Herr Damm, das Niedrigwasser am Rhein herrscht seit einigen Wochen, gleichzeitig sind manche Zuflüsse noch gut versorgt. Was ist da gerade los?
Was ist Ihre wissenschaftliche Perspektive auf den Rhein?
Wir sind ein Fluss- und Auen-Institut. Wir beschäftigen uns mit den Grundlagen und der Anwendung von Wissen: Wie funktionieren Flüsse, wie funktionieren Auen. Man darf nie allein auf die Flüsse gucken. Das wird aber oft getan. Gerade im Hinblick auf das Wasser muss man das zusammen betrachten. Auch Waldforschung gehört dazu. Zunehmend sehen wir uns das gesamte Einzugsgebiet an, weil wir merken, dass unsere Flüsse darauf angewiesen sind. Ein wichtiger Begriff ist der Basisabfluss. Was lief, ist nicht das, was aus dem Einzugsgebiet kommt, sondern was das Grundwasser, wenn keine Niederschläge mehr kommen, in die Gewässer einträgt und über Seitengewässer das Hauptgewässer stützt.

Der Blick darf also nicht nur in die Alpen gelenkt werden?
Je besser die Landschaft insgesamt mit Wasser versorgt ist, desto höher ist dieser Basisabfluss. Der wird immer niedriger, weil die Gesamtentwässerung der Landschaft so eine große Rolle spielt. Am Oberrhein zwischen Freiburg und Karlsruhe war das massiv. Vor den großen „Meliorationen“ der Fünfziger- und Sechzigerjahre gab es dort eine Feuchtgebietslandschaft. Die Gesellschaft nennt es „verbessert“, weil es ein Primat der Wirtschaft gibt. Heute schlägt das auf uns zurück, weil wir die Resilienz der Landschaft gegen diese Trockenheit in den Fließgewässern getauscht haben.
Wie verändern die aktuellen Ereignisse unseren Blick darauf?
Jetzt erst, wo man die Effekte der Wärme sieht, schaut man genauer hin. Die Resilienz der Landschaft wäre größer, wenn wir nicht fast einen Meter Grundwasser verloren hätten. Unser Grundwasserspeicher hat im Rheinkies viel Wasser. Man kann das Rohr immer noch einen Meter tiefer reinschieben, dann hat der Trinkwasserversorger sein Wasser. Mit jedem Zentimeter, den das Grundwasser aber sinkt, leiden die Organismen. Ein Gras kommt vielfach nicht dahin. Das ist schon seit Jahrzehnten unter Stress.
Der flache Rhein liegt also nicht nur an der Klimaveränderung.
Mit der zunehmenden Hitze kommt eine Zusatzbelastung hinzu. Sogar Kiefern sterben ab, was durch fehlendes Wasser und Hitze verschärft wird. Hier in der Rheinau habe ich vor wenigen Tagen das erste Mal gesehen, dass Silberweiden, die am längsten Überflutung ertragen und ganz unten am Wasser stehen, mit den Füßen im feuchten Schlamm stehen, also viel Wasser haben, aber oben vertrocknen. Sie sind gegen herbstliche Trockenheit gut gewappnet und lassen nun die Blätter fallen. Dass sie stückweise absterben, sind neue Effekte. Eine Feuchtgebietspflanze bekommt es nicht mehr hin, diesen Hitzestress auszugleichen durch Durchkühlung, durch interne Kühlung, Hochpumpen von Wasser, worin die Pflanzen eigentlich Meister sind.
Betrachten wir solche Phänomene zu oberflächlich? Wie müsste man auf Verbesserungen hinarbeiten?
Wir haben seit Jahren gewarnt. Wir müssen endlich anfangen, das Fenster wird immer weiter geschlossen und ist inzwischen schon weit zu. Die Landnutzung ist der wesentliche Hebel, um diese Basisabflüsse zu sichern. Wir organisieren die Landnutzung arbeitsteilig, besonders effizient. Jeder ist in seinem Bereich besonders gut. Leider sind wir schlecht darin, diese verschiedenen Bereiche miteinander in einen Dialog zu bringen. Interdisziplinär ein gemeinsames Ziel zu definieren, funktioniert überhaupt nicht.
