Als Tyler Austin Harper gerade Professor am Bates College geworden war, wurde er gebeten, die jährliche Feier am Martin Luther King Day mitzuorganisieren. Dass seine Kollegen an der renommierten Hochschule in Maine ausgerechnet ihn fragten, lag nicht an seinem Fachgebiet. Harper ist Literaturwissenschaftler, promovierte an der New York University, spezialisiert ist er auf literarische Darstellungen von Umweltkatastrophen und dem Klimawandel. All sein Wissen über Martin Luther King habe er aus der Schule, schreibt Harper in einem neuen Essay für das Magazin „The Atlantic“. Seine „Qualifikation“ für die Feiertagsplanung habe in den Augen der anderen Professoren wohl darin bestanden, einer der wenigen schwarzen Kollegen zu sein.
Schon in den Stunden nach seinem Erscheinen wurde der Text in den sozialen Medien lebhaft diskutiert. Denn was Harper liefert, ist eine Art Sittengemälde eines progressiven kleinen Colleges, das er als repräsentativ für die akademische Welt an sich verstehen will. Erst lautete die Überschrift des Essays wie auf der gedruckten Titelseite: „Confessions of a token Black professor“. Das änderte die Redaktion kurze Zeit später in „Why I quit the Tenure Track“.
DEI als Gefahr für die akademische Freiheit?
Harper hat das Bates College und seine akademische Laufbahn hinter sich gelassen und ist beim „Atlantic“ fest angestellt. „Token“ bedeutet Unterpfand; ein Professor, der tokenisiert wird, dient als Ausweis der antirassistischen Integrität seiner Institution. Harpers These geht aber weiter: Er will zeigen, dass beim Versuch der Durchsetzung von Diversität und Antirassismus nicht nur die akademische Freiheit oft auf der Strecke bleibe, sondern auch Machtstrukturen erhalten blieben.

Der junge Professor akzeptierte trotz seiner Vorbehalte die Aufgabe, den Martin Luther King Day zu organisieren. Bald habe er in Sitzungen gesessen, wo Veranstaltungen unter dem Motto „Decolonization and Liberation“ geplant wurden, während Lehrbeauftragte gemeinsam mit Mitarbeitern aus der College-Verwaltung und der Hauswirtschaft gerade versucht hätten, eine Gewerkschaft aufzubauen. Die Hochschulleitung reagierte darauf nicht mit der Offenheit, die das allseits verwendete Vokabular hätte vermuten lassen. Sie holte sich zur Abwehr des Arbeitskampfes eine Beraterfirma ins Haus, die unter anderem beim Kampf gegen die Gewerkschaft der Amazon-Mitarbeiter in Staten Island Erfahrung mit „union busting“ gesammelt hatte. Harper notiert die Ironie: Martin Luther King war bei seiner Ermordung 1968 in Memphis, weil er dort streikende Müllarbeiter unterstützen wollte.
Bates wird porträtiert als Institution, deren moralische Ansprüche umso höher steigen, je weniger sich an ihren materiellen Hierarchien ändert. Harpers Text ist voll mit Szenen, die dieses Bild von der akademischen Welt seit 2020 einprägsam zeichnen: Da ist die schwarze Kollegin, die ihn mit antirassistischer Literatur versorgt und überzeugt ist, in der postindustriellen College-Stadt Lewiston lauere hinter der freundlichen Fassade überall Rassismus. Da ist der Moment, in dem jemand den Streit zwischen weißen und schwarzen Studenten zum „versuchten Lynching“ erklärt, weil die weißen Studenten damit gedroht haben sollen, die Polizei zu rufen. Da ist der Vorschlag, Studenten könnten bei rassistischen Angriffen ihre Grenze markieren, indem sie „oops“ oder „ouch“ rufen. Ein Wissenschaftler findet es problematisch, einen Bauern auf einem Plakat abzubilden, weil Bilder von Farmern und Traktoren Whiteness transportierten. Bei einem „DeStress Fest“ für Professoren gibt es Knete, Lego und einen Hasen zum Streicheln.
Der Rassismus war immer noch da
Harper nimmt all das nicht nur glänzend aufs Korn. Er zeigt auch, dass der Rassismus nicht verschwunden ist, nur weil in einer therapeutischen Sprache über ihn geredet wird. In einer Berufungskommission sagt ein Kollege über einen Bewerber, der über die afrikanische Diaspora forscht, diese Arbeit liege vielleicht „zu nah an Tylers“. Der gedankliche Kurzschluss ist schmerzhaft banal: Harper ist schwarz, also muss er Experte für die afrikanische Diaspora sein. Er bezweifelt, dass verpflichtende Kurse zu antirassistischen Themen etwas verbessern würden, und legt sich mit der Hochschulleitung an: Allen Fachbereichen solche Seminare vorzuschreiben, gefährde die akademische Freiheit.

