Als Ende Juni in Klagenfurt der Bachmannpreis-Wettbewerb ausgetragen wurde, ging es in auffällig vielen Texten ums Erben. Von Vermögen, Immobilien, von körperlichen und seelischen Veranlagungen. Es ging um Dinge, die man vermacht, geschenkt, aufgehalst, zugemutet, überantwortet bekommt, immer eigentlich ohne eigenes Zutun, aber mit lebenslangen Folgen.
Die Schriftstellerin Anousch Mueller hat diesen Bachmannpreis von zu Hause aus beobachtet, sie lebt mit ihren Kindern in Königs Wusterhausen bei Berlin, sie ist aber auch selbst schon in Klagenfurt dabei gewesen, 2013 – und wie sie das beschädigt hat, hat sie jetzt auf Instagram nacherzählt. Mueller las damals aus ihrem Debüt, das kurz vor seiner Veröffentlichung stand, der Jury gefiel gar nicht, was sie hörte, Mueller empfand sich als „Opfer der Asymmetrie von Autorin und Tribunal“.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
„Ich kriege heute noch Beklemmungen, wenn ich den Namen Klagenfurt irgendwo lese oder höre“, schrieb sie auf Insta. Einige Wochen später aber, die Pointe trug Anousch Mueller dann noch nach, erhielt „Brandstatt“ den Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung für das beste deutschsprachige Debüt des Jahres. Überwältigend sei das gewesen, aber die „Wunde Klagenfurt“ sei damit trotzdem nicht geschlossen.
Dreizehn Jahre hat es seitdem gedauert, aber jetzt erscheint „Lori“, der zweite Roman von Anousch Mueller – in dem es auch ums Vererben geht. Nur weiß Leni, die Erzählerin dieses kurzen, komplexen Romans, lange nicht, was das ist, das sie da mit auf den Weg bekommen hat. Und wie Anousch Mueller es gelingt, in dieser Familiengeschichte, die in den Siebzigerjahren der DDR beginnt und zehn Jahre nach dem Mauerfall endet, auch aktuelle Fragen nach dem Umgang mit dem Erbe der Wiedervereinigung von heute zu bearbeiten, macht diesen Roman so stark.
Da fehlt etwas in dem, was die Eltern ihren Kinder erzählen
Man könnte „Lori“ allerdings auf den ersten Seiten noch für eine Coming-of-Age-Story halten, wie es auch Muellers Debüt „Brandstatt“ auf seine Weise gewesen ist. Ein geheimnisvolles Haus, in dem viele Kinder mit ihren Eltern leben, so fängt es an: Ferien, freier Himmel, Freunde, Popmusik. Aber da stimmt etwas nicht in der Familie von Leni und ihren fünf Geschwistern, da reimt sich etwas nicht zusammen in dem, was die Eltern ihren Kindern erzählen, da fehlt etwas.
Was das ist, das legt „Lori“ auf sparsamen 200 Seiten frei. Die es aber schaffen, nicht nur familiäres Trauma, sondern auch abgeräumte, aber unbewältigte deutsche Geschichte zu erzählen. Die Familie Ross lebt in einem alten Bahnhof an einer stillgelegten Strecke in Thüringen, die Eltern hatten sich in den 1970er-Jahren in Cottbus kennengelernt.
Nur eine Havarie auf der Ostsee – oder Republikflucht?
Als Leni noch klein ist, nehmen Vater und Mutter sie mit zu einem Segeltörn auf die Ostsee: Der Wind schlägt um, das Boot treibt immer weiter hinaus, weg vom Ufer, weg von der DDR, der Grenzschutz greift ein, schießt auf das Boot, es havariert. Der kleinen Leni schlägt dabei das Segel an den Kopf, sie erleidet eine Amnesie. Der Vater geht ins Gefängnis für drei Jahre, danach darf der Architekt nur noch als Rettungssanitäter arbeiten.

