Die Einreise dauert Stunden und wirkt, als hätte jemand irgendwann das Prozedere entworfen und danach nie wieder angerührt. Stacheldraht, Wachtürme, ernst dreinblickendes Militär. Wir fragen uns, ob das alles in diesem Umfang nötig ist, und hören dann auf mit den Fragen, weil die Grenze nicht antwortet. Englisch spricht niemand. Man gibt seinen Reisepass ab, im besten Glauben, und sieht zu, wie er hinter Schaltern verschwindet. Nach einer Weile kommt er zurück, nicht mit einer Erklärung, sondern mit einem Zettel. Ein Finger zeigt zur Seite, zum nächsten Schalter. Wieder ein Stempel, wieder ein Zettel, wieder ein Finger. Die Prozedur wiederholt sich, bis Zeit nicht mehr in Minuten gemessen wird, sondern in Bewegungen: hin, warten, zurück, weiter. Ein Teil der Einreise ist ein PCR-Test. Corona gibt es hier offenbar noch oder zumindest die Gebühr dafür. 30 Dollar, ein Wattestäbchen, kein Ergebnis. Wir wissen nicht, was hier getestet wird, vielleicht auch nur unsere Bereitschaft, das Spiel mitzuspielen. Nach etwa fünf Stunden ist ein neuer Stempel im Pass, und die Grenze tut so, als sei nie etwas gewesen. Turkmenistan beginnt nicht mit einem Schild, sondern mit einem Wechsel der Bedingungen.
Wir steigen in einen Jeep mit Fahrer. In Turkmenistan ist ein autorisierter Guide ebenso Pflicht wie die genaue Angabe von Route, Stationen und Übernachtungen. Freiheit ist spürbar administriert in dem Land, über das wenig nach außen dringt. Nicht, weil nichts passiert, sondern weil vieles nicht dafür gedacht ist, gesehen zu werden. In den kommenden Tagen werden wir durch ein Land reisen, das sich nicht leicht lesen lässt. Einiges wirkt vertraut, vieles widersprüchlich, und manches will erst auf den zweiten Blick Sinn ergeben.
Das nomadische Erbe lebt fort
Von der Grenze aus führt die Straße nach Süden durch die Karakum-Wüste. Der Jeep tastet sich durch eine Landschaft, in der Straßen eher Orientierungshilfen als verlässliche Infrastruktur sind. Schlaglöcher bestimmen das Tempo, der Handy-Empfang verschwindet kurz hinter der Grenze. Die Landschaft ist flach, weit und ausdauernd, eine Wüste ohne erkennbare Dramaturgie. Die Karakum bedeckt mit ihrem schwarzen Sand den größten Teil Turkmenistans. Sie wirkt leer, ist es aber nicht. Dörfer liegen weit auseinander, meist entlang der wenigen Routen, die sich durch die Ödnis ziehen. Die Bilder wiederholen sich: verstreute Häuser, Straßen, die unter einer dünnen Schicht Sand verschwinden, kaum Bewegung. Die Dörfer scheinen die Wüste zu imitieren. Menschen beobachten uns aus der Distanz. Besucher gehören hier nicht zum Alltag.
Turkmenistan ist bis heute geprägt von seinem nomadischen Erbe. Über Jahrhunderte lebten die Turkmenen in Stammesverbänden, deren Strukturen vielerorts weiterhin den sozialen Rahmen bilden. Viele der lokalen Kulturen unterscheiden sich zum Teil deutlich voneinander. Die Teke, einer der größten Stämme des Landes, prägen weite Teile der Karakum. In einem Teke-Dorf halten wir an. Gerade endet der Unterricht. Kinder verlassen die Schule in alle Richtungen. Viele haben strenge Schuluniformen an, dunkle Anzüge, Krawatten, kombiniert mit der Taqya, einer farbenreich bestickten Baumwollkappe, die traditionell in Zentralasien getragen wird. Als sie die Fremden bemerken, senken sich die Blicke. Abstände vergrößern sich. Auch Erwachsene passieren uns mit deutlicher Distanz. Nur zwei Teenager auf einem Motorrad nutzen die Situation für einen kurzen Moment der Provokation, fahren dicht an uns vorbei, wenden abrupt und halten dann wieder Abstand wie alle anderen. Es bleibt bei diesem kurzen Moment von Reibung.

