Es ist irritierend leise für deutsche Ohren auf den Straßen von Trondheim. Nur das Geschrei der hier allgegenwärtigen Möwen unterbricht die Stille beim Bummel durch die Viertel der drittgrößten norwegischen Stadt am Trondheimsfjord. Einer Stadt, die trotz der vielen Radfahrer und Fußgänger alles andere als eine autofreie Zone ist. Doch ebenso ein Ort, in dem die sanft surrenden E-Autos auch von BMW und Mercedes anders als in Deutschland nicht die immer noch bestehende Ausnahme sind, sondern die Regel.
Wir kannten schon vor unserer Ankunft die Statistik, wonach das skandinavische Land von der Fläche Deutschlands, aber mit nur wenig mehr als fünf Millionen Einwohnern Weltmeister beim Ausbau der E-Mobilität ist. Doch selbst zu erleben, wie sich ein Ort ohne Motorengeknatter und Abgase, aber dafür mit herrlich frischer Meeresluft anfühlt, ist ein Aha-Erlebnis für Besucher aus einem Land, in dem ein drohendes Verbrenner-Aus zur Schicksalsfrage mutiert ist.
Geschichte voller Wunder und Legenden
Nicht nur wegen der fortgeschrittenen E-Mobilität trägt Trondheim deshalb zu Recht den offiziellen Titel als Norwegens Technologiehauptstadt. Die Stadt von der Größe Darmstadts ist Sitz einer technisch ausgerichteten Universität mit rund 40.000 Studentinnen und Studenten aus aller Welt. Von jungen Absolventen gegründete Start-ups zu Künstlicher Intelligenz, erneuerbaren Energien und Meeresforschung stoßen auf Trondheims Geschichte als einen der wichtigsten Pilgerorte in Nordeuropa seit dem Mittelalter – ein Kontrast, der sich auch im Stadtbild zeigt.
Mit dieser an Legenden und Wundern reichen Geschichte macht uns Ingrid Heiene bekannt. In ihrem roten, fast bis zum Boden fließenden Gewand erinnert die fröhliche junge Frau ein wenig an die Zauberschüler aus Harry Potters Internat Hogwarts. Heiene stammt aus Nordnorwegen und gab vor zehn Jahren ihr Lehramtsstudium für Deutsch, Norwegisch und Geschichte auf, um Besuchern beim Gang durch den 100 Meter langen Nidarosdom zu erzählen, was die Faszination und Bedeutung der nördlichsten Kathedrale Europas ausmacht.
Fast nebenbei bekommen wir eine äußerst lebendige Unterrichtsstunde in norwegischer Geschichte: wie sich das Christentum durch den Tod Olavs auf dem Schlachtfeld endgültig gegen die bis dahin dominierende nordische Götterwelt von Odin, Freya, Loki und Thor durchsetzte.

Der Nidarosdom nimmt dabei eine wichtige Rolle ein. Er ist ein mythischer Schicksalsort für die Identität und die fast tausendjährige Geschichte der erst seit 1905 vollständig souveränen Nation Norwegen. Der Legende nach ruhen hier die Gebeine des in Frankreich zum Christentum bekehrten Wikingerherrschers Olav Haraldsson.
Der zu Lebzeiten als grausamer König gefürchtete Olav wurde nach seinem Tod in der Schlacht von Stiklestad am 29. Juli 1030 nicht nur in Norwegen, sondern auch in Dänemark und Schweden als Heiliger und christlicher Märtyrer verehrt. Bis zum Siegeszug der Reformation war das 997 gegründete Trondheim noch kurz vor dem Tod Olavs unter seinem altnordischen Namen Nidaros zum Königs- und Regierungssitz des Landes bestimmt worden.
Ingrid erzählt uns, wie der aus seinem Exil in Russland mit einer kleinen Truppe von Wikingerkriegern nach Norwegen zurückgekehrte Olav im rund 80 Kilometer von Trondheim entfernten Örtchen Stiklestad von einem feindlichen Heer aus Bauern und Adligen zum Kampf gestellt wurde. In der Schlacht, die nach Ansicht mancher Historiker womöglich eher ein Scharmützel war, erlitt Olav der Überlieferung nach drei Verwundungen, von denen die erste sein rechtes Bein durch einen Axthieb traf. Deshalb wird Olav in mittelalterlichen Darstellungen stets mit einer Axt in der Hand gezeigt. Die von einem goldenen Löwen umklammerte „Olavsaxt“ ist deswegen auch zentraler Bestandteil des norwegischen Königs- und Staatswappens.
