
Fußballspiele, vor allem die der deutschen Nationalmannschaft, scheinen dem Reisegeschäft keineswegs abträglich. Dass das Team von Trainer Julian Nagelsmann mit 7:1 gegen den Karibikstaat Curaçao siegte, habe sich im Onlineportal des Reisekonzerns TUI bemerkbar gemacht, sagt Benjamin Jacobi, der das Geschäft des Konzerns mit Kunden aus Deutschland verantwortet. „So viele Suchanfragen für Curaçao hatten wir noch nie wie rund um das WM-Spiel“, sagt Jacobi. Zu diesem Sommer hatte der Konzern sein erstes Hotel der Eigenmarke TUI Blue in dem Land eröffnet.
Das Interesse an Urlaubsthemen scheint nicht verflogen, obwohl der Irankrieg erst zu Rückholaktionen für Urlauber aus den Emiraten und dann zu Debatten über mögliche Kerosinengpässe an Flughäfen und steigende Kraftstoffpreise an Tankstellen geführt hat. Doch Interesse ist nicht gleich Buchung und Geschäft. Das erhofft die Urlaubsbranche noch – unmittelbar vor dem Beginn der Hauptreisezeit, die zum Wochenende mit den Schulferien in den ersten Bundesländern anbricht. TUI-Deutschland-Chef Jacobi räumt ein: „Aufgrund der Verunsicherung in den vergangenen Monaten sind noch gute Preise in den Buchungssystemen.“ Für Pauschalreisen seien sogar noch Flugkontingente übrig, die TUI vor Kriegsausbruch – und somit ohne Kerosinaufschlag – eingekauft habe.
Nicht nur der Marktführer, sondern die gesamte Reisebranche hat eine Berg-und-Talfahrt bei den Buchungseingängen hinter sich. In der Frühbucherphase fiel eine im Langzeitvergleich besonders hohe Nachfrage für diesen Sommer auf. Im Durchschnitt buchten sehr frühzeitig entschlossene Kunden erstmals 213 Tage vor dem Hinflug, sagt Jacobi. Das ist mehr als ein halbes Jahr im Voraus. Umso drastischer war danach der Einbruch, als Ende Februar die ersten Bilder von – durch Drohnentrümmer verursachten – Bränden in Dubai die Runde machten. Seitdem ist Monat für Monat branchenweit das Geschäft mit Neubuchungen hinter den Vergleichswerten aus dem Vorjahr zurückgeblieben. Erst im Laufe des Junis soll sich das Bild wieder gewandelt haben. Jacobi hofft, dass nun noch die Kurzentschlossenen kommen.
„Der Sommer startet jetzt richtig, Verunsicherung ist vorbei“
Eine große Rolle im Last-Minute-Geschäft spielen Ziele, bei denen sich Kunden in den vergangenen Monaten zurückhielten – wie die Türkei. Bei TUI hat das türkische Antalya gerade Mallorca als meistgebuchten Zielflughafen für diesen Sommer abgelöst. Ob es bis zum Ende der Saison dabei bleibt, sei aber noch nicht ausgemacht. „Auf Mallorca waren in Erwartung einer Supernachfrage die Preise gestiegen, nun kommen sie wieder runter“, sagt Jacobi. Reisen in den westlichen Mittelmeerraum hatten sich zwischenzeitlich verteuert, da Hoteliers dort mit einem Ausweichen der Urlauber vor dem Nahostkonflikt gerechnet hatten. Nun seien teils Nachlässe von mehr als 30 Prozent zu den zwischenzeitlichen Höchstwerten möglich, sagt Jacobi.
„Der Sommer startet jetzt so richtig, die Verunsicherung ist vorbei“, sagt der TUI-Manager. Allerdings geht in der Branche kaum jemand davon aus, dass Fernsehbilder zum Krieg oder die Angst, wegen eines Kerosinmangels, der bislang ausgeblieben ist, irgendwo festzusitzen, Menschen vom Urlaub abhalten. Bei der Entscheidung, ob gebucht wird oder nicht, geht es vor allem ums Geld. Der Branchendienst „Counter vor 9“ berichtete, dass in seiner nicht repräsentativen Abfrage von 500 Reisebüros 69 Prozent angegeben hätten, dass sich das Sommergeschäft schlechter als erwartet entwickelt. Als wesentliche Ursache dafür gelten Preise und verfügbare Mittel.
