
Es ist ein Euphemismus, wenn der Staatssekretär im amerikanischen Verteidigungsministerium sagt, die US-Truppenstärke in Europa werde nun einer „echten Überprüfung“ unterzogen. Eine echte Überprüfung würde mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Ergebnis kommen, dass die Vereinigten Staaten angesichts des Krieges in Europa kein Interesse daran haben können, ihre dort stationierten Truppen zu reduzieren. Das schafft nur Unsicherheit und kommt Russland zugute.
Aber das Ziel dieser Überprüfung ist kein militärisches, sondern ein politisches. Staatssekretär Elbridge Colby nennt es selbst: Europa soll die Hauptverantwortung für seine konventionelle Verteidigung übernehmen. Das ist die Erfüllung eines Wahlkampfversprechens der Trumpisten, und es folgt den Vorstellungen von Leuten wie Colby, die den Schwerpunkt der US-Verteidigungspolitik von Europa nach Asien verlegen wollen, Stichwort China.
Den USA fehlen die Kräfte
Dass die USA nicht mehr die weltumspannenden Kräfte haben, um im multipolaren Zeitalter auf allen Kontinenten die Ordnungsfunktion zu erfüllen, ist offenkundig. Aber man kann sich über die strategische Blindheit, mit der die Trump-Regierung diese Neuorientierung durchzieht, nur wundern. Colby selbst hat sich kürzlich allen Ernstes darüber beschwert, dass Amerikas Partner nun Waffen, soweit es geht, bei sich selbst kaufen wollen.
Welchen anderen Schluss soll man denn hier aus dem Verhalten eines „Verbündeten“ ziehen, der Lieferungen an die Ukraine einstellt, Grönland annektieren will und Putin umschmeichelt? Die NATO ist noch nicht am Ende, aber derzeit hat sie eher eine europäische als eine atlantische Zukunft.
