
„Wir waren alle gemeint“, sind die Worte, die Sarah Tacke wählt, um die erste Ausgabe der ZDF-Talksendung zu eröffnen. Fünf Tage sind seit dem Anschlag am Rande des Berliner CSD vergangen, nun soll die Runde über Islamismus diskutieren. Der Einstieg, so muss man das wohl verstehen, soll Zusammenhalt stiften: wir gegen die, Islamismus gegen offene Gesellschaft. Der Einspieler liefert die Dringlichkeit dazu, „wieder ein islamistischer Anschlag, eine Tote, viele Verletzte und wieder ein Auto als Mordwaffe“. Gefährder heißen bei Tacke „tickende Zeitbomben“. Die Vokabel schreibt sie niemandem zu, sie ist ihre eigene.
Am Tisch sitzen NRW-Innenminister Herbert Reul, die Kriegsreporterin und Menschenrechtsaktivistin Düzen Tekkal (kurzfristig anstelle der bis zuletzt angekündigten Grünen-Abgeordneten Lamya Kaddor) und der Psychologe Ahmad Mansour, der seit dem Anschlag in Dauerpräsenz im Fernsehen ist. Drei erfahrene, pointierte Redner, auf dem Papier eine dankbare Runde.
„Das Schweigen ist ein Bodyguard der Täter“
Nur trennt die drei Gäste vom ersten Moment an nichts Grundsätzliches, die Moderatorin eingeschlossen. Damit fehlt der Sendung ihr Treibstoff. Deutschland ist zu nachsichtig mit Islamisten, darin sind sich die vier einig, verhandelt werden Dosierungen. Es fehlt eine Stimme, die die bestehende Praxis erklären könnte. Niemand von der Justiz, deren angebliche Fehler die Sendung zum Thema macht. Niemand, der das Jugendstrafrecht verteidigt, dessen Verschärfung alle wollen. Die Besetzung folgt der These der Sendung, und Tackes Fragen folgen der Besetzung.
Tekkal schert am stärksten aus, weil sie immer wieder auch auf Feinde der freien Gesellschaft von anderer Seite zu sprechen kommt. Sie nennt Rassisten und Islamisten „böse Zwillinge“ und beklagt, aus Sorge vor dem Rassismusvorwurf sähen zu viele Menschen davon ab, islamistische Tendenzen zu benennen, „das Schweigen ist mittlerweile zum Bodyguard der Täter geworden“.
Mansour meint, Politik, Medien und NGOs hätten jahrelang investiert, „Islamismus einfach zu relativieren“. Kein Name, kein Beispiel und leider auch keine Nachfrage. Tacke nickt. Beiläufig erwähnt er, dass er gerade selbst mit dem Bundesinnenministerium Präventionsmaßnahmen entwickelt. Damit ist der Experte Partei in der Debatte, die er begutachtet.
Reul redet, wie einer redet, der solche Abende seit Jahrzehnten bestreitet. Seine Sätze sind knochentrocken. Hundertprozentige Sicherheit könne man den Menschen nicht versprechen, sagt er. Er kennt den Reflex, nach dem lange nichts geschieht, dann die Tat kommt, dann der Alarmismus und danach wieder die Abgeklärtheit. Willkürlich wegsperren lasse sich in einem Rechtsstaat sowieso niemand, „so gehört sich das auch“. Und überhaupt: Jeder Fall sei anders, Wundermaßnahmen gebe es keine, alle Instrumente müsse man nutzen, jeder müsse seinen Job machen. 100 Punkte im Plattitüden-Werfen.
Gute Nachfragen, wenig Erkenntnisgewinn
Gastgeberin dieser Runde ist eine Frau, die vieles anders machen will als Maybrit Illner, deren Sendeplatz sie für fünf Sommerwochen übernimmt. Die promovierte Juristin Tacke leitet die Rechtsredaktion des ZDF und gehört seit 2014 zum Inventar des Senders. Sie moderierte das Wirtschaftsmagazin „WISO“, die Reportagereihe „Am Puls“ und ein True-Crime-Format. Jetzt bekommt die Hausjuristin den wichtigsten Debattenplatz des Hauses, und die Aufmachung arbeitet hörbar an der Abgrenzung.
Einspieler zeigen Tacke als Reporterin, die durch Berlin marschiert. Ein Splitscreen legt die Forderungen des Bundesinnenministers neben die Runde, ein QR-Code soll die Zuschauer einbinden, ein vierter Gast stößt erst spät dazu. Selbst die Garderobe markiert Distanz: Tacke im legeren mintfarbenen Jäckchen, ihre drei Gäste förmlich in Anzug und Zweiteiler. Programmatisch setzt sie in diesem Einspieler den Rahmen selbst. „Ich war am Anschlagsort und ich habe da Ohnmacht gespürt, Sprachlosigkeit, aber auch Wut auf den Terroristen, auf den Attentäter, auch Wut auf den Staat.“ Die Moderatorin liefert in den ersten Minuten schon die Stoßrichtung der Sendung, Staatsversagen. Die Wut kommt im Satz doppelt vor. Die Trauer gar nicht.