Vor allem Familien mit Kindern, eigentlich die Hauptklientel für die Sommerferienzeit, fehlten als Kunden. Nur 14 Prozent der befragten Reisebüros gehen noch davon aus, die Nachfragedelle durch ein starkes Last-Minute-Geschäft ausgleichen zu können. Im vergangenen Jahr hatte eine Welle kurzfristiger Buchungen der Branche nach einer zwischenzeitlichen Nachfrageschwäche geholfen.
Zuversichtlicher zeigt sich die Lufthansa-Tochtergesellschaft Eurowings. Die verkauft nicht nur Flugtickets, sondern ist unter dem Namen Eurowings Holidays auch ein Anbieter kompletter Pauschalreisen. Der Anteil der „Super Last Minute“-Buchungen wachse, zuletzt sei bei Eurowings die Mehrzahl der Reisen weniger als 42 Tage vor Abflug gebucht worden, etwa jede sechste Buchung erfolge weniger als eine Woche vor dem Hinflug, teilte die Gesellschaft am Mittwoch mit. Eurowings nennt ein Buchungsplus von 70 Prozent, was sich allerdings damit erklären lassen dürfte, dass der Reiseanbieter der Fluggesellschaft im Vorjahr erst im April das Geschäft aufgenommen hatte.
Jedem Vierten fehlt das Urlaubsbudget
Auch Tourismuswissenschaftler Ulf Sonntag von der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) hält wenig von der These, dass die Folgen des Irankriegs unmittelbar die Reiselust abwürgen. Nach FUR-Daten führten 2025 zwei Drittel aller Urlaubsreisen zu Inlandszielen oder an Mittelmeerstrände. Nur neun Prozent seien Fernreisen gewesen, bei denen es nach Kriegsbeginn wegen wegfallender Flüge zu Einschränkungen gekommen sein könne, sagte Sonntag auf einer Veranstaltung des Verbands Internet Reisevertrieb (VIR) in Berlin.
Die Kosten für Urlaube sieht auch Sonntag als kritisches Thema an. 2025 habe die Zahl der Menschen aus Deutschland, die überhaupt in den Urlaub gefahren seien, zwar mit mehr als 57 Millionen einen Rekordwert erreicht. Die Gesamtzahl der Reisen über mindestens fünf Tage blieb hingegen unter den Vor-Corona-Werten, da weniger Menschen einen zweiten größeren Urlaub im Jahr gemacht hätten. Kürzere Aufenthalte und die Wahl günstigerer Ziele sind zudem Sparstrategien.
Laut einer repräsentativen Umfrage der Forschungsgemeinschaft sagten zuletzt 25 Prozent der Deutschen, sie hätten eher oder tatsächlich nicht das nötige Geld für einen Urlaub. Nur zwei von drei Bürgern sind sich sicher, dass sie noch 2026 eine Reise machen werden. Die Hoffnungen der Branche richten sich auf die 21 Prozent, die laut FUR angeben, sie seien noch unentschlossen, ob sie aufbrechen. Einige davon dürften Anbieter mit Nachlässen noch überzeugen, ist Tourismuswissenschaftler Sonntag überzeugt. TUI wirbt damit, dass für eine Familie mit zwei Kindern in den beginnenden Ferien doch noch eine Woche im All-inclusive-Hotel samt Flug für 2500 Euro möglich sei. Sonntag befürchtet allerdings, dass Rabatte nicht in jedem Fall helfen. „Wenn Bürger schon im vergangenen Jahr nicht nur ihr Urlaubsbudget, sondern auch ihr Jahresbudget für Konsum optimiert haben, was passiert dann, wenn nun nichts mehr zu optimieren ist?“, fragt er.