War es ein Fluchtversuch? Und vor allem: War das alles, was geschehen ist? Nach dem Mauerfall, nach der Trennung der Eltern versucht Leni, mehr darüber herauszufinden, überhaupt ihren Weg zu finden, genau wie ihre fünf Geschwister. „Du hast Dissoziationen“, sagt Lenis bester Freund Lutz einmal, „Etgar Depressionen, Alex ist Trinker, Josi Borderlinerin, Kiki nicht von dieser Welt, und Paul kompensiert mit sportlichen Höchstleistungen.“
Keine Familie, mehr eine Diagnose. „Es geht um transgenerationale Traumata“, sagt Anousch Mueller selbst, als wir uns an einem sehr heißen Berliner Sommertag zum Gespräch treffen. „Um Schweigen und um dessen Auflösung. Dass das in der DDR-Geschichte verwoben ist, ist einfach dem Umstand geschuldet, dass ich darüber erzählen kann, weil es vor mir liegt.“
Was Anousch Mueller mit Rietzschel, Gneuß und Rabe verbindet
Da ist also der nächste Roman einer Autorin mit Wurzeln in der DDR, könnte man denken, dem es gelingt, den Umgang mit dem Erbe und den Hinterlassenschaften der DDR, mit Teilung und Wiedervereinigung anders zu erzählen, ambivalenter, freier von der Repräsentation, das große Panorama abbilden zu müssen. Anousch Mueller, geboren 1979 in Erfurt, verbindet das mit Anne Rabe und Lukas Rietzschel und Charlotte Gneuß, die alle mit ihren Romanen die literarische Perspektive auf das, was vor 1989 war und danach daraus entstanden ist, erweitert haben.
In Anousch Muellers Fall liegt es an der Art, wie die Autorin das fast schon klassische Thema eines intergenerationellen Traumas löst aus dem familiären Raum – indem sie es mit einer Verlustgeschichte der DDR-Architektur verwebt. Das klingt erst mal speziell, fügt sich dann aber nicht nur gut zusammen, sondern macht aus einer individuellen Geschichte eine soziale: von Lücken, Aussparungen, Abrissen, von verlorenen öffentlichen Räumen und neuen Fassaden, von Trauer und Erinnerung.
Die autobiographischen Elemente in „Lori“
Lenis Vater Robert war, bevor er seine Frau Katharina kennenlernte, nach Cottbus gekommen, um dort als Architekt an der Stadtpromenade zu bauen, deren Glanzstück die sternenartige Eisbar „Kosmos“ war. Als Leni Jahre später als Studentin vor ihr steht, ist die Bar fast verrottet, im wahren Leben wird sie trotz Protesten der Einheimischen 2007 abgerissen.
Anousch Mueller hat diese Passagen ihres Romans recherchiert. Der hat zwar autobiographische Elemente, ihr Vater war Mitte der 1970er-Jahre beim Versuch, die Berliner Mauer zu überwinden, festgenommen und im Haftarbeitslager Raßnitz inhaftiert worden. Auf dem Cover des Buchs sieht man die Autorin als Kind mit ihrer Mutter. Den Schauplatz Cottbus aber hat sie sich selbst erschlossen.
„Es geht nicht darum, die DDR zu beweinen“
Man kann sich schnell mit Anousch Mueller in Rage reden, wenn es um den Abriss von DDR-Architektur geht, die ja seit 1990 nicht nur in Cottbus planiert worden ist. Aber Anousch Mueller sagt auch: „Es geht überhaupt nicht darum, dass, wenn man die zerstörte Stadtpromenade von Cottbus beweint, die DDR beweint. Es geht um Wertschätzung, um die Bewahrung von Geschichte. Es hätte ja nicht heißen müssen: Wir wollen noch etwas aus der DDR hinüberretten. Sondern: Wir bewahren hier eure Lebensgeschichte auf. Aber dafür gab es damals offenbar kein Bewusstsein.“

„Lori“ ist eigentlich schon das vierte Buch von Anousch Mueller. Das erste war ein Lyrikband, 2012 erschienen. Als sie dann „Brandstatt“ 2013 fertig schrieb, hatte sie gerade ihr erstes Kind bekommen – und relativ schnell mit dem nächsten Roman angefangen. Dann kam aber etwas dazwischen, was typisch sei für ihr Leben, sagt sie, und Anousch Mueller wurde, kurzzeitig, zur Expertin für Heilpraktik: Sie war noch im Studium krank geworden und an die Heilpraktik geraten. Hatte dann, gefördert vom Arbeitsamt, selbst eine Ausbildung begonnen, die auch beendet, dabei aber eben auch fassungslos festgestellt, was das für eine Scharlatanerie sei, wie sie sagt. Darüber schrieb sie in der „Süddeutschen Zeitung“ einen Artikel und danach ein ganzes Buch.
