
Ein halbes Jahr vor dem Großangriff auf die Ukraine veröffentlichte Wladimir Putin einen langen Artikel mit dem Titel „Die historische Einheit der Russen und Ukrainer“, in dem er die Entstehung einer ukrainischen Nation als das Werk von Feinden Russlands darstellt. Der auf der Website des Kremls veröffentlichte Text ist eine Mischung aus historischen Tatsachen und Geschichtsklitterung, aus schmeichlerischer Werbung um die Ukrainer und Drohungen.
Das Gebiet der Ukraine wird darin als „westliches altrussisches Gebiet“ und „unsere historischen Territorien“ bezeichnet, die Ukrainer als Teil der russischen Nation. Putin machte deutlich, dass er die Ukraine für ein künstliches Gebilde hält, das kein Recht auf eine von Russland unabhängige Existenz habe. Es ist nicht schwierig, aus dem Text eine Ankündigung des kommenden Krieges herauszulesen. Jenen, die die Ukraine gegen Russland stellen wollten, „will ich sagen, dass sie auf diese Weise ihr Land zerstören“, schrieb Putin, während schon Truppen an der Grenze zur Ukraine aufmarschierten.
In seinem Text erwähnt Putin einen Erlass des Zaren Alexander II., den dieser vor genau 150 Jahren, am 30. Mai 1876, in Bad Ems unterzeichnete, wo er damals zur Kur weilte. Ziel dieses Erlasses war „die Unterbindung der in Bezug auf den Staat gefährlichen Tätigkeit der Ukrainophilen“. Konkret bedeutete das: Im Zarenreich waren von da an Einfuhr und Druck von Büchern in ukrainischer Sprache sowie öffentliche Aufführungen in dieser Sprache verboten. Bibliotheken sollten von Büchern in ukrainischer Sprache „gesäubert“, Lehrer mit „ukrainophilen Tendenzen“ aus dem Schuldienst entfernt, Unterricht auf Ukrainisch unterbunden werden.
Mit dem Emser Erlass wurde ein schon 1863 durch den Innenminister Pjotr Walujew verhängtes Verbot von religiöser, wissenschaftlicher und schulischer Literatur auf Ukrainisch deutlich verschärft. „Ich habe nicht vor, irgendetwas zu idealisieren“, schrieb Putin zu Beginn der Passage, in der er auf Walujews Anordnung und den Emser Erlass Alexanders II. einging. Aber diese Entscheidungen seien durch den politischen Kontext gerechtfertigt gewesen: In der polnischen Elite „und einem gewissen Teil der kleinrussischen Intelligenzija“ sei damals die Idee aufgekommen und habe sich verfestigt, dass ein vom russischen Volk gesondertes ukrainisches Volk existiere: „Eine historische Grundlage dafür gab es nicht und konnte es nicht geben“, schrieb Putin.
„Es kann keine kleinrussische Sprache geben“
Er verwendete nicht zufällig den Begriff „kleinrussische Intelligenzija“. Putins Argumentation deckt sich mit jener der zaristischen Staatsmacht im 19. Jahrhundert. In Walujews Anordnung und im Emser Erlass des Zaren Alexander II. wird die ukrainische Sprache nicht beim Namen genannt, sondern als „kleinrussische Sprache“ oder „Dialekt“ bezeichnet. Schon in der Wortwahl sollte deutlich gemacht werden, dass das, was verboten werden sollte, eigentlich gar nicht existierte: „Es hat nie eine gesonderte kleinrussische Sprache gegeben, es gibt sie nicht und kann sie nicht geben“, schrieb Walujew zur Begründung seines Verbots. Der „kleinrussische Dialekt“ sei „nichts anderes als die russische Sprache, die von den Polen verdorben wurde“.
Der Osteuropahistoriker Andreas Kappeler schreibt, in der Praxis habe die Zensur nach dem Emser Erlass sogar die Verwendung des Begriffs „Ukrainer“ untersagt, weil allein das Wort die offizielle Idee einer „all-russischen Nation“ infrage gestellt habe.
Für die Geschichte der Ukraine hatte die Unterdrückung der ukrainischen Sprache, die erst nach russischen Revolution 1905 offiziell beendet wurde, weitreichende Folgen. Obwohl 17,8 Prozent der Bevölkerung des Zarenreichs in der Volkszählung von 1897 „Kleinrussisch“ als Muttersprache angaben (gegenüber 44,3 Prozent, die Russisch nannten), blieb die Reichweite der ukrainischen Nationalbewegung bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts begrenzt. Die große Mehrzahl derer, die Ukrainisch sprachen, lebte in Dörfern; nur wenige von ihnen konnten lesen und schreiben, Bildung erhielt man nur auf Russisch.
Ukrainische Freiheiten im Habsburgerreich
Dennoch konnten die Repressionen die Formierung eines ukrainischen Nationalbewusstseins nicht verhindern. Seit der Nationaldichter Taras Schewtschenko mit der Veröffentlichung seines Gedichtzyklus „Kobsar“ im Jahr 1840 die moderne ukrainische Literatur begründet hat, lebte die ukrainische Bewegung jedes Mal rasch auf, wenn Zensur und Verfolgung zeitweise etwas lockerer wurden. Dann bildeten sich ukrainische Organisationen und erschienen – mitunter in russischer Sprache – Publikationen, die ihre Ideen verbreiteten. Auf paradoxe Weise hat das Verbot des Ukrainischen im Zarenreich sogar dazu beigetragen, dass die damals zwischen Russland und der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie aufgeteilten Ukrainer über die Grenzen der beiden Reiche hinweg zu einer Nation zusammenwuchsen.
Viele Köpfe der ukrainischen Bewegung im Zarenreich gingen nach dem Emser Erlass in die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie, wo sich die ukrainische Nationalbewegung im Gebiet der heutigen Westukraine um Lemberg zumindest in kultureller Hinsicht frei entfalten konnte. Von dort fanden ihre Schriften den Weg zurück in das Zarenreich. Und die im Habsburgerreich geführten Debatten zwischen Westukrainern und den Emigranten aus der russisch beherrschten Zentralukraine über die Wertigkeit verschiedener Versionen des Ukrainischen trugen zur Bildung einer einheitlichen Schriftsprache bei.
Tiefe Spuren hat die zaristische Politik gegenüber den Ukrainern indes auch in Russland hinterlassen. Die Unterdrückung der ukrainischen Nationalbewegung war eine der wenigen Fragen, in denen sie eine Mehrheit der liberalen, kritischen Intellektuellen auf ihre Seite ziehen konnte. Die Verbotspolitik hat eine ehrliche Debatte über das Verhältnis zwischen Russen und Ukrainern fast unmöglich gemacht – schließlich hatte eine Seite keine Stimme. Und so wirkt die Vorstellung, eigentlich gebe es gar keine Ukrainer, bis heute nach. Nicht nur bei Wladimir Putin, sondern bei sehr vielen Russen.
