
In den Supermarkt gehen, Tanken fahren, mit der Bahn verreisen – was für uns alltägliche Dinge sind, ist in der Ukraine im Herbst 2026 auch weit jenseits der Front lebensgefährlich geworden. Jederzeit kann eine russische Drohne in einem Einkaufszentrum einschlagen, eine Rakete das eigene Auto in die Luft jagen oder eine Gleitbombe die eigene Wohnung vernichten.
In viereinhalb Jahren Krieg haben sich die Ukrainer an vieles gewöhnen müssen. Im vergangenen Winter, dem auch meteorologisch härtesten seit dem russischen Überfall, haben sie teils monatelang in kalten und dunklen Wohnungen ausgehalten, weil Russland Energieerzeuger und Heizwerke zerstörte. Das Frühjahr und der Sommer brachten dann aus Kiewer Sicht neben Wärme und Licht vergleichsweise positive Nachrichten von der Front: Russlands Vorrücken verlangsamte sich zum Beinahe-Stillstand, und der ukrainischen Armee gelang es, kleinere Gebiete zu befreien.
In Supermärkten wird schon Ware knapp
Die Hoffnung aber auf eine grundlegende Änderung der Lage, gar auf endlich Frieden, war vergeblich. Einen Waffenstillstand, dem Kiew in diesem Jahr schon mehrmals auch unter US-Vermittlung zugestimmt hat, lehnt Russland strikt ab. Militärisch jedoch steckt Moskau fest. Nur unter wahnsinnigen menschlichen Verlusten gelingt es der russischen Armee, in der Ukraine minimal vorzurücken. Nachschub für seinen Krieg findet Putin nur noch, indem er immer höhere Prämien für die Rekrutierung von Soldaten zahlen lässt. Geld, für das vor allem die Regionen aufkommen müssen, in denen die Mittel für Schulen und Straßen fehlen.
Weil sich an seiner selbst verursachten militärischen Misere kaum etwas ändert, ist Russland nun vor dem fünften Kriegswinter dazu übergegangen, die Lebensgrundlagen der Ukrainer zu vernichten. Moskau greift nicht mehr „nur“ Energie- und Heizkraftwerke an, sondern jagt Wasserwerke, Tankstellen, Lebensmittellager, Züge und Busterminals in die Luft. In manchen ukrainischen Regionen ist bereits die Hälfte der Lagerkapazität für Lebensmittel zerstört worden, in einzelnen Supermärkten wurde schon Ware knapp. Und wir haben erst September.
„Nie wieder Krieg“ klingt in Osteuropa wohlfeil
Mit millionenschwerem Aufwand bombt Russland die Ukraine absehbar in eine Hungersnot. Es nimmt so nicht nur den Tod vieler Zivilisten billigend in Kauf, sondern wird auf diese Weise bewusst auch eine neue Flüchtlingswelle verursachen, um so Unruhe in jenen Ländern zu schüren, die Kiew bei der Verteidigung unterstützen. Da nun die gesamte Ukraine nicht mehr sicher vor Moskaus Bombardements ist, werden die Menschen zwangsläufig jenseits ihrer Landesgrenzen Schutz suchen, darunter auch in Deutschland.
Auch deshalb stimmt die vor allem von AfD und BSW zu hörende Behauptung nicht, wir hätten mit diesem Krieg nichts zu tun. Es ist eine Illusion, dass wir uns aus dem russischen Morden, das keine tausend Kilometer von Deutschland entfernt tobt, heraushalten könnten. Das geht schon allein aus menschlichem Anstand nicht. Und bilden wir uns nicht auch ständig ein, aus unserer eigenen, furchtbaren Geschichte gelernt zu haben?
Eine der Lehren daraus aber ist eben gerade nicht der oft zu vernehmende Satz „Nie wieder Krieg!“. Dieser klingt, gerade auch in osteuropäischen Ohren, wie eine wohlfeile Floskel und noch dazu belehrend, wenn ihn die Nachfahren jener dozieren, die den Kontinent einst mit dem Zweiten Weltkrieg ins Unglück gestürzt haben. Stattdessen muss die Lehre vielmehr sein, die etwa in Polen vor Jahrzehnten schon auf Transparenten zu lesen war und es noch heute ist: „Nie wieder Besatzung!“, „Nie wieder Todeslager!“, kurz: „Nie wieder wehrlos!“
Auf die Ukraine bezogen heißt das, das Land jetzt, vor dem Winter, mit allem auszustatten, was es für seine Verteidigung dringend braucht. Dazu zählt zuallererst Flugabwehr, Systeme genauso wie Munition, die in Ländern Mittel- und Westeuropas lagern, in der Ukraine aber täglich Leben retten können. Dazu zählt zweitens substanzielle finanzielle und materielle Hilfe, um Schäden zügig zu beheben und menschliches Leid zu minimieren. Und dazu zählt drittens, Russland für seine Verbrechen endlich entschlossen, umfassend und wirksam zu sanktionieren.
