
Die feine Klinge ist für Jimmy Kimmel nicht unbedingt das Instrument der Wahl, wenn er Donald Trump bearbeitet. Der Late-Night-Talker greift eher zum Vorschlaghammer, was zum Gehabe des US-Präsidenten durchaus passt.
Und wie auch immer Kimmel es anstellt, das Ceterum censeo aus dem Weißen Haus ist ihm sicher: Werft ihn endlich raus, lautet die Parole, der die Chefs des Senders ABC, wo Kimmels Show läuft, und des Mutterkonzerns Disney gefälligst folgen sollen.
Nun kam die Forderung gleich im Familienverbund. Zuerst behauptete die First Lady Melania, Kimmel befleißige sich einer hasserfüllten und gewalttätigen Rhetorik, seine Worte seien „zerstörerisch“, weshalb es ihm nicht erlaubt sein solle, „jeden Abend in unsere Wohnzimmer einzudringen, um Hass zu verbreiten“. Die gleichlautende Aufforderung ihres Mannes folgte auf dem Fuße. Kimmel, meinte Donald Trump, habe einen „verabscheuungswürdigen Aufruf zu Gewalt“ abgesetzt, er solle „von ABC und Disney sofort gefeuert werden“.
Der Witz über die „werdende Witwe“
Was die Trumps für Hassrede halten, ist der Witz, den Kimmel am vergangenen Donnerstag in seiner Show über Mr. und Mrs. Trump gerissen hatte. Melania, sagte er, strahle wie eine „werdende Witwe“. Im Bild erschien die First Lady mit dem ihr eigenen, typischen, versteinerten Gesichtsausdruck. Das, sagte Kimmel nun am Montag in seiner Show, sei eine Anspielung auf den Altersunterschied zwischen Melania (56) und Donald (79) gewesen und mitnichten ein Aufruf zu Gewalt.
Mit dem Vorwurf rücken die Trumps Kimmel in die Rolle des Anstifters des Attentäters, der am vergangenen Samstag schwer bewaffnet in das White House Correspondents’ Dinner im Washingtoner Hilton-Hotel stürmte und ein Massaker verüben wollte.
Den Schuh muss Kimmel sich wirklich nicht anziehen. Er habe sich schon immer gegen Waffengewalt ausgesprochen, sagte er, gegen Hass schürende Rhetorik ebenfalls. Und auf das Thema könne Melania Trump ja vielleicht einmal ihren Mann ansprechen? Der sitzt, was das angeht, bekanntermaßen im Glashaus. Es vergeht kein Tag ohne Trump-Tiraden. Seine an Iran gerichtete Drohung, „eine ganze Zivilisation wird heute Nacht sterben und nie wieder zurückkehren“, ist da nur ein Beispiel. Unvergessen ist seine Verharmlosung des Sturms aufs Kapitol oder seine Vorhersage im letzten Präsidentschaftswahlkampf, es gebe ein „Blutbad“, werde er nicht gewählt (er meinte angeblich das Überleben der US-Autoindustrie). Politische Gegner nennt er „Ungeziefer“, seine entmenschlichenden Verbalinjurien sind sonder Zahl, seine öffentliche Rede folgt in ihrem grenzenlosen Furor der von Richard Nixon geprägten „Madman-Theorie“.
„There will be some shots fired“, hatte Trumps Sprecherin Karoline Leavitt in einem Fernsehinterview vor dem Korrespondenten-Dinner gesagt und selbstverständlich keine Bleikugeln, sondern rhetorische „Spitzen“ ihres Chefs gemeint. Legte der an diese Äußerung denselben Maßstab an wie an Kimmels Witz, müsste er sie direkt feuern. Und wollte Trump seinem angeblichen Maßstab selbst folgen, wäre sein sofortiger Rücktritt fällig.
