
Um kurz vor fünf Uhr am Sonntagmorgen wurden Anwohner im nahe Köln gelegenen Erftstadt-Köttingen von lauten Schüssen aus dem Schlaf gerissen. Die herbeigeeilte Polizei stellte zahlreiche Einschusslöcher in der Fassade eines Hauses fest, das dem Gründer einer bundesweit tätigen Schnellrestaurant-Kette gehört. Nachbarn berichten, auch das Auto des erfolgreichen Geschäftsmanns sei getroffen worden.
Noch halten sich die Ermittler mit Informationen zu möglichen Hintergründen der Tat zurück. Doch es ist wahrscheinlich, dass die Attacke mit einem schon seit einigen Wochen laufenden Erpressungsversuch gegen das Unternehmen zusammenhängt. Unter anderem in Mannheim, Rüsselsheim und Osnabrück gab es zuletzt Angriffe auf Filialen.
Es ist der Modus Operandi türkischer „Generation-Z-Banden“. Der Name verweist auf das jugendliche Alter ihrer Mitglieder, die überwiegend zwischen 1995 und 2010 geboren wurden. Seit die Türkei rigoroser gegen die Banden vorgeht, sind sie zunehmend in anderen Ländern aktiv. Deutschland ist bei den Gruppierungen vor allem wegen der großen türkischstämmigen Gemeinde beliebt, in der es auch viele Familien gibt, die es durch harte Arbeit über zwei oder drei Generationen hinweg zu einigem Wohlstand gebracht haben.
Schutzgelderpressungen in Berlin
Zunächst kam es in Berlin vermehrt zu Schutzgelderpressungen, bei denen Täter Schüsse auf Cafés, Fahrschulen, Restaurants oder Autowerkstätten abgaben, um den Forderungen der Banden Nachdruck zu verleihen. Weigert sich ein Unternehmer, gibt es Morddrohungen gegen ihn oder Familienangehörige, manchmal auch Mordanschläge. „Schussabgaben“ heißt die statistische Größe, mit der sich die Entwicklung des neuen Kriminalitätsphänomens anschaulich nachzeichnen lässt: Gab es 2015 noch 80 „Schussabgaben“ in Berlin, waren es im vergangenen Jahr 515.
Viele der Erpressten trauen sich nicht, zur Polizei zu gehen – und bezahlen Zehntausende oder gar Hunderttausende Euro. Von Adem Ispirli, der in Berlin eine Kfz-Werkstatt betreibt, verlangten die Erpresser 250.000 Euro. „In unserer Kultur, bei türkischstämmigen und arabischstämmigen Leuten, gibt es ein Problem: Wenn es Ärger gibt, versucht man das über jemanden anderen zu lösen, einen ‚Abi‘, einen großen Bruder, der sich im Milieu auskennt“, berichtete Ispirli im März im F.A.Z.-Interview. Auch er habe das am Anfang so gemacht, aber das sei verrückt und irrsinnig. „Jetzt reden wir nur noch mit der Polizei. Das würde ich jedem Betroffenen raten.“ Denn wenn man anfange, über Dritte zu verhandeln, beginne das Spiel erst richtig.
Kam es nach Berlin zunächst auch in Süddeutschland zu Taten, die „Gen-Z-Banden“ zugerechnet werden, sind die Gruppierungen nun in Nordrhein-Westfalen ebenfalls aktiv. Seit im Februar im Landeskriminalamt (LKA) die gesonderte statistische Erfassung begann, registrierten die Ermittler im bevölkerungsreichsten Bundesland bereits rund 20 mutmaßliche „Gen Z“-Straftaten.
„Gen-Z-Banden“ breiten sich weiter aus
„Es kam teils zum Einsatz von Schusswaffen gegen Gebäude und Fahrzeuge sowie zu einem versuchten Tötungsdelikt, welches jedoch nicht im Zusammenhang mit einer Erpressung stand“, sagt eine LKA-Sprecherin der F.A.Z. In sechs Fällen wurden Schüsse abgegeben, in zwei Fällen drohten die Täter ihren Opfern, indem sie Munition in Kuverts hinterließen. Noch nicht Teil dieses Zwischenstands sind die Tat in Erftstadt-Köttingen und ein weiterer aktueller Verdachtsfall: die Schussattacke auf ein türkisches Café in der Kölner Südstadt am Montagmorgen.
