Erst muss der Motor warm werden. Die Soldaten lassen ihn immer wieder laut aufheulen, dann eine Weile lang konstant rattern. Er klingt wie ein Moped. Die Drohne, die er antreiben soll, sieht aus wie ein großes, selbst gebautes Modellflugzeug: ganz vorn ein Propeller, starre Flügel, darunter ein klobiger grauer Körper, gefüllt mit zehn Kilogramm Sprengstoff.
Die Drohne ist ein Einwegprodukt. Von diesem Feld in der Ostukraine aus soll sie Hunderte Kilometer weit in russisch besetztes Gebiet fliegen. Und dort in ein Ziel stürzen. Auf Videos im Internet sieht das ganz einfach aus: Unterlegt mit Musik rauschen Großdrohnen von Katapulten, fliegen für ein paar Sekunden über nächtliche Felder, und schon ist das Ziel in Sicht. Es kommt näher und näher, dann bricht die Übertragung ab. Manchmal filmt eine zweite Drohne mit ihrer Bordkamera die Explosion. Getroffen werden nicht nur statische Ziele wie Armeestützpunkte oder Umspannwerke. Die Drohnen stürzen auch scheinbar mühelos auf fahrende Tanklaster oder Armeetransporte. Aufnahmen solcher Angriffe laden ukrainische Spezialkräfte im Stundentakt auf Telegram hoch.
Die Realität ist komplizierter: Schon seit Stunden stehen die Soldaten am Rand eines gigantischen Sonnenblumenfeldes. Unmittelbar neben einer Baumreihe haben sie ihr Katapult aufgebaut. In diesem Fall ist das ein gewöhnlicher Anhänger, auf dem eine Startrampe montiert ist. Wo das Feld liegt, muss geheim bleiben.
Schon Tausende Videos hochgeladen
Eigentlich hätten schon in der Dämmerung zwei Drohnen in der Luft sein sollen. Es ist längst stockfinster, mit einer Kopflampe macht sich einer der Männer an den Fluggeräten zu schaffen. Bei dem einen macht der Motor Probleme, das andere kann keine Verbindung herstellen. Also bleibt allen nichts anderes als zu warten. Es ist eine sternenklare Nacht, die Männer stehen neben ihren Fahrzeugen, rauchen und reden. Als der Motor ordentlich aufgewärmt ist, macht er nun doch einen guten Eindruck. Es kann losgehen.
Die Soldaten gehen hinter einem Auto am Feldrand in Deckung. Mit einem zischenden Geräusch pfeift die Drohne vom Katapult, schon heult der Motor auf. Der Vogel ist in der Luft. Das Motorengeräusch wird leiser.

Das Ziel der Drohne, die einen Flügelspannweite von etwa drei Metern hat, liegt irgendwo im Bereich zwischen 30 und 300 Kilometern hinter der ersten russischen Stellung. Die Ukrainer sprechen von einem „Middle Strike“. Fliegen Drohnen weiter, ist von „Deep Strikes“ die Rede. Besondere Aufmerksamkeit wurde den „Middle Strikes“ im Frühjahr zuteil, als die Ukrainer ankündigten, die russisch besetzte Halbinsel Krim auf diese Weise vom Nachschub abschneiden zu wollen. Seither haben sie Tausende Videos veröffentlicht, auf denen zu sehen ist, wie Drohnen Tanklaster, Frachtschiffe und Militärtransporter angreifen.
Die Drohnen sind dafür mit kleinen Satelliteninternetempfängern ausgestattet. Sie haben eine Kamera, deren Bild über das Internet auf den Bildschirm des Drohnenpiloten übertragen wird. So können sie nicht nur stationäre Ziele mit festen GPS-Koordinaten angreifen, sondern auch bewegliche Ziele hinter der Front jagen. Damit versucht die Ukraine, die russische Logistik zu zerstören und den Druck so weit zu erhöhen, dass Moskau zumindest einem Waffenstillstand zustimmt.
Plötzlich kommt ein lautes Knattern näher
Die Empfänger der „Middle Strike“-Drohnen kommen fast ausschließlich von der Firma Starlink – und das könnte für die Ukraine zu einem großen Problem werden. Denn Starlink gehört zum amerikanischen Raumfahrtunternehmen SpaceX. Und damit kommt ein Mann ins Spiel, der sich schon mehrfach persönlich in den Ukrainekrieg eingemischt hat und dem eine gewisse Sprunghaftigkeit nachgesagt wird: der Techunternehmer und SpaceX-Gründer Elon Musk.