Zwei Tage später verändert sich die Landschaft. Hinter der flachen Weite der Karakum erhebt sich das Kopet-Dag-Gebirge an der Grenze zu Iran. Die Straße windet sich in Serpentinen nach oben, bis sie in ein grünes Tal mündet. Hier liegt das Dorf Nohur, eine kleine Oase im Gebirge. Die Bewohner, die Nohuri, gelten als eigenständige Gemeinschaft mit eigenen Traditionen, deutlich unterscheidbar von den Stämmen der Wüste. Viele Bewohner führen ihre Abstammung auf Alexander den Großen zurück, der hier einst durchgezogen sein soll. Auch das Straßenbild verändert sich. Die Taqya sieht man jetzt seltener. Frauen tragen farbenreiche, bestickte Kopftücher, überhaupt wirkt die Kleidung offener, vielfältiger. Und viele Kinder und Jugendliche kleiden sich nicht anders als ihre Altersgenossen im Rest der Welt.
Der Islam prägt auch hier den Alltag. Zugleich sind ältere, spirituelle Einflüsse weiterhin präsent. Besonders deutlich wird das auf dem Friedhof des Dorfes. Einige Grabsteine sind rot eingefärbt, ein Hinweis darauf, dass der Verstorbene zu Lebzeiten die Pilgerreise nach Mekka unternommen hat. Viele der Steine sind zudem mit Widderhörnern geschmückt, ein Brauch, der böse Geister fernhalten und den Seelen der Verstorbenen den Weg ins Jenseits erleichtern soll. Widersprüche werden hier nicht diskutiert. Sie stehen nebeneinander.
Ein zögerndes Lächeln und viel Schweigen
Wir übernachten bei einer Familie. Während mit Wasser äußerst sparsam umgegangen wird, brennen in mehreren Ecken des Hauses Gasöfen. Süßwasser ist in Turkmenistan knapp, Erdgas dagegen allgegenwärtig. Draußen Trockenheit, drinnen Wärme. Wir sprechen keine gemeinsame Sprache. Kommunikation geschieht über Blicke, Gesten und Pausen. Die Kinder vermeiden konsequent direkten Blickkontakt. Ein „Hello“ verhallt. Später erfahren wir, dass Zurückhaltung gegenüber Fremden als Zeichen von Respekt gilt. Solange ältere Familienmitglieder anwesend sind, wird diese Regel strikt eingehalten. Erst als die Erwachsenen den Raum verlassen haben, hebt eines der Kinder kurz den Blick. Ein zögerndes Lächeln. Es dauert nur Sekunden.
In diesen Dörfern wirkt die globalisierte Welt unendlich weit entfernt. Herkunft ist hier kein Detail, sondern Ausgangspunkt, Traditionen, Stammesstrukturen und familiäre Verbindungen ordnen den Alltag. Der Staat bleibt im Hintergrund. Diese Ordnung wirkt fest, gewachsen über Generationen. Und doch lässt sich in kleinen Momenten, gerade bei den Jüngeren, eine vorsichtige Bewegung erkennen.

Es geht zurück in die Weite der Karakum. Die Wüste bleibt dieselbe, doch ihre Spuren verändern sich. Zunächst erscheinen Kanäle, dann Felder, große, zusammenhängende Agrarflächen, die sich scharf von der Umgebung absetzen. Keine natürlichen Oasen, keine punktuellen Bewässerungen, sondern weitläufige Flächen, die einer klaren Geometrie folgen: Linien, Schneisen, Raster. Der Karakum-Kanal zieht sich über mehr als 1300 Kilometer durch das Land. Er wurde in der Sowjetzeit als Teil eines gigantischen Projekts angelegt, das die Wüste nutzbar machen sollte. Wasser aus dem Amudarja-Fluss wird über weite Strecken umgeleitet, um Landwirtschaft dort zu ermöglichen, wo zuvor nur Sand war. Vor allem Baumwolle wächst hier, in großflächigen Monokulturen, die ohne permanente Bewässerung nicht existieren könnten.
Die Idee dahinter ist technisch und kompromisslos. Natur erscheint nicht als Geschenk, sondern als Problem, das sich wegplanen lässt. Die Folgen zeigen sich oft erst Jahre später. Ein großer Teil des Wassers versickert in den unbefestigten Kanälen oder verdunstet unter der Sonne. Zurück bleiben Salze, die sich im Boden anreichern und die Felder zunehmend unfruchtbar machen. Um die Erträge zu halten, wird noch mehr Wasser benötigt. Der Aralsee weiter nördlich in Kasachstan und Usbekistan ist eines der sichtbarsten Ergebnisse dieser Umverteilung. Die Flüsse, die ihn einst speisten, werden bis heute für Bewässerungsprojekte abgeleitet. Was hier wächst, fehlt dort.