Behörden optimieren nur ihren eigenen Erfolg?
Der Erhalt des Grundwassers, zu dem das Umweltministerium eine Broschüre druckt, interessiert die Wasserstraße erst mal nur sehr marginal. Wir haben eine Wasserstrategie, aber die müsste zentral aufgehängt werden. Landwirtschaftsminister und Forstzuständige, Wasserwirtschaftszuständige sprechen nicht miteinander. Wir sollten sie auf gemeinsame Ziele verpflichten. Wenn wir neue Entwässerungsbauwerke einweihen, feiern wir. Das kann nicht wahr sein. Wasserwirtschaft ist der Schlüssel. Sie ist aber ein Diener von Landwirtschaft und Forstwirtschaft und der Industrie. Die Dinge sind miteinander verknüpft, und die Institutionen müssen zusammenarbeiten.
Auf welches Ziel müssten sie sich verpflichten?
Das Grundwasser muss wieder hoch. Die gute Nachricht: Wir haben genug Wasser, es verteilt sich anders. Am Oberrhein kommt im Winter massig Wasser die Flüsse runter, das schicken wir ungenutzt nach Rotterdam. Das ist Humbug, das ist einfach eine nicht smarte Landnutzung. Wir müssen nicht nur Moore vernässen, wir müssen die Landschaft vernässen. Landwirte müssen zu Wasserwirten werden. Die Landwirte müssen nicht dafür bezahlt werden, Mais anzubauen, sie müssen auch für die gesellschaftliche Leistung der Grundwasserherstellung sorgen, denn dies ist das große Problem.
Ist die Wasserversorgung in Gefahr?
Die Grundwasserneubildung geht zurück. Vom Regen geht ein Teil ins Grundwasser, ein Teil verdunstet. Mit steigenden Temperaturen wird der Verdunstungsanteil größer und der Versickerungsanteil geringer. Das füllt sich dann nicht mehr auf. Der Druck aufs Grundwasser wird noch größer durch die Landwirtschaft, weil sie bewässern will. Sie saugt sich ihre eigene Ressource weg. Das sind Managemententscheidungen, das hat erst mal nichts mit Klimawandel zu tun. Kollektiv sind wir leider nicht handlungsfähig, weil wir die Ziele aus dem Blick verlieren. Und zwar existenzielle Ziele. Feuer, Wasser, Erde, die Äste, auf denen wir sitzen, dürfen wir nicht abschlagen. Unsere Wohlstandstrunkenheit führt dazu, dass wir wirklich betrunken sind, dass wir den Blick auf die Realität nicht mehr haben.

Entlang eines Flusses gibt es widerstreitende Interessen, wie man Wasser aus den oberen Höhen nutzen will. Wie bekommt man einen Schulterschluss hin?
Alle vier Rhein-Anrainer Schweiz, Deutschland, Frankreich und Niederlande ziehen an einem Strang. Die Lösung ist für alle gleich und muss in der Gesamtfläche erfolgen. Wir brauchen Wasser, dafür brauchen wir Massen von Fläche, also die gesamte landwirtschaftliche Nutzung. Die Landwirte haben die Lösung in der Hand, nicht der Naturschutz. Die Idee müsste sein, sie bekommen Geld dafür, dass sie Versickerung ermöglichen. Der Oberrheingraben war immer schon sehr trocken. Deshalb hat man sich vor 200 Jahren eine Wiesenwässerung ausgedacht. Frühjahrswässer wurden in Gräben geleitet, damit wurden Wiesen unter Wasser gesetzt. Man kann das Vierfache des Jahresniederschlages in eine Wiese reinstecken und trotzdem noch Gras ernten. Wir müssen Wasser ernten, weil wir Wasser brauchen und keinen Mais, den die Schweine fressen, die unser Steak produzieren. Wenn es um so existenzielle Dinge geht wie Wasser, muss man die Prioritäten festlegen.
Wirtschaftlich war es vernünftig, dass wir vor 60 Jahren alles trockengelegt haben. Jetzt brauchen wir einen Schritt in die Gegenrichtung?
