
Die Kamera findet Beatrix von Storch, stellvertretende Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion, nachdem ein Einspieler das interne Strategiepapier ihrer Partei erklärt hat. Drei Schritte sollen über die Brandmauer führen: SPD und Grüne durch Polarisierung nach links treiben, die Gegensätze zwischen Union und SPD unüberbrückbar machen, der Union den Markenkern nehmen. Von Storch hat das Papier mitverfasst, im Juli 2025 veröffentlichte „Politico“ den Text. Caren Miosga stellt trocken fest, Frau von Storch mache bereits Häkchen. Ob alles erreicht sei? „Ich würde sagen, ja.“
Man würde das gern als Selbstüberschätzung abheften. Doch was das Papier verlangt, liefert die Runde binnen 63 Minuten frei Haus: Die SPD stellt das Reformpaket der eigenen Regierung infrage. Ihr Generalsekretär mag eine wahrscheinliche Koalition mit der Berliner Linkspartei nicht ausschließen. Und der Mann der Union weicht dort auf, wo er standhalten müsste. Zwischen Union und SPD verläuft ein Riss, den an diesem Abend niemand zu überbrücken versucht.
„Spitz auf Knopf, ob dieser Mann noch lange Kanzler ist“
Es ist der Abend, an dem die AfD in Mecklenburg-Vorpommern mit 38,2 Prozent vor der SPD von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig liegt, die CDU bei 4,9 Prozent erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik aus einem Landtag fliegt und in Berlin die Linke ins Rote Rathaus einzieht. Friedrich Merz war bereits um 18.05 Uhr vor die Presse getreten, ein Kanzler im Dienst seines Generalsekretärs. Er räumte ein „Desaster“ ein und kündigte im selben Atemzug an, was er nun aufbringen werde: „Rückgrat, Standhaftigkeit und Geduld“, als Parteivorsitzender und vor allem als Bundeskanzler.
Mathias Middelberg, Vize der Unionsfraktion und seit zwei Wochen Schatzmeister der CDU, deutet bei Miosga den Auftritt als Zeichen von Ernsthaftigkeit. Der Journalist und Podcaster Robin Alexander braucht einen Satz für die Gegendiagnose. Merz habe mit seinem Bleiben das Gegenteil von Konsequenzen verkündet, und ein Politiker spreche so nur, wenn die Frage nach seinem Verbleib längst auf der Tagesordnung stehe. „Es steht jetzt wirklich spitz auf Knopf, ob dieser Mann noch lange Kanzler ist.“
Der Pflock, den Merz einrammte, galt den eigenen Leuten. Wer eine offene Meuterei scheut, wird damit in die Loyalität gezwungen, „eine Machtübung, aber eine, die man nicht oft machen kann“. Von da an übernimmt der Podcaster streckenweise die heimliche Moderation, und Miosga lässt ihm klugerweise den Raum.
Middelberg erfährt die härteste Behandlung durch die Gastgeberin, wofür er reichlich Anlass liefert. Ob das Präsidium geschlossen hinter der Erklärung des Kanzlers gestanden habe, will Miosga wissen. Middelberg räumt ein, man könne „das eine oder andere in der Betonung“ anders sehen. Dann rutscht die eigentliche Nachricht heraus. Das Präsidium hörte den Wortlaut erst, als Merz ihn vortrug. Middelberg flüchtet zu Kohl, der in Halle mit Eiern beworfen wurde, und zu Schröder, den ein Steuersong durchs Radio verfolgte. Miosga hält dagegen. Damals kam der Zorn von außen, diesmal dringt er aus der eigenen Partei.
„Sie haben keine Lösungskompetenz“
Wie präzise das AfD-Papier die Sollbruchstelle der Koalition beschreibt, zeigt die Rentenpassage. Schwesig, die in den „Tagesthemen“ noch mehr Demut vom Kanzler verlangt hatte, erhebt die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren zur Frage der Vertragstreue, obwohl deren Streichung im Reformpaket der eigenen Bundesregierung steckt. Middelberg lobt das Paket, 33 Punkte, die Rente mit 63 sei „genau einer“ davon.
