„Das wird eine Überraschung!“ Karina Schönmaier hält die Spannung aufrecht: In welcher Form sie beim Finale der besten acht Turnerinnen an diesem Samstag über den Tisch zu springen gedenkt, verrät sie nicht. Neben ihr haben sich bei der EM in Zagreb zwei weitere deutsche Turnerinnen für ein Finale qualifiziert: Helen Kevric am Barren und Pauline Schäfer-Betz am Balken.
Im Sprungfinale gilt es zwei in mehrerer Hinsicht verschiedene Sprünge zu zeigen. Es ist die Regel, dass Turnerinnen genau diese zwei Sprünge trainieren. Entsprechend gibt es im Wettkampf – es gibt nur einen Versuch, und das Ganze dauert nur wenige Sekunden – kaum Raum für Variationen. Bei Karina Schönmaier ist aktuell nur der erste Sprung gewiss: Benannt nach der Erfinderin heißt er Jurtschenko, plus zwei Drehungen um die Längsachse, und ist 5,0 Punkte wert.
„Ab und zu breche ich da im Rücken ein“
Im zweiten Sprung hat Karina Schönmaier Auswahl: eine Omelianchik-Variante mit halber Drehung für 4,8 Punkte oder einen Überschlag samt Salto vorwärts mit halber Drehung für 4,6. Dieser Schwierigkeitswert ergibt in Addition mit der Note für die Ausführung das Endergebnis. „Meine beiden Sprünge sind stabil“, sagt Schönmaier: „Ich kann den einen und den anderen auch, also ist es eigentlich relativ egal.“ Die Entscheidung werde in Absprache mit ihrem Chemnitzer Trainer Anatol Aschurkow nach den noch anstehenden Trainingseinheiten fallen. Kriterien nennt Schönmaier zwei an der Zahl: „Was besser funktioniert“ und das „Bauchgefühl“.
Den Überschlag vorwärts hatte sie bei den deutschen Meisterschaften vor wenigen Wochen erstmals im Wettkampf gezeigt. In Zagreb griff sie wieder auf die Omelianchik-Variante zurück. Der Grund dafür sind nicht zuletzt Rückenschmerzen, die ihr der neu gelernte Vorwärtssprung bisweilen bereitet: „Ab und zu breche ich da im Rücken ein“, beschreibt Schönmaier es, „und dann sind die Muskeln verspannt.“ Sie passe dann ihr Training an, sprich greife nicht so oft vorwärts auf den Sprungtisch. „Ist aber nicht schlimm!“, betont sie.

Karina Schönmaier ist Sportsoldatin, im Frühjahr stand die Bundeswehr auf dem Programm, Feldjägeranwärter-Lehrgang. Vier Wochen lang. Auf ihren Social-Media-Kanälen postete sie Schießübungen im Tarnanzug. Die Pause sei gut gewesen, sagt Schönmaier rückblickend über diese Erfahrung, aber zu lang: „Ich mache nie vier Wochen frei.“
Entsprechend zurückgeworfen fand sie sich im Anschluss in der Turnhalle wieder. Anstatt genau an dem Punkt anzuknüpfen, wo sie in ihrem ambitionierten Trainingsprogramm bei Abreise gestanden hatte, galt es zunächst, körperlich wieder auf den Stand zu kommen. Geduld sei nicht ihre Stärke, so Schönmaier: „Das hat mich sehr gestresst.“
Der Körper ist das eine, aber da ist halt auch noch der Kopf: Im vergangenen Jahr bei der EM in Leipzig gewann Karina Schönmaier am Sprung ihren ersten internationalen Titel. „Ein Highlight meines Lebens“, nennt sie diesen Moment, in dem sie erklärtermaßen gerne wieder wäre: „Natürlich habe ich das im Hinterkopf, und das ist schon so ein kleiner Druck.“
Sie habe hohe Erwartungen an sich selbst, sagt Schönmaier in Zagreb. Aber sie weiß darum, dass die Erinnerung an Leipzig und die verlockende Vorstellung einer Wiederholung keine guten Begleiter in der Wettkampfsituation sind: „Ich bin jetzt hier vor Ort, versuche, einfach abzuschalten und es zu genießen.“ Das Beste wolle sie geben, und „der Rest kommt, wie es kommt, und wir werden es einfach sehen.“ So weit die Idee.
Untröstlich nach dem Sprungfinale der WM
Im Hinterkopf von Karina Schönmaier sind auch die Tage von Jakarta im vergangenen Herbst. Dort stand sie erstmals im Sprungfinale einer Weltmeisterschaft. Auch damals wartete sie mit einer Überraschung auf: Sie zeigte die Omelianchik-Variante mit anderthalb Drehungen, benannt nach Erfinderin Cheng, Wert 5,6. Es ist aktuell einer der schwierigsten Sprünge in der Welt des Frauenturnens.
Schönmaiers Sprung sah sehr gut aus, aber sie berührte den Tisch nur mit einer Hand. Was sich für den Laien schwieriger anhört, ist das Ergebnis unsauberer Phasen vor und nach der Berührung des Tisches. Es wird mit einem Abzug von zwei ganzen Punkten bestraft. Schönmaier wurde Fünfte und war untröstlich. „Alle Wettkämpfe können mich nur nach vorne bringen und mir helfen“, sagt sie dazu heute. Den Cheng hat sie seitdem nicht mehr im Wettkampf gezeigt.
Dass Schönmaier trotzdem die Qual der Wahl hat, ist allem voran ein eindrücklicher Beleg für ihr Potential an diesem Gerät. In der Qualifikation lag nur Angelina Melnikowa vor ihr, die Siegerin am Sprung von Jakarta. Auch sie zeigt aktuell den doppelten Jurtschenko und Cheng. Mit diesen Sprüngen wird die Russin, die am Donnerstag bereits den Titel im Mehrkampf gewann, auch ins Finale am Samstag gehen. Und von Karina Schönmaier kommt die Überraschung.