Ja, und zwar ganz, ganz schnell. Wir machen die Bodenstruktur mit unserer jetzigen Landbewirtschaftung kaputt. Die Trockenlegung brauchen wir für die schweren Maschinen auf dem Acker. Walzt man 40 Prozent der Landesfläche zehnmal im Jahr mit einem Trecker, der siebeneinhalb Tonnen wiegt, macht das etwas mit dem Boden. Landwirte bitten Wasserwirte, den Acker zum 1. April so trocken zu machen, dass die physikalische Tragfähigkeit des Bodens für schwere Maschinen ausreicht. In den Fünfzigerjahren hat ein Weizenkorn 14 Tage gebraucht, um vom Keimen zum Grundwasser zu kommen. Heute braucht die Pflanze zwei Monate, dann ist das Frühjahr schon rum. Und dann ist es kein Wunder, dass die Pflanze im Mai umfällt. Die Landwirtschaft scheint mir schlecht beraten. Der Umgang mit ihrem wichtigsten Betriebsmittel, dem Boden, ist suboptimal. Wir müssen die Wasserhaltefähigkeit der Böden erhöhen. Die 80 bis 100 Zentimeter, die am Oberrhein fehlen, müssen wieder aufgefüllt werden, damit die Landschaft resilienter wird. Gleichzeitig brauchen wir den Boden als Wasser- und Kohlenstoffspeicher. Auf unseren Landwirtschaftsflächen können wir riesige Mengen an Kohlenstoff und Methan speichern. Das ist einer unserer größten Hebel, den wir gegen den Klimawandel haben. Es muss sich für Bauern rechnen, mitzumachen. Sie sind wichtiger als Städte, die sich entsiegeln und Schwammlandschaften errichten. Die Massenfrage wird in der Fläche geklärt.
Auch hier gibt es Nutzungskonkurrenzen, Futterpflanzen wie Mais sollen auch für die Energieversorgung eingesetzt werden. Macht das eine Zielsetzung komplizierter?
Wenn man berechnet, wie viel Energie man auf einem zusätzlichen Hektar durch Maisanbau gewinnt, wenn es in die Biogasanlage geht, ist eine Solaranlage viel ergiebiger. Sie erzeugt 30- bis 40-mal mehr Energie auf der Fläche. Da haben sich die Grünen und andere wirklich vergaloppiert in eine landwirtschaftliche Fehlentwicklung. Leider ist kognitive Dissonanz weit verbreitet: Ich weiß es, aber ich tue es nicht. Wir sind alle als Gesellschaft so drauf, aber es nimmt suizidale Züge an. Die Menschen werden erst mal nicht aussterben. Aber unsere Gesellschaftsform wird zusammenbrechen. Wenn die Landschaft nicht mehr nutzbar ist in der Form, werden wir keinen Mais mehr anbauen. Dann werden auch die Bauern etwas anderes anbauen. Die Winter werden angenehm bleiben in Mitteleuropa, wir werden weiterhin Ski fahren gehen. Aber die Sommer werden vom Lieblingszeitraum zu unserer Hasssaison werden.
Auch die Fischpopulationen stehen durch die Temperaturen unter Stress. Was bedeutet das für die Flüsse?
Hier kommen wieder das Wasser- und das Hitzeproblem zusammen. Diese Arten sind genauso unter Stress wie wir. Wenn die Silberweide ausfällt, ist das der wichtigste Baum der unteren Auenstufe. Einzelne Arten kommen vermehrt unter Stress. Innerhalb dieser Biodiversität kommen die durch, die konkurrenzkräftig sind, die mit diesen Bedingungen klarkommen.
Wenn ich einer von ihnen ihre Konkurrenzkraft nehme, kommt der Konkurrent und übernimmt. Das sind vielfach eingeschleppte Arten, die sich zunehmend ausbreiten. Die Natur füllt Lücken immer auf, da findet sich immer ein Krisengewinner. Die Natur ist da nicht anders als der Kapitalismus.

Wie verändert das die Ökosysteme?