Ein Toter mit rosigen Wangen
Wundersam jedoch, erzählt uns Ingrid weiter wie aus einer uralten Wikingersaga, wird es nach Olavs Tod. Ein Bauer und seine beiden Söhne bargen den Leichnam nach der Schlacht und verscharrten ihn am Ufer des Flusses Nid. Als sein Sarg ein Jahr später im Beisein eines Bischofs geöffnet wurde, war der Körper nicht verwest und äußerlich unversehrt. Schlafend, mit rosigen Wangen und nicht wie ein Toter habe Olav ausgesehen, berichten Zeugen von dem Wunder, das rasch zu seiner Heiligsprechung führte.
Der mit Edelsteinen und Gold verzierte Schrein mit den sterblichen Überresten Olavs stand auf dem Hochaltar des ihm zu Ehren errichteten Doms und zog über drei Jahrhunderte Tausende Pilger in den hohen Norden nach Trondheim. Doch er verschwand nach dem Sieg der Reformation 1537 und wird seitdem irgendwo in einem Gewölbe unter dem mächtigen Kirchenbau vermutet. Mit modernster Georadartechnik, so hofft Ingrid, wird Olavs Grab womöglich schon bis zum Jahrtausendjubiläum Norwegens in vier Jahren geortet und geöffnet werden können.
Wie Santiago de Compostela in Spanien als Endpunkt des Jakobswegs markiert der Nidarosdom auch das Ziel des Olavswegs. Die bekannteste und meistgewanderte Route ist der Gudbrandsdalsleden, der auf einer Länge von 643 Kilometern die Hauptstadt Oslo im Süden mit dem Nidarosdom in Trondheim verbindet. Gut 2000 Pilger nehmen jedes Jahr die Strapazen auf sich, um nach rund 32 Tagen Wanderung durch sanft ansteigende Täler, karge Hochgebirgsebenen und schließlich durch Trøndelag, die historische Mitte Norwegens mit ihren Wäldern und Flusslandschaften, im Nidarosdom anzukommen.

Dort erhalten die Wanderer als Belohnung für das Meistern dieser auch körperlich anspruchsvollen Strecke den Olavsbrief, eine Pilgerurkunde mit der mittelalterlichen Darstellung des ersten christlichen Herrschers Norwegens.
Nach der Zeitreise ins tiefe Mittelalter steht uns der Sinn wieder nach einer Rückreise in die Gegenwart, und dafür ist das nur wenige hundert Meter entfernte PoMo genau der richtige Platz.
Als das Trondheimer Kunstsammlerpaar Monica und Ole Robert Reitan vor sieben Jahren an einem Frühlingstag nach einem Mittagessen im altehrwürdigen Britannia Hotel – dem feinsten Haus am Platz, in dem auch schon die englische Königin zu Gast war – auf die Straße trat, kam ihnen die Erleuchtung: Als sie das frühere, seit Langem ungenutzte Hauptpostamt vis-à-vis erblickten, fassten sie den Entschluss, dass dort ihr Museum für moderne und zeitgenössische Kunst in ihrer Heimatstadt entstehen sollte.
Das wunderschöne, 1911 von dem Architekten Karl Norum entworfene Jugendstilgebäude ist tatsächlich der perfekte Ort im Herzen der Stadt für die moderne Kunst, die beide seit 15 Jahren mit großer Leidenschaft sammeln. Und die nun seit der Eröffnung im Februar 2025 in dem von der französisch-iranischen Architektin India Mahdavi spektakulär in einem Zusammenspiel aus Farbe, Raum und Kunstwerken umgebauten PoMo zu sehen ist.
Geschichte, Hightech und Kunst
Die Abkürzung, über die auch wir gerätselt haben, steht sowohl für das norwegische Wort „Posten Moderne“, was übersetzt „moderne Post“ heißt, und verweist gleichzeitig auf die Kunst der Postmoderne. Und die soll für ein Land, in dem wie in ganz Skandinavien Gleichberechtigung großgeschrieben wird, in wenigen Jahren im PoMo zu 60 Prozent weiblich sein. Derzeit stammen schon rund 40 Prozent der Werke von Künstlerinnen. Darunter Arbeiten von Sandra Mujinga, Isa Genzken, Anne Imhof, Katharina Fritsch und Simone Leigh.
Nur Edvard Munch als bekanntestem norwegischen Künstler der Moderne ist ein eigener Raum gewidmet. Ein Highlight für Besucher, das man in deutschen Museen leider meist vergeblich sucht, ist der „Reading Room“ ganz oben im PoMo. Der in zwei Räume aufgeteilte Lesesaal unter einem in warmen Grüntönen und mit tanzenden Fischen ausgemalten Satteldach lädt inmitten der umfangreichen Bibliothek – vom Andy-Warhol-Comic bis zu einem Regal voller Bücher über Picasso – zum stundenlangen Schmökern in dicken Kunstwälzern ein.