Auf dem Feld in der Ostukraine gehen die Soldaten nach dem Start der Drohne zufrieden zurück zum Katapult, als plötzlich ein lautes Knattern in der Luft liegt. Es kommt immer näher, ist fast schon über den Männern. Sie halten kurz inne, dann rennen sie wild durcheinander, weg von den Autos, rein ins Dickicht. Hauptsache weg. Im Dunkeln stolpern sie übereinander, einer stürzt. Eine Drohne rauscht einmal über die Baumreihe hinweg und fliegt dann etwas höher wieder zurück in die Richtung, aus der sie kam.

Die Männer schauen sich an, fluchen. Einer lacht. Und schon nach Sekunden kommt die Auflösung per Sprachnachricht. Die Piloten der Drohne, die sie gerade in die Luft gestartet haben, melden sich: Der Gegenwind war zu stark. Fast wäre die Drohne abgestürzt. Die Piloten haben sie deshalb erst einmal mit dem Wind fliegen lassen, um an Höhe zu gewinnen – über die Köpfe ihrer Kameraden hinweg. Erst dann konnten sie die Drohne umkehren lassen und wieder in die Richtung ihres Ziels fliegen.
Die Drohne wird über das Internet aus der Ferne gesteuert
Dank der großen Reichweite der Drohnen müssen sie nicht in der sogenannten Todeszone direkt hinter der Front gestartet werden, sondern Dutzende Kilometer davon entfernt. Doch auch hier besteht immer die Gefahr, selbst zum Ziel russischer Drohnen zu werden. Die Piloten, die die Drohnen steuern, sobald sie in der Luft sind, sitzen deshalb Hunderte Kilometer entfernt in einer Großstadt, auch ihr Standort soll geheim bleiben. Über die Internetverbindung der Starlink-Satelliten können sie die Drohnen lenken, ganz egal, wo ihr Steuerpult steht.
Schon zwei Tage nach Kriegsbeginn hatte der damalige ukrainische Digitalisierungsminister Mychajlo Fedorow Elon Musk öffentlich darum gebeten, Starlink in der Ukraine zu aktivieren. Der Techmilliardär stimmte umgehend zu. Die Ukrainer nutzten die laptopgroßen Empfänger, um Zivilisten in der Nähe der Front trotz zerstörter Infrastruktur Zugang zum Internet zu ermöglichen. Und auch die ukrainische Armee greift seit Kriegsbeginn auf die Technik zurück.
Heute funktionieren die Starlink-Empfänger aber nur in den Regionen, die
völkerrechtlich zur Ukraine gehören. Die Ukrainer können ihre Drohnen also auf Ziele auf der Krim und in Luhansk lenken. Nach Russland selbst aber kommen sie nicht. Sobald eine Drohne mit Satellitenempfang in den russischen Luftraum eindringt, verliert sie ihre Verbindung. Die Regierung in Kiew setzt deshalb alles daran, Musk auch in dieser Hinsicht noch umstimmen zu können.
Der „Orden der Freiheit“ für Musk
Schon einmal hat Musk der Ukraine in diesem Jahr überraschend einen Vorteil auf dem Schlachtfeld verschafft. Bis Anfang Februar hatten auch Russlands Truppen Starlink-Empfänger genutzt, die sie über Umwege im Ausland beschafften. Sie ermöglichten den Angreifern den Datentransfer an der Front, irgendwann montierten auch die Russen die Empfänger auf Drohnen.
Wieder war es Mychajlo Fedorow, inzwischen Verteidigungsminister, der Musk dazu brachte, dem ein Ende zu setzen. Für die Nutzung eines Empfängers auf ukrainischem Gebiet ist seit Anfang Februar eine Registrierung mit der Regierungsapp Dija nötig. Russlands Armee wurde so von der Technologie abgetrennt.

Angesichts dieses Erfolgs hofft Kiew jetzt wieder auf Musk. Die Ukrainer würden Starlink-Empfänger gern auch über russischem Territorium nutzen, zumindest in den ersten 200 Kilometern hinter der Grenze. Das würde es den Ukrainern erlauben, die russische Logistik noch tiefer hinter der Frontlinie zu stören, zudem könnten sie Startfahrzeuge von ballistischen Raketen vernichten.