Ein Höllenloch inmitten der Wüste
Doch die Eingriffe beschränken sich nicht auf Wasser. Die Karakum-Wüste ist reich an Ressourcen, vor allem an Erdgas. Turkmenistan verfügt über eines der größten Gasvorkommen der Welt. Leitungen, Anlagen und Bohrstellen verteilen sich über weite Teile der Landschaft. Viele stammen noch aus der Sowjetzeit, andere wurden später ergänzt. Die Infrastruktur wirkt stellenweise gealtert, aber nicht verlassen. Sie steht, sie wird genutzt und ist Teil der Landschaft geworden. Und plötzlich erscheint in der Dämmerung am Horizont ein rötliches Leuchten, zunächst diffus, dann klarer, schließlich unverkennbar: Wir sind in Darvaza angelangt, einem Krater, fast kreisrund, etwa 70 Meter im Durchmesser und 30 Meter tief, eingeschnitten in den Wüstenboden.
Aus seinem Inneren schlagen Flammen. Die Hitze ist schon am Rand spürbar. Es ist eine ehemalige Gasförderstelle. 1971 brach nach einer Fehlbohrung der Boden ein, Gas trat aus und entzündete sich. Um eine unkontrollierte Ausbreitung zu verhindern, ließen Ingenieure das Gas abbrennen. Man rechnete damit, dass das Feuer nach wenigen Tagen erlöschen würde. Mehr als fünf Jahrzehnte später brennt es noch immer. Der Krater ist nicht der einzige seiner Art, aber der bekannteste. Seit Jahrzehnten frisst sich die Flamme durch das austretende Gas – ein permanentes Feuer mitten in der Wüste wie ein Menetekel: Noch stammen drei Viertel der Exporterlöse Turkmenistans aus dem Energiesektor und bilden die wichtigste Einnahmequelle des Staates.

Am Ende der Reise durch die Wüste steht Aşgabat, Turkmenistans Hauptstadt, und wieder folgt ein Prozedere. Es beginnt an einer Tankstelle am Stadtrand. Neben Zapfsäulen und einem Café gibt es eine Autowaschanlage. Sie ist kein Service, ihre Benutzung ist obligatorisch. Fahrzeuge, die in die Hauptstadt fahren, müssen sauber sein. Weiß ist Pflicht. Silber oder Gold gelten noch als akzeptabel. Je näher wir der Stadt kommen, desto einheitlicher wird das Bild. Auch Aşgabat ist überwiegend weiß. Marmorfassaden, breite Boulevards, monumentale Gebäude, blaue Fenster, grüne Dächer, dazwischen weiße Autos, gleichmäßig verteilt auf überdimensionierten Straßen. Die Stadt wirkt geplant bis ins Detail. Bewegung findet statt, aber sie bleibt kontrolliert.
Turkmenistan ist seit 1991 unabhängig. Mit dem Zerfall der Sowjetunion entstand ein neuer Staat, der sich früh für einen eigenen Weg entschied. Seitdem wird das Land ohne Unterbrechung autoritär regiert. Eine politische Opposition existiert nicht, Presse- und Meinungsfreiheit ebenso wenig. Alle Macht konzentriert sich auf die Spitze. Gleichzeitig definiert sich der Staat über einen anderen Grundsatz: Neutralität. 1995 erkannte die UN Turkmenistan offiziell als „permanent neutralen Staat“ an. Seit der Unabhängigkeit hat sich das Land konsequent aus internationalen Konflikten herausgehalten, ein Stabilitätsversprechen, auf das die Regierung großen Wert legt.
Der erste Präsident Saparmurat Nijasow etablierte früh einen ausgeprägten Führerkult. Er ließ sich Türkmenbaşy – Vater aller Turkmenen – nennen und schrieb sich selbst in den Alltag des Landes ein. Sein Buch, die „Ruhnama“, wurde zur Pflichtlektüre in Schulen, Universitäten und Behörden. 2002 ließ er sogar die Monate des Jahres umbenennen, Januar nach sich selbst, April nach seiner Mutter, September nach seinem Buch. In Aşgabat drehte sich eine goldene, zwölf Meter hohe Statue des Präsidenten auf einem Sockel stets zur Sonne. Sein Nachfolger Gurbanguly Berdimuhamedow führte diesen Stil fort, wenn auch moderner inszeniert. Porträts zeigen ihn mal auf einem Pferd, mal mit einem Hirtenhund im Arm, mal bei der Getreideernte. Der Personenkult wirkt weniger improvisiert, stärker choreographiert. Er zeigt sich in Symbolen und Rekorden. Aşgabat hält mehrere Einträge im Guinness-Buch, darunter jenen für die größte Ansammlung weißer Marmorgebäude und das größte überdachte Riesenrad der Welt. Rekorde sind Teil staatlicher Repräsentation. Es wird gebaut, um sichtbar zu sein.