Es entstehen neue Systeme, durch den Temperaturanstieg sind das dauerhafte Veränderungen. Diese hohen Wälder werden wir nicht mehr haben. Das heißt, die Holzwirtschaft wird große Probleme bekommen. Neue Arten werden nicht mehr so produktiv sein. Eichen haben bei uns schon jetzt breitere Jahresringe, das heißt, die Qualität des harten Eichenholzes wird sich ändern. Das können wir nur vermeiden, wenn wir das mit der Temperatur in den Griff bekommen. Organismen sind seit Jahrtausenden aufeinander angewiesen. Bienen brauchen den Pollen zu einer bestimmten Zeit, um zu überleben. Wenn die Pflanze früher blüht und die Biene zu spät kommt, hat sie diesen Pollen nicht mehr. Sie werden aus einer langen evolutiven Entwicklung desynchronisiert, und damit bricht das zusammen.
Wird sich nach der dritten Hitzewelle des Jahrtausends nach 2003, 2018 und 2026 die Veränderungsbereitschaft verfestigen, oder denkt der Mensch zu kurzfristig?
Ich denke, wir sind kein Homo sapiens im Sinne von wissend. Im fetten SUV zu sitzen und nach Bali in Urlaub zu fliegen, das ist uns wichtiger, als das kollektive Überleben unserer Art zu sichern. Es wird sich alles verändern, und wie weit diese Ressourcen dann reichen, wie viele Menschen wir damit ernähren können, das weiß keiner so genau. Aber es wird katastrophal sein, und wenn ich höre, dass die Leute unter Transformation verstehen, dass sie in ihren Viereinhalb-Tonnen-SUV einen Elektromotor einbauen, muss ich sagen: Leute, ihr habt den Schuss nicht gehört.
Die wirtschaftliche Logik widerspricht also den ökologischen Notwendigkeiten?
Corona hat gezeigt: Wenn die Wirtschaftsleistung um 20 Prozent zusammenbricht, beobachten Wissenschaftler in den Meeren an bestimmten Stellen mehr Fische. Systeme erholen sich. Es hat nichts mit „Zurück in die Steinzeit“ zu tun. Es geht darum, nicht nur über quantitatives Wachstum zu reden. Hört man nichts anderes in der Tagesschau, machen die Wähler ihr Kreuz entsprechend. Gefordert wird: Lass die Maschine schneller laufen, säge schneller, damit das geerntete Holz verkauft werden kann. Dieses Schnellersägen ist das Problem. Das führt schneller zum Abgrund. Das ist ein großer systematischer Denkfehler. Ergebnis ist, dass wir den Klimaschutz reduzieren. Wir haben keine gute Leitlinie für eine gute Politik. Es wird bezweifelt, wir könnten die Leute nicht überzeugen. Aber es gibt doch Tausende Marketingexperten. Warum setzt man die daran, wie man den Leuten beheizte Fußballrasen oder elektrische Pfeffermühlen verkauft, statt das eigene Überleben hinzubekommen?
Im Vergleich zum CO₂-Ausstoß haben wir wesentlich mehr direkten Einfluss auf die Flüsse. Ist es einfacher, das Flussleben zu verändern?
Das eine hängt am anderen. Der gesamte Wasserhaushalt ist gesteuert von der Temperatur. Das heißt, egal wie gut wir im Wasserhaushalt sind – und da müssen wir sehr gut werden –, am Ende hilft uns das alles nichts. Wenn unsere Kinder so alt sind, solche Interviews zu machen, wird die Temperatur so hoch sein, dass das vielleicht nicht mehr erreichbar ist.
Zur Person
Der 1966 geborene Ökologe Christian Damm arbeitet heute am Karlsruher Institut für Technologie am Institut für Geographie und Geoökologie; dort ist er auf Fluss- und Auenökologie spezialisiert. Nach einem Biologiestudium in Göttingen promovierte er über die alpine Vegetation der Rocky Mountains im US-Bundesstaat Montana. Später leitete er mehrere Jahre als Projektmanager eine Deichverlegung an der Elbe.
Als Wissenschaftler lehrt und forscht er insbesondere zu Auen und Feuchtgebieten – und untersucht das „Water Management“, also den Landschaftswasserhaushalt, in der sogenannten Gesamtlandschaft. Dabei fordert er, mehr auf die Gesamtzusammenhänge als auf einzelne Katastrophenmeldungen zu blicken. Auch eine Zusammenarbeit der europäischen Länder ist laut Damm nötig, um der Klimakrise etwas entgegenzusetzen.