Der neue Roman ist Ergebnis eines langwierigen Prozesses
Lauter Umwege auf dem Weg zu diesem neuen Roman, dazu gehörte aber auch die Geburt ihres zweiten Sohns. „Kleinkind-Mutterschaft und Literatur, das lässt sich oft schwer vereinbaren“, sagt Anousch Mueller heute. „Es gab zu viel alleinige Verantwortung und Überforderung. Und da rangiert das Buch immer ganz hinten – wenn mal Zeit ist, wenn die Kinder mal gesund sind und die Nerven nicht blank liegen. Das Buch ist Ergebnis dieses langwierigen Prozesses, dieser Kämpfe, Frustrationen und Enttäuschungen.“
Jetzt ist „Lori“ also endlich fertig geworden – was die Idee, hier formiere sich eine ganze Bewegung von Autorinnen und Autoren, um die DDR neu zu erzählen, und Anousch Mueller sei die nächste, dann noch mal ins Verhältnis setzt. „Ich füge eine Erzählung hinzu, die aus dem Erinnerungsreservoir schöpft und aus dem, was mich darüber hinaus beschäftigt“, sagt sie relativ lapidar. Und dass sie natürlich wisse, dass man sie jetzt nach der DDR fragen werde, sie sich aber keiner Generation zugehörig fühle, wenn sie schreibe.
Kindheitserinnerungen, aber keine Stasi-Akten
„Vielleicht kann meine Generation etwas unbefangener mit dem Ganzen umgehen, weil wir nicht mehr dafür geradestehen müssen“, sagt Anousch Mueller dann aber doch. „Ich war zehn, als die Wende kam, ich habe natürlich sehr starke Kindheitserinnerungen, sicher auch prägende, aber trotzdem müssen wir uns nicht mehr rechtfertigen. Weder gibt es bei uns etwas in den Stasi-Akten zu entdecken, noch müssen wir uns wie Christa Wolf vom Westfeuilleton demütigen lassen, weil wir 1989 noch an eine bessere DDR geglaubt haben – auch wenn mir das selber sehr naiv vorkommt.“
Vielleicht gehört es auch zu der neu gewonnenen Multiperspektivität und Ambiguitätstoleranz in der Literatur über die Jahre vor und nach 1989 aber eben auch dringend dazu, zwischen unterschiedlichen literarischen Projekten keine Zusammenhänge zu erzwingen.
Ja, Anousch Mueller erzählt in „Lori“ wie Charlotte Gneuß in „Gittersee“ von der Beziehung einer jungen Frau zu einem Mann von der Stasi. Ja, „Lori“ ist auch eine Spurensuche nach dem Ungesagten einer Familie, wie Anne Rabe es in „Die Möglichkeit von Glück“ gemacht hat. Und ja, man kann mit Anousch Mueller wie mit Lukas Rietzschel lange über die ökonomischen Unterschiede zwischen Ost und West reden, die ja, vor allem, eine Frage des Vererbens sind. Von Immobilien. Von Vermögen. Und darüber, welche Folgen es für den Erfolg der AfD hat, wenn der sogenannte Osten weiter zurückfällt.
Aber „Lori“ entwickelt auch eine Erkenntnis über das Nachleben von Geschichte, die über den konkreten Fall der DDR hinausgeht. „Es gab keine Lücke, in die die Wahrheit gepasst hätte“, sagt Leni am Ende über ihre Familie, die immer weitergemacht hat. Anousch Mueller hat einen Roman darüber geschrieben, wie es ist, wenn man so tut, als sei nie etwas gewesen. Was sich immer rächt.
Man kann manche Erbschaften eben nicht ausschlagen, erst recht nicht historische. „Ich habe für mich festgestellt, dass so ein Menschenleben gar nicht ausreicht, um über bestimmte Traumata hinwegzukommen“, sagt Anousch Mueller. Die Lücken bleiben, selbst wenn man sie nicht mehr sieht. Man darf nur nicht vergessen, dass es sie gibt.
