
Der studierte Physiker Nadeschdin ist seit Jahrzehnten in der russischen Politik aktiv. Nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine im Februar 2022 wurde Nadeschdin zu einem der wenigen noch im Land lebenden Politiker, die öffentlich für ein Ende der Kämpfe eintraten. 2024 wollten die Behörden seine Kandidatur gegen den russischen Staatschef Wladimir Putin bei der Präsidentschaftswahl nicht zulassen, nachdem sich lange Schlangen von Unterstützern gebildet hatten.
In diesem Sommer wollte Nadeschdin bei der Parlamentswahl im September antreten. Im Juli wurde er kurzzeitig festgenommen, wegen „Extremismus“ zu einer Geldstrafe verurteilt und als „ausländischer Agent“ eingestuft. Er zog seine Kandidatur zurück. Kurz nach seiner Ausreise wurde auch die gegen den Krieg auftretende Partei Jabloko von der Wahl ausgeschlossen.
„Wenn ich 2024 noch damit durchkam, Putin und den Krieg zu kritisieren, kann ich das jetzt nicht mehr“, sagte Nadeschdin jetzt zu AFP. Den Wunsch nach Veränderung in Russland hält er dennoch für „enorm“. Vor dem Ende seiner Wahlkampagne habe er mit „hunderten, vielleicht sogar tausenden jungen Menschen“ gesprochen.
„Sie sagen, dass sie Frieden wollen, und sie sagen alle, dass sie zu einem normalen Leben zurückkehren wollen“, sagte Nadeschdin und fügte mit Blick auf die russischen Behörden an: „Ich denke, deshalb haben sie weder mich noch Jabloko zur Wahl zugelassen.“
Die Folgen des Kriegs seien für die Bevölkerung inzwischen immer unmittelbarer spürbar, sagte Nadeschdin weiter. „Jeden Tag fliegen ukrainische Drohnen über uns hinweg, und Menschen sterben. Kinder sterben. Es gibt Probleme mit Benzin. Das Internet funktioniert nicht. Die Preise steigen.“ Auch die Verluste ließen sich nicht verbergen: „Gehen Sie auf den Friedhof irgendeiner russischen Stadt. Dann sehen Sie sofort, wie viele Männer getötet wurden.“
Auch innerhalb der russischen Elite herrsche Unzufriedenheit. Doch die Angst sei zu groß, um offen aufzubegehren, sagte Nadeschdin. „Sie halten sich alle an die Linie und sagen mir immer wieder: ‘Boris, du verstehst doch: Ein Schritt in die falsche Richtung, und wir sind erledigt.’“
Fast alle prominenten Gegner Putins sind inzwischen im Gefängnis oder im Exil. Alexej Nawalny starb im Februar 2024 in Haft. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation OVD-Info sitzen mehr als 2000 Menschen aus politischen Gründen in Haft.
Nadeschdins Eltern und Kinder sind weiterhin in Russland. Wo er selbst dauerhaft leben und wovon er seinen Lebensunterhalt bestreiten wird, weiß er nach eigener Aussage noch nicht. „Aber ich werde alles tun, um bis zu dem Tag durchzuhalten, an dem ich nach Russland zurückkehren kann.“