Die ukrainische Regierung lässt deshalb nichts unversucht, um Musk gewogen zu stimmen. Ende August verlieh Präsident Wolodymyr Selenskyj Musk per Dekret den „Orden der Freiheit“, die höchste staatliche Auszeichnung für Ausländer. Auf Fedorow als Einflüsterer kann Kiew nicht mehr bauen, denn Selenskyj hat sich im Streit von ihm getrennt. Er ist nicht mehr Teil der Regierung.
Die Abhängigkeit könnte gefährlich werden
Ende Juli schien es kurz, als sei man sich einig geworden. Selenskyj verkündete eine Übereinkunft zwischen SpaceX und dem ukrainischen Verteidigungsministerium und bat den amerikanischen Donald Trump um dessen Zustimmung. Doch Trump dementierte die Einigung mit Musk, dieser habe Sorge vor einer Eskalation des Krieges. Selenskyj wirkte im Anschluss darum bemüht, seinem geschassten Verteidigungsminister die Schuld dafür zuzuschieben. Fedorow hingegen sagte, er stehe weiterhin mit Musk in Kontakt. Eine Wende aber gibt es bis heute nicht. Laut Fedorow hält Musk an seiner ablehnenden Entscheidung fest und sagt, es sei „Zeit für einen Deal“.
Damit folgt Musk der Linie des US-Präsidenten. Wie dieser hatte sich Musk – trotz aller Unterstützung für die Ukraine – immer wieder auch als Verbreiter russischer Propaganda hervorgetan. Im ersten Kriegsjahr soll Musk einen ukrainischen Angriff auf die russische Schwarzmeerflotte vereitelt haben. Seine Entscheidung begründete er später damit, dass Starlink eine zivile Technologie sei, die „nicht zur Eskalation von Kriegen“ beitragen solle. Hinzu kamen Berichte über Telefongespräche mit Russlands Herrscher Wladimir Putin. Später folgten Kontroversen mit Polen, das die monatlichen Raten für einen Teil der ukrainischen Starlink-Empfänger zahlt.

Für die Ukraine ist Musks Satelliteninternet weiterhin überlebenswichtig. Die Armee nutzt Starlink nicht nur zur Drohnensteuerung, sondern wickelt darüber auch Datentransfers und Kommunikation an der Front ab. Regierungsbehörden und zivile Unternehmen setzen weiter auf die Technik. Das Unternehmen wird deshalb auch zum Ziel hybrider Operationen. Erst kürzlich wurde eine Starlink-Bodenstation in Polen in Brand gesetzt, die Regierung in Warschau geht von einer russischen Beteiligung aus.
Die Abhängigkeit von der Technologie ist für die Ukrainer also aus mehreren Gründen gefährlich. Kiew arbeitet deshalb an einer Alternative, gemeinsam mit einem nicht näher benannten europäischen Partner. Ein eigenes, europäisches System würde die Abhängigkeit von Musk verringern und neue Möglichkeiten für Angriffe in Russland schaffen.
Russland hat laut Geheimdienst 32 Rasswet-Satelliten im All
Doch auch Russland arbeitet an einem eigenen Satelliteninternet. Das Unternehmen „Büro 1440“ entwickelt seit Jahren das Starlink-Äquivalent „Rasswet“ (Sonnenaufgang). Das Projekt gibt sich nach außen hin einen zivilen Anschein. In einem Werbevideo sieht man eine Frau vor einem abgeschiedenen Haus, die sich über einen kompakten Empfänger mit dem Internet verbindet.
In Kiew aber hält man das Projekt für eine existenzielle Bedrohung. Nach Angaben des Chefs des ukrainischen Militärgeheimdienstes HUR hat Russland aktuell 32 Rasswet-Satelliten im All. Das wirkt wenig, gerade im Vergleich zu den rund 12.000 Starlink-Satelliten. Doch für eine militärische Nutzung in der Ukraine braucht es ukrainischen Schätzungen zufolge nur 200 bis 250 Satelliten. Eine Zahl, die noch im kommenden Jahr erreicht werden könnte. Der Militärblogger und Innovationsberater des ukrainischen Präsidenten Serhij „Flash“ Beskrestnow warnt seit Monaten eindringlich und fordert Gegenmaßnahmen.