Neben Geschichte, Hightech und Kunst ist Trondheim inzwischen auch für exzellentes Essen bekannt. Innerhalb weniger Jahre ist die Stadt zu Norwegens Gourmet-Hotspot mit vielen ausgezeichneten Restaurants aufgestiegen, beflügelt auch von dem im Öl- und Gasboom rasant gewachsenen Wohlstand seiner Einwohner.
Viele können sich nun teure Restaurants mit der dank des Kopenhagener Noma zu Weltruhm gelangten nordischen Küche mit viel Fisch und regionalen Pflanzensorten leisten – und tun das auch mit großem Genuss, wie uns William Lee-Wright an der Bar des wohl derzeit angesagtesten Trondheimer Restaurants Tollbua erzählt.
Das sei vor gut zwanzig Jahren noch anders gewesen, als Pizza-, Burger- und Taco-Läden auch in Norwegen die Esskultur dominierten, meint der dreiundvierzigjährige Londoner, den es vor 16 Jahren auch aus Liebe zu einer Norwegerin nach Trondheim verschlagen hat.
Mit seiner Frau und den zwei Kindern ist er hier in einem Häuschen mit Blick auf die Stadt mit ihren bunten Holzhäusern und den Fjord heimisch geworden und vermisst England kaum. Nach Stationen als Journalist und Autor in Großbritannien arbeitete er zunächst als freier Fotograf und gründete in Trondheim ein englischsprachiges Magazin.
Quintessenz der norwegischen Stadt
Erst vor drei Jahren stieg der Brite mit der jungenhaften Ausstrahlung bei dem norwegischen Fine-Dining-Unternehmen Matigruppen mit Hauptsitz in Trondheim ein. Das kulinarische Aushängeschild der Gruppe ist ebenjenes Tollbua, ein historisches rotes Zollhaus am Hafen von Trondheim, heute ein modern skandinavisch gestaltetes, aber dennoch nicht kühles Gourmet-Bistro.
Dass sich in Trondheim wie an vielen Orten in Norwegen Moderne und Tradition auf unbeschwerte Weise ergänzen, zeigt sich an diesem Abend auch im Tollbua. Dort finden wie überall in der ganzen Stadt Anfang Mai Konfirmationsfeiern statt, bei denen sich besonders die Mädchen stolz in farbenprächtigen, reich verzierten Trachten zeigen.
Wenn der hier nur Will genannte Londoner über Trondheim und sein besonderes Flair spricht, kommt er ins Schwärmen. „Es ist eine phantastische Stadt, die beste Wahl, um in Norwegen zu leben.“ Nichts gegen die im Ausland bekannteren und größeren Städte Oslo und Bergen, lacht Will. Aber Trondheim sei das Herz Norwegens und die Quintessenz einer norwegischen Stadt.
Die Norweger lieben ihre Städte
Er spricht auch über die kulturellen Unterschiede und Lebenseinstellungen zwischen Großbritannien und Norwegen, die ihn zunächst verblüfften. „Briten hassen ihre Städte oft, die Norweger nicht – sie lieben sie. Du musst hier positiv sein.“
Mehr als positiv, so empfindet es Will im Vergleich zu seiner wirtschaftlich schwächelnden alten Heimat, seien die Arbeitsbedingungen für Frauen und Männer in Norwegen. Die Gehälter seien hoch, die Arbeitszeiten auch im Hinblick auf Familien moderat, staatlich organisierte Kinderbetreuung unkompliziert und erschwinglich. Und im kurzen nordischen Sommer sei in der Regel sogar um halb drei Feierabend.
Noch keinen Feierabend in ihrer offenen Küche haben bei unserem Besuch im Tollbua Sara Höing und Daniel Hamann. Die beiden jungen Chefköche aus Deutschland stehen gemeinsam am Pass und geben Gerichten wie etwa dem Lachs-Ceviche den letzten Schliff, bevor die Teller zum Gast hinausgehen.
Die beiden haben erst vor einer Woche geheiratet und nach Lehrstationen in Berliner und Zürcher Sternerestaurants zusammen auch im Noma gekocht. Dort entdeckten sie auch ihre Liebe zur nordischen Küche, die sie nun in Trondheim ausleben können.
Wälder, Getreidefelder und schneebedeckte Berge
Zu einer Reise nach Trondheim gehört auch das Ausspannen mit gutem Essen und vielen Zwischenstopps auf der zwei Autostunden nördlich gelegenen kleinen Halbinsel Inderøy, die Teil der Region Trøndelag ist.