Ob bei ihm Gesprächsbedarf bestehe? Das könne man „ja irgendwie geregelt kriegen“. Ob der Kanzler kompromissbereit sei? Er selbst hätte „keine Probleme damit, das so buchstabengetreu umzusetzen“, doch man werde jeden Punkt im Gesetzgebungsverfahren besprechen. Alexander kommentiert live, was gerade geschieht: „Er fällt ja um im Fernsehen.“ Merz und Bärbel Bas hätten das Paket zum Gesamtkunstwerk erklärt. „Wenn wir ein Ding rausziehen, fällt das alles um wie ein Jengaturm.“
Tim Klüssendorf hat die undankbarste Rolle des Abends. In Schwerin hat seine Partei aufgeholt, in Berlin ist sie auf 12,1 Prozent abgestürzt, so tief wie nie zuvor in dieser Stadt. Für beides soll der Generalsekretär der SPD eine Deutung liefern, ohne dem Kanzler des Koalitionspartners in den Rücken zu fallen. Schwesigs Erfolgsrezept, der demonstrative Abstand zur Bundesregierung, steht ihm nicht zur Verfügung, er sitzt ja mittendrin. Also sagt er Sätze wie diesen: Viele Menschen sähen „halt nicht einerseits, welche Erzählung hinter so einem Reformkurs steckt, wohin soll das führen, und andererseits auch in einzelnen Maßnahmen, das geht nicht nur um Kommunikation, sondern auch um Inhalte, was das für Reformen sind“.
Miosga quittiert eine dieser Sprachgirlanden mit einem tonlosen „Mhm“. Es ist die komischste Sekunde der Sendung. Seinen besten Moment hat Klüssendorf im Angriff. Von Storch stelle sich hin, als besitze sie Lösungskompetenz, dabei höre er von ihr stets Atomkraft, Remigration und Frieden mit Russland. „Sie haben keine Lösungskompetenz, Ihre Lösungen sind keine.“ Von Storch kontert trocken, abgewählt würden gerade die Lösungen der anderen.
Middelberg macht eine deutliche Absage an die AfD
Von Storch bestreitet den Abend fast vollständig aus der Schwäche ihrer Gegner. Sie hämmert auf die Verschuldung ein, ein Drittel des Bundeshaushalts auf Pump, „wir sind pleite“. Die Kanzlerfrage erklärt sie für „im Prinzip irrelevant“, einen Austausch vergleicht sie mit der Umbenennung von Raider in Twix. Middelberg hält ihr entgegen, das Kernproblem seien sieben Jahre ohne Wachstum, die Verschuldung kaufe „uns Zeit“. Darin steckt eine unfreiwillige Pointe. Anfang September hatte derselbe Middelberg gewarnt, Deutschland lebe „knallhart über unsere Verhältnisse“, jeder dritte Euro sei auf Pump.
Dann dreht Alexander das AfD-Strategiepapier gegen den SPD-Generalsekretär, und die Sendung erreicht ihre Fallhöhe. Die SPD stehe in Berlin vor einer Koalition mit der „linkesten Linkspartei ever“. Eine Partei, die mit „Yalla, yalla, Intifada“ Wahlkampf gemacht habe und vor deren Regierungsbeteiligung der Präsident des Zentralrats der Juden warne. Auf deren Wahlparty, wirft von Storch ein, sei der Chef des Remmo-Clans gesichtet worden. Warum Klüssendorf nicht anrufe und das stoppe? Der verweist auf den Landesverband, das sei „nicht meine Entscheidung“. Alexander lässt ihn nicht entkommen. „Wir beide wissen, wohin der Hase läuft.“
Middelbergs stärkster Moment ist seine Absage an von Storchs Kooperationsangebot von CDU und AfD. Die CDU wolle Migration ordnen und begrenzen, in der EU, im Schengenraum und im Euro bleiben, und sie himmele keinen US-Präsidenten an, dessen Iran-Krieg die Spritpreise treibe. „Wenn wir uns in Ihre Hände begeben, wäre dieses Land völlig verloren.“
In Bedrängnis gerät von Storch erst spät, als Miosga das Video ihres Parteifreunds Ulrich Siegmund zeigt, des AfD-Spitzenkandidaten der Wahl in Sachsen-Anhalt. Der hatte die Rüstungsproduktion in Sangerhausen mit dem Bedarf „bei späteren Remigrations- und Abschiebeoffensiven“ begründet. Ein Missverständnis, sagt von Storch, er habe das „nicht ganz so gemeint“. Dann schiebt sie einen Satz nach, der diese Lesart selbst dementiert. „Je größer der Widerstand ist, den die Menschen leisten, desto härter werden die Bilder.“ Miosga liest vor, was das Unternehmen produziert. Angriffsdrohnen, Raketenartillerie, Mörsermunition. „Offensichtlich nichts, was man dazu einsetzen müsste“, sagt von Storch.
Am Ende, die Sendung überzieht um drei Minuten, läuft ein Jürgen-Klopp-Einspieler, der den Nationalstolz „nicht den falschen Leuten überlassen“ will. Middelberg findet das „genau richtig“, Klüssendorf stimmt zu „aber hallo“. Es ist ein merkwürdig versöhnliches Addendum, als wäre in den 63 Minuten zuvor wenig geschehen. Die Frau, gegen deren Partei der Bundestrainer den Satz gemünzt hat, wird gar nicht mehr gefragt. Sie hat ihre Häkchen längst gesetzt.