Schon jetzt kann Russland mit seinen Drohnen weit hinter der Front Schaden anrichten. Die neuen strahlgetriebenen Langstreckendrohnen verfügen über eingebaute Mesh-Modems, die eine Bildschirmsteuerung durch Piloten ermöglichen. Doch mit eigenen Satelliteninternetempfängern könnte Russland jederzeit jeden Winkel der Ukraine erreichen, noch dazu preiswerter und effektiver.
Der Wind muss stimmen
Auch defensiv macht Moskau Fortschritte. Eine russische Firma hat Störsender entwickelt, mit denen Starlink-Satelliten „geblendet“ werden können. In einem Bereich von rund 20 Kilometern rund um den Störsender werden die Piloten blind, sie empfangen von dort keine Bildsignale und können sich nicht auf die Suche nach beweglichen Zielen machen. Dieser Technologiewettlauf ist noch immer nicht entschieden. Und das Satelliteninternet nur eine Domäne von vielen.
Die Soldaten auf dem Feld müssen ihre Drohnen nur in die Luft bringen, dann ist ihre Arbeit getan. Doch das ist ein mühsames Geschäft. Am aufwendigsten sind die Operationsplanung und die Auswahl der Startplätze. Der Drohnenstart sollte eigentlich schnell gehen. Wie bei einem Formel-1-Boxenstopp schrauben die Männer mit verteilten Rollen die Drohnen zusammen, machen das Katapult in der Erde fest. Der Sprengstoff kommt als Letztes dazu, eine Sicherung verhindert, dass er versehentlich explodiert. Erst wenn die Drohne über besetztes Gebiet fliegt, wird sie aus der Ferne entsichert.

Wichtig sind auch die Wetterbedingungen. Der Wind muss stimmen, denn davon hängen die Reichweite und der Treibstoffverbrauch ab. Sobald eine Drohne in der Luft ist, tragen die Soldaten deren Standortdaten in Applikationen ein, auf die benachbarte Einheiten Zugriff haben. Sonst kann es passieren, dass die eigene Luftverteidigung sie vom Himmel holt. Die Drohnen fliegen zunächst in Hunderten Metern Höhe, sinken erst im Zielanflug herab. Weiter unten wären sie mit ihrer Größe leichte Ziele. Und trotz sorgfältiger Planung werden viele der Großdrohnen vom Himmel geholt.
Auch Russland hat Augen in der Luft
Und auch hier auf dem Feld, Kilometer hinter der Todeszone, kann es schnell hektisch werden. Immer wieder rennen die Soldaten weg vom Katapult und den Fahrzeugen in das Dickicht der Baumreihe hinein. Von Zeit zu Zeit hört man, wie sich Drohnen nähern oder vorbeifliegen. Die meisten davon sind groß und schwer, klingen wie vorbeifahrende Motorroller. Das Geräusch gibt keinen Aufschluss darüber, ob sie russisch oder ukrainisch sind. Auch auf Grundlage der Flugrichtung lässt sich das nicht sicher sagen. Alles, was den Männern bleibt, ist zu rennen, möglichst weit weg von den Fahrzeugen. Große Drohnen sind nicht sehr wendig, deshalb entscheidet sich der Pilot in der Regel für das einfache, statische Ziel.
Doch die Soldaten hier sind Schlimmeres gewohnt. Ihre Einheit gehört zur Militärpolizei, ist aber Teil der Spezialkräfte. Die meisten kämpfen schon seit Jahren, haben in anderen Einheiten gedient. Als First-Person-View-Piloten (FPV) saßen sie wochenlang in kleinen Erdlöchern in der Todeszone oder als Infanteristen an vorderster Front. Sie haben sich schon gerade gemacht. Unter Soldaten herrscht die Vorstellung vor, dass man sich vergleichsweise ungefährliche Positionen innerhalb der Armee auf diese Weise „verdienen muss“.
Zur Sicherheit aber haben die Männer auch jetzt eine Schrotflinte dabei. Mit ihnen schießt in der Ukraine niemand auf Menschen, sie werden zur Abwehr von FPV-Drohnen benutzt. Eigentlich kommen die nicht so weit. Doch inzwischen setzt Russland seine Großdrohnen manchmal auch als „Mutterschiffe“ ein. Sie tragen die kleinen FPVs weit hinter ukrainische Linien.
Als auch der zweite Sprengstoffvogel in der Luft ist, machen die Soldaten sich deshalb schnell fort. Auch Russland hat Augen in der Luft, die permanent auf der Suche sind. Und Drohnenteams gehören inzwischen zu den wertvollsten Zielen in diesem Krieg.