Mit ihren Hügeln, kleinen Wäldern, Getreidefeldern und den schneebedeckten Bergen am Horizont erinnert sie an das friedliche Auenland der Hobbits in den „Herr der Ringe“-Filmen. Die oft hier zu hörende Beschreibung „Toskana Norwegens“ für diese Landschaftsidylle klingt zwar nach Reiseführerlyrik, ist aber gar nicht so falsch.
Eine clevere Marketingidee mit einem eindringlichen Slogan hatten Ende der Neunzigerjahre ein gutes Dutzend regionaler Anbieter, lokale Erzeuger von Käse und Wurst sowie einige landwirtschaftliche Betriebe. Zu dem Projekt „Der Goldene Umweg“, auf Norwegisch „Den Gyldne Omvei“, gehören inzwischen etliche traditionelle Handwerksbetriebe, Hofläden mit prämierten Käsen, eine Destillerie, eine Brauerei oder auch die zum kleinen Museum umgebaute Kunstwerkstatt des bedeutenden norwegischen Bildhauers Nils Aas in seinem Heimatort Straumen.
Es ist ein malerisches Städtchen mit weißen und zinnoberroten Holzhäusern am Ufer des Trondheimsfjords, das 2020 zu „Norwegens attraktivster Stadt“ gekürt wurde.
Berufliche Krise war eine Chance
Nur kurze Zeit später stehen wir auf dem Hof der nördlichsten kommerziellen Apfelplantage Europas. Wir werden dort nicht nur mit köstlichen Apfelsäften und einem Cider wie in der Bretagne versorgt, sondern auch mit einem traumhaften Panoramablick auf den Fjord belohnt.
Chef und Gründer der „Inderøy Mosteri“ ist Yngve Henriksen, ein quirliger Mann Ende dreißig mit Entertainerqualitäten, der uns seinen auch für ihn überraschenden Quereinstieg als Obstbauer und Saftproduzent schildert.
Was 2019 zunächst als Hobby zusammen mit seiner Freundin und heutigen Ehefrau Maren Myrvold begann, wurde ein Jahr später mit Ausbruch der Covid-Pandemie zum Gründerabenteuer mit ungewissem Ausgang, viel Stress mit seiner Bank und sogar Herzproblemen, wie Yngve erzählt.
Nach Jahren als Musikproduzent in der norwegischen Rock- und Popszene – unter anderem für die auch in Deutschland erfolgreiche Frauen-Indie-Band „Katzenjammer“ – verlor er in der Pandemie mit einem Schlag seinen Job, ebenso wie Maren, die als Köchin arbeitete.
Das Paar nutzte diese nicht nur berufliche Krise als Chance für eine „Alles-oder-nichts-Entscheidung“ und investierte mit Krediten und Hilfe von Freunden alles in ihren Apfelbaumtraum.
Tommy Lee liebt diesen Apfelsaft
In Rekordzeit bauten beide die Produktion sortenrein gepresster Säfte und Cider auf, die heute 100.000 Flaschen im Jahr beträgt und bisher nicht im Discounter, sondern nur in guten Restaurants, Hotels und Bars zu finden sind.
Bei ihrer verrückten Idee, ausgerechnet in der nördlichen Region Trøndelag Äpfel anzubauen, kamen ihnen die dortigen klimatischen Bedingungen und die Mitternachtssonne zu Hilfe, erklärt uns Yngve das Geheimnis seines Erfolgs.
Zwar ist es generell kühler im Norden, aber die Sommertage sind dafür sehr lang und hell. Die Apfelbäume bekommen in diesen Monaten fast rund um die Uhr Licht. Und durch das kühle Klima reifen die Äpfel langsamer als im Süden. Die Früchte bekommen so viel Zeit, eine schöne Balance aus intensiver Fruchtsäure und natürlicher Süße zu entwickeln.
Die Apfelsorten wie Zari, Aroma, Rosett oder Asfari, die Yngve und Maren anbauen, sind hierzulande kaum bekannt, aber besonders geeignet für das dortige Klima.
Auf eine Geschichte ist der Apfelbauer mit Vergangenheit mit Musikgeschäft besonders stolz: Internationale Berühmtheit mit Rockstar-Appeal erlangten seine Säfte vor drei Jahren durch einen Clip auf Instagram, der viral ging.
Tommy Lee, Ex-Mann von Pamela Anderson und Drummer der Heavy-Metal-Band Mötley Crüe, filmte sich nach einem Konzert in Trondheim nachts auf dem Balkon des Hotels Britannia mit einer Flasche „Elstar-Most“ am Mund – und mit einer ehrlichen Botschaft an seine Millionen Follower, die als Werbespruch unbezahlbar ist: „Fuck, they got good apple juice here!“ Dem haben wir nichts mehr hinzuzufügen.
Anreise: Die Lufthansa fliegt in diesem Sommer viermal in der Woche direkt von Frankfurt nach Trondheim.