Der Autor macht aus dem sehr anschaulich beschriebenen College am Ende allerdings eine Theorie der Situation der Universität an sich. Anekdoten, die er selbst erlebt hat, sollen dabei mehr erklären, als sie empirisch tragen können. So zum Beispiel eine Berufungsgeschichte, die innerhalb von Stunden zum Fokus der Debatte in den sozialen Medien wurde. Eine Kandidatin of Color, die Harper „Charlotte“ nennt, hielt er wissenschaftlich für zu schwach. Andere Kommissionsmitglieder favorisierten sie trotzdem. Doch am Ende legte der Dekan sein Veto ein, „Charlotte“ wurde nicht berufen, eine andere, hoch qualifizierte Kandidatin of Color aber ebenso wenig.
Issac Bailey, ein schwarzer Journalist und Professor am Davidson College, griff diesen Punkt bei X auf: Die Schilderung belege doch gerade nicht, dass eine schlechtere schwarze Kandidatin sich automatisch „wegen DEI“ durchsetzen könne. Davon abgesehen bleibe ein schlechter weißer Kandidat in der allgemeinen Wahrnehmung normalerweise ein individueller schlechter Kandidat. Ein schlechter schwarzer Kandidat werde im Kulturkampf gegen Affirmative Action und DEI-Programme immer zum Repräsentanten der Schwarzen gemacht.
Progressive Sprache wird einverleibt
Harpers eigene Geschichte enthält so eine bittere Ironie. Der Autor, der so gut beschreibt, wie eine progressive Hochschule ihn auf seine Hautfarbe reduziert, beginnt selbst, nach einem einzigen Berufungsverfahren die Qualifikation anderer Professoren of Color wegen ihrer Hautfarbe in Zweifel zu ziehen. Am Ende bleibt die Verallgemeinerung: Aus der grotesken Fakultätssitzung wird „Academia“. Aus einem schlechten Diversity-Verfahren ein Urteil über Gleichstellungspolitik an sich. Von Kollegen, die sich in antirassistischer Sprache verheddern, schließt Harper auf eine jahrzehntelange Bewegung hin zu leerem „progressivem Extremismus“, den er auch in anderen Texten von links kritisiert hat.
Eines kommt in Harpers Text nicht ausführlich vor: die Arbeit anderer Theoretiker of Color, die seit Jahrzehnten zum selben Thema forschen. Dass progressive Symbolpolitik und materielle Ausbeutung zusammenpassen, ist keine neue Erkenntnis. Aber andere haben die Frage gründlicher gestellt, warum sie eigentlich so gut zusammenpassen. Der Philosoph Olúfẹ́mi O. Táíwò hat den Begriff „elite capture“ bekannt gemacht. Er meint damit nicht, wie es in vielen Anti-„Woke“-Erzählungen und auch in der Regierungspolitik von Donald Trump anklingt, dass marginalisierte Gruppen eine Institution gekapert hätten.
„Elite capture“ funktioniert in die andere Richtung: Eine politische Bewegung formuliert Forderungen nach Gleichheit, Macht oder materieller Veränderung. Institutionen und privilegierte Teile dieser Bewegung nehmen Elemente davon auf und verwandeln sie so, dass sie mit den bestehenden Hierarchien kompatibel sind. Aus der geforderten Umverteilung von Macht und Ressourcen wird Repräsentation: Eine Firma kann schwarze Manager in ihren Vorstand berufen, ohne mehr Lohn an ihre Arbeiter zu zahlen. Eine Universität kann mehr Professoren of Color einstellen, ohne die Stellung ihrer Lehrbeauftragten zu verbessern, wie auch Harper schreibt. Auch der Queer-Theoretiker Roderick Ferguson hat diese Dynamik lange vor dem heutigen DEI-Streit beschrieben.
Universitäten als Großinvestoren
Und Sara Ahmed zeigte in ihrer Forschung über Diversity-Arbeit, wie Institutionen eine Sprache der Gleichheit so vollkommen beherrschen können, dass diese Sprache an die Stelle von Veränderungen tritt. Die politökonomische Dimension beleuchtete Davarian Baldwin kürzlich in seinem Buch „In the Shadow of the Ivory Tower“: Universitäten agieren auch als Immobilienbesitzer, Investoren und politische Machtzentren – in New York etwa kauft die Columbia-Universität seit Jahrzehnten Immobilien und Grundstücke in Harlem, wird so zur Treiberin von Gentrifizierung und Verdrängung.

Harper beschreibt die Stadt, in der das Bates College zu Hause ist, nur kurz. In Lewiston ist, wie in vielen Universitätsstädten, die industrielle Blüte von früher nur noch in Ruinen sichtbar: Häuser verfallen, Menschen sind massenhaft arbeitslos. Mitten darin liegt der gepflegte Campus mit seinem makellosen Rasen und alten Gebäuden. Harper macht daraus ein Bild progressiver Weltabgewandheit. Würde er sich auf seine Kollegen wie etwa auf Baldwin beziehen, hätte er vielleicht mehr über die materiellen Beziehungen zwischen Stadt und Campus herausfinden wollen.
Während Linke Harpers Text auch mit Bezug auf diese Theoretiker kritisieren, löst er rechts Begeisterung aus. Dass ein bekannter afroamerikanischer Autor, der sich als Marxist bezeichnet, die DEI-Bürokratie hart angreift, wird gefeiert. John McWhorter nannte den Beitrag „utterly perfect“. Niall Ferguson sah das Bates College als einen Mikrokosmos des „Verfalls und Niedergangs“ der amerikanischen Universität. Rod Dreher forderte seine Fans auf, alles stehen und liegen zu lassen und dieses „INCREDIBLE“ Essay zu lesen.
Harpers Text handelt ganz wesentlich von Rassismus, von der Prekarisierung der Arbeit und dem Zusammenbruch des Tenure-Systems. Die online zirkulierenden Schlagwörter daraus sind aber sein unglücklicher Vergleich der DEI-Maßnahmen mit „Jim Crow“, die „racial monomania“ und „ideologische Verrücktheit“, die er dem College vorwirft.
Aber mit Táíwò und anderen kann man auch nach der Lektüre der anekdotischen Evidenz weiter fragen: Hat wirklich „progressiver Extremismus“ die Krise der Universität hervorgebracht? Oder hat eine in vielerlei Hinsicht bereits ausgehöhlte, von Managern geleitete und als Investment-Modell funktionierende Universität progressive Sprache über- und Forderungen aufgenommen, weil diese ihr eine Form moralischer Legitimation bieten, ohne Machtverhältnisse zu bedrohen?