Dabei beherrscht Tacke ihr Handwerk. Sauber reformuliert sie immer wieder den Stand der Debatte. Sie stellt offene Fragen an ihre Gäste, ohne Suggestion. Ihre beste Rückfrage trifft Reul, dessen Land Fußfessel und Präventivgewahrsam längst hat: „Heißt das, die Maßnahmen bewirken keinen wirklichen Schutz?“ Gegen Mansours Lob der Deradikalisierung im Gefängnis hält sie Gegenevidenz, „da widerspricht Ihnen der Bund der Strafvollzugsbediensteten, der sagt nämlich genau das Gegenteil“. Reden die Gäste durcheinander, ruft sie ordnend „nacheinander“ in die Runde. Sie gestikuliert mit viel Zeigefinger, viel Hand, eine Dirigentin vor ihrem Redner-Orchester.
Das fängt nicht ab, wie deutlich ihre Einhelligkeit mit der Runde durchscheint. Erkenntnisgewinn will sich nicht einstellen, obwohl jeder der Diskutanten zitierwürdige Punchlines mitgebracht hat. (Mansour: „Es handelt sich um Einzeltäter, die sich am Laptop radikalisieren“, Reul: „Es gibt nicht eine Maßnahme, die die ganze Welt rettet“, Tekkal: „Islamismus tötet und das zu ignorieren, tötet ein zweites Mal“.) Alles wahr, alles schön gesagt und vollständig erwartbar.
„Das wäre der größte Fehler, da nicht hinzugehen“
Das Zuschauer-Voting komplettiert das Bild. Es wirkt wie die lästige Aktivierungsaufgabe im Unternehmensworkshop, die das geistige Abschalten verhindern soll. Gesorgt ist damit hoffentlich auch für die Aufmerksamkeitsspanne der Generation Tiktok. Nur ist die Umfrage ohnehin zum Scheitern verurteilt. Was schützt besser vor islamistischem Terror, härteres Jugendstrafrecht oder mehr Prävention? Zur Auswahl steht neben dem einen und dem anderen auch, beides sei gleich wichtig. Die Sammeloption gewinnt erwartungsgemäß mit 54 Prozent, auch als man die Frage ein zweites Mal stellt. Diskutiert wird das Ergebnis folgerichtig nicht.
Der späte vierte Gast ist Tugay Saraç, ehemaliger Salafist, schwuler Muslim, Präventionsarbeiter. Er war selbst auf dem CSD am vergangenen Samstag. Für zwei kurze Minuten öffnet sich die Sendung denen, die angegriffen wurden. Tacke wechselt hörbar das Register und fragt zugewandt, ob da etwas geschehen sei, wovor er schon lange Angst hatte.
Unmittelbar darauf kippt das Gespräch zurück in die Spur, zum Islamismus an Schulen, wo Saraç von Schülern erzählt, die beim Thema Homosexualität und Islam regelmäßig die Fassung verlören. Am Ende ruft Reul den queeren Menschen zu, trotz aller Sorge am Wochenende zum CSD nach Hamburg zu gehen, „das wäre der größte Fehler, da nicht hinzugehen“. Leicht gesagt für einen, der nicht gemeint war, als der Attentäter in die Menge fuhr.
Denn das ist es, was in Tackes Sendung fast vollständig ausbleibt. Der Angriff galt, anders als sie eingangs behauptet, einer bestimmten Gruppe. Der Täter steuerte seinen Kleinbus auf die Besucher einer queeren Parade, deren Bedrohung aktenkundig ist. Die Zahl der Straftaten in den Bereichen „Sexuelle Orientierung“ und „Geschlechtsbezogene Diversität“ hat sich laut dem Lagebericht von BKA und Innenministerium seit 2010 nahezu verzehnfacht. Von 245 geplanten CSDs wurden 2025 nach dem Sicherheitsreport der Amadeu Antonio Stiftung mindestens 110 gestört oder angegriffen.
Davon fällt in sechzig Minuten kein Wort. Einen tödlichen Anschlag auf eine CSD-Veranstaltung in Deutschland gab es noch nie, das „wieder“ des Einspielers sortiert die Tat in die generische Terror-Reihe ein und löscht ihre neue Qualität. Die getötete Frau erscheint einmal im Einspieler und danach nie wieder, kein Name, kein Innehalten. Als Tekkal früh widerspricht, es sei „kein Anschlag auf alle“, es sei „insbesondere auch ein Anschlag auf queere Menschen, auf die offene Gesellschaft, auf die Minderheiten“, gelten Tackes nächste Worte dem Publikum. „Wenn Sie jetzt Ihr Smartphone nehmen, Ihre Foto-App öffnen, können Sie den QR-Code scannen und abstimmen.“ Der stärkste Einwand des Abends wird von ihr mit einer Bedienungsanleitung quittiert.
Tacke schneidet ihren Stoff nicht zum ersten Mal so zurecht. Im Mai lief ihre Dokumentation „System Bürgergeld: Leben ohne Leistung?“, gegen die beim Fernsehrat Programmbeschwerden eingingen. Der Verein Sanktionsfrei wirft ihr überbetonte Einzelfälle ohne statistische Einordnung vor, weder Sozialverbände noch die Bundesagentur für Arbeit kamen im Film zu Wort. Bei Markus Lanz verbuchte Tacke die Kritik als Mutprobe, sie habe „Hass abbekommen“, aber viel Zuspruch von Menschen, die ihr dankten.
Die Premiere ihres Talks wiederholt diese Verengung. Zum Abschied dankt sie der Runde für den „Erfahrungsaustausch“, und das Wort sitzt verräterisch. Versprochen hatte das ZDF Erkenntnisgewinn anstelle zugespitzter Konfrontation. Gehalten hat es die Hälfte.
