeten in der NATO über den Vorfall informiert. Eine Notwendigkeit, Artikel 4 des NATO-Vertrags zu aktivieren, gebe es beim derzeitigen Stand der Ermittlungen noch nicht. Artikel 4 sieht Konsultationen im Bündnis vor, wenn nach Ansicht eines Mitgliedstaates seine „Unversehrtheit des Gebiets, die politische Unabhängigkeit oder die Sicherheit“ bedroht ist.
Neuartige russische Drohne an polnischer Ostsee aufgetaucht
Schon am Montag hatten Soldaten an der polnischen Ostseeküste bei Stolp (Słupsk) eine niedergegangene russische Drohne entdeckt und geborgen. Fotos zeigten eine komplett am Strand liegende, schwarze Drohne. Deren Untersuchung deute darauf hin, „dass die Russen wahrscheinlich ein neues Modell der Gerbera-Drohne verloren haben“, sagte Polens Verteidigungsminister Władysław Kosiniak-Kamysz. Gerbera-Drohnen nutzt Russland üblicherweise, um die ukrainische Flugabwehr abzulenken. Sie verfügen über kein teures Navigationssystem und sind in der Regel auch nicht mit Sprengstoff bestückt.
Auch die aufgefundene Drohne war ohne Sprengstoff. Kosiniak-Kamysz zufolge war sie wohl nicht gezielt auf Polen gerichtet, sondern könnte durch ein missglücktes Manöver ins Meer gelangt sein. Sein Stellvertreter Cezary Tomczyk ergänzte, dass Polen „heute in vielerlei Hinsicht das Ziel Nummer eins“ sei, wenn es um hybride Angriffe und Aufklärungsaktionen gehe. „Solange die Bedrohung durch Russland besteht, werden wir auf unterschiedliche Weise getestet.“
Am Montag hatte Polens Ministerpräsident Donald Tusk davor gewarnt, dass „die kommenden Wochen und Monate eine Zeit sehr intensiver Aktionen von russischer Seite“ sein würden. „Leider können wir nicht ausschließen, dass diese Eskalation auch unser Staatsgebiet betreffen wird.“