Wir übernachten in einem großen Hotel, Luxusstandard, mehrere Restaurants, Konferenzräume, endlose Flure. Einfache Unterkünfte gibt es kaum. Besucher bewegen sich außerhalb der Hotels nur mit einem staatlich registrierten Guide. Internet ist vorhanden, aber stark eingeschränkt. Soziale Medien sind blockiert, viele Websites ebenfalls. Das Hotel ist nahezu leer. Wir laufen lange Korridore entlang, vorbei an Türen, hinter denen kaum jemand zu sein scheint. Die Dimensionen wirken auf eine Nachfrage ausgelegt, die nie gekommen ist. Vieles in Aşgabat vermittelt diesen Eindruck: Präsenz ohne Alltag. Einkaufszentren reihen sich aneinander, modern, klimatisiert, monumental. Von außen wirken sie belebt, innen sind sie oft leer. Regale stehen bereit, doch die Auswahl ist begrenzt. Konsum ist möglich, aber er wirkt nebensächlich.

Der Führerkult ist allgegenwärtig, aber selten laut. Er verlangt keine Begeisterung, sondern Anpassung. Porträts, Monumente und Rekorde strukturieren den öffentlichen Raum. Ordnung wird hier nicht nur verwaltet, sondern sichtbar gemacht. Aşgabat wirkt wie eine Bühne, und jeder Stein scheint Teil der Inszenierung.
In einem Park abseits der Hauptachsen spielen Kinder Fußball, Jungen und Mädchen gemeinsam, ohne erkennbare Trennung. Sie rufen sich etwas zu, lachen, ignorieren die Umgebung. Als wir stehen bleiben, schauen einige herüber, neugierig, offen, ohne Scheu. Es ist ein unspektakulärer Moment und gerade deshalb irritierend. Die Kinder in den Dörfern der Karakum hatten den Blick gesenkt, Abstand gehalten, jede Begegnung mit Fremden vermieden. Hier wirkt diese Zurückhaltung weit entfernt. Auch die sowjetische Vergangenheit, die so vieles im Land bis heute prägt, scheint für diese Generation kaum noch greifbar. Und selbst die strenge Ordnung der Hauptstadt mit all ihrer Kontrolle und Choreographie scheint in diesem Moment keine Rolle zu spielen. Die Szene wirkt beiläufig und deutet doch auf eine andere Wirklichkeit hin.
Diese Offenheit zeigt sich auch an anderer Stelle. Auf Schildern in Cafés und Restaurants finden sich Hinweise auf Instagram-Kanäle. Gleichzeitig sind soziale Medien offiziell gesperrt. Ohne VPN funktionieren viele Websites nicht. Und doch nutzt fast jeder genau diese Umwege, nicht demonstrativ, sondern pragmatisch. Auch der Umgang mit Geld folgt dieser Logik. Zum offiziellen Kurs tauscht niemand Devisen, das Vierfache ist üblich. Getauscht wird diskret, über Kontakte, über Vertrauen. Niemand spricht offen darüber, und doch kennt jeder die Regeln. Wie so vieles andere wirkt es wie eine stille Übereinkunft: Das Offizielle bleibt bestehen, das Inoffizielle funktioniert parallel, zwei Ebenen, die sich selten berühren.
Vor allem jüngere Menschen bewegen sich selbstverständlich zwischen diesen Ebenen. Sie kennen die Grenzen und respektieren sie nach außen – und umgehen sie dort, wo es nötig erscheint. Sie wissen, wie die Welt außerhalb aussieht, auch wenn sie nicht frei zugänglich ist. Referenzen, Sprache und Bilder aus der globalen Kultur sind präsent. Doch diese Parallelwelt ist keine Opposition. Sie ist auch kein Versprechen. Sie ist eine Praxis des Dazwischen. Anpassung nach außen, Öffnung nach innen. Kein Bruch, kein Aufbegehren, eher ein stilles Navigieren zwischen den Regeln. So lebt man in Turkmenistan.