Sorgen bereiten den Ermittlern die dynamische Entwicklung der „türkischen Gen-Z-Mafia“ und die hohe Gewaltbereitschaft ihrer Mitglieder. „Die Täter sind mobil, wechseln stetig ihre Aufenthaltsorte und legen weite Entfernungen in kurzer Zeit zurück, um bundesweit Straftaten zu begehen“, heißt es vom LKA Nordrhein-Westfalen.
Es handle sich um Gruppierungen mit flachen Hierarchien und teils wechselnden Gruppenmitgliedern. Sie verübten Straftaten im Kollektiv, wobei die Beteiligten feste Rollen einnähmen. „Die bisher identifizierten Tatverdächtigen sind überwiegend türkische Staatsangehörige.“ Für einzelne Tatbeiträge seien jedoch auch schon Personen anderer Nationalität eingesetzt worden.
„Wegwerf-Schützen“ und „Violence as a Service“
Die Ermittler spielen darauf an, dass Banden über Social-Media-Kanäle meist Jugendliche als Schützen rekrutieren, die ein paar Hundert Euro bekommen, wenn sie auf einen Laden oder ein Auto feuern. Die „Wegwerf-Schützen“ lassen sich rasch ersetzen, falls sie festgenommen werden. „Violence as a Service“ nennen Ermittler diese kriminelle Form des Outsourcings.
Wie in den Niederlanden ist „Violence as a Service“ auch in Schweden seit einigen Jahren ein großes Problem. Vor allem in und um die Großstädte Göteborg, Malmö und Stockholm kommt es regelmäßig zu Schießereien und Sprengstoffattacken. Die Täter sind oft noch Kinder, stammen zumeist aus Einwandererfamilien.
Kriminelle Gangs sprechen sie über soziale Medien oder über die Chatfunktion von Computerspielen an, locken mit Anerkennung, Respekt, vermeintlicher Zugehörigkeit und irgendwann mit dem Versprechen auf schnelles Geld. Dass es das Phänomen mittlerweile auch in Deutschland gibt, wurde im Sommer 2024 deutlich, als Kriminelle im Rahmen des „Kölner Drogenkriegs“ Jugendliche aus den Niederlanden für Brandattacken auf Wohn- und Geschäftsgebäude anheuerten.
Manchmal arbeiten die Banden zusammen, manchmal bekämpfen sie sich
Auch die „Gen-Z-Banden“ setzen „Violence as a Service“ konsequent ein. Entstanden sind die Gruppierungen zu Beginn des Jahrzehnts in Istanbul als Abspaltungen der türkischen Mafia. Die erste Gruppe gab sich nach Figuren aus den Lucky-Luke-Comics den Namen „Daltons“. Später entstanden die „Ezgins“, „Caspers“ und die „Sirinler“ (Schlümpfe). Manchmal arbeiten die Banden zusammen, manchmal bekämpfen sie sich. Manchmal behaupten Erpresser, sie seien Mitglieder der „Daltons“, um ihren Opfern noch mehr Angst einzujagen.
In Nordrhein-Westfalen sind nach Erkenntnissen des LKA bisher überwiegend „Dalton“-Mitglieder aktiv – und zwar insbesondere in den „bevölkerungsdichten Städten der Rhein-Ruhr-Schiene“. Ob sich die Banden weiter im Land ausbreiten, sei wegen des recht kurzen Beobachtungszeitraums noch nicht einzuschätzen, sagt die LKA-Sprecherin. „Auf Landes- und Bundesebene findet ein phänomenbezogener und enger Informationsaustausch der Sicherheitsbehörden statt.“ Bei der Berliner Polizei gibt es seit Herbst vergangenen Jahres die Sondereinheit „Ferrum“ (lateinisch für Eisen), die bisher schon mehr als 500 Ermittlungsverfahren in die Wege leitete. Im Februar zog die dortige Staatsanwaltschaft mit einer Einheit nach, der sie sinnigerweise den Namen „Telum“ (lateinisch für Waffe) gab.
Denn wo viel geschossen wird, müssen viele Waffen verfügbar sein. Tatsächlich wird Berlin seit einigen Jahren von Waffenkopien überschwemmt. Auch hier führt die Spur in die Türkei. Nach Erkenntnissen der Ermittler stammen viele der Waffen aus Produktionsstätten, die dort illegal betrieben werden.
