Tadej Pogačar hat auch bei der Wiederkehr an den Ort seiner letzten Schwächephase bei der Tour de France seine unantastbare Macht demonstriert und eine alte Rechnung beglichen. Der Dominator stürmte beim Kletter-Spektakel durch das Zentralmassiv auf der zehnten Etappe nach Le Lioran in bestechender Solo-Manier zum Sieg, baute seine Führung in der Gesamtwertung weiter aus – und zerstörte gnadenlos die Träume der Franzosen von einem Heimerfolg am Nationalfeiertag.
„Ich habe den Tag genossen. Heute ist der Nationalfeiertag, ich wollte das Gelbe Trikot ehren“, sagte der Weltmeister und ergänzte: „Wir müssen dankbar für die Momente sein. Man weiß nie, wie lange es geht.“
Nach seiner Attacke am Col de Pertus, knapp 15 Kilometer vor dem Ziel, fuhr Pogačar der Konkurrenz bei Feiertagsstimmung und abermals Temperaturen von über 35 Grad unaufhaltsam davon. 44 Sekunden legte der Titelverteidiger vom Team UAE Emirates-XRG auf den 166,6 Kilometern mit sieben gewerteten Anstiegen, zwei davon der 1. Kategorie, zwischen sich und seinen Herausforderer Jonas Vingegaard. Angesichts von nun 3:36 Minuten Vorsprung im Klassement und der nächsten Machtdemonstration scheint die Frankreich-Rundfahrt bereits kurz vor der Halbzeit entschieden.
Lipowitz: „Pogačar war einfach zu stark“
Auch Florian Lipowitz konnte Pogačar nicht folgen. Der Vorjahresdritte erreichte das Ziel 34 Sekunden nach Pogačar, immerhin als starker Vierter knapp hinter seinem Teamkollegen Remco Evenepoel (+0:32) und zeitgleich mit dem französischen Hoffnungsträger Paul Seixas. Vingegaard wurde nur Siebter. Im Gesamtklassement schob sich Lipowitz auf Rang sechs vor, sein Ko-Kapitän Evenepoel auf Rang drei, da Pogačars Edelhelfer Isaac del Toro Schwächen offenbart hatte und den Anschluss verlor.

„Es war ein superhartes Rennen. Das Team hat einen super Job gemacht. Die Beine waren gut nach dem Ruhetag. Wenn Pogačar losfährt, haben wir nicht die Beine, um zu folgen. Pogačar war einfach zu stark“, sagte Lipowitz in der ARD und haderte ein wenig mit dem vierten Platz: „Bei mir hat es nicht ganz mit dem Podium gereicht, aber wir können super happy sein. Wir sind auf gutem Kurs in der zweiten Woche. Die Form passt. Mit Remco und mir schaut es Richtung Podium gut aus.“
Pogačar am Hinterrad von Anquetil, Hinault, Indurain und Merckx
Auch Max Kanter stellte seine starke Form abermals unter Beweis. Der Cottbuser fuhr im Zwischensprint auf Platz zwei und untermauerte seinen fünften Rang im Rennen um das Grüne Trikot.
Knapp 113 Kilometer vor dem Ziel setzten sich 31 Fahrer ab, darunter auch der Augsburger Georg Zimmermann und acht Franzosen, die dem ersten Heimerfolg am Nationalfeiertag seit 2017 nachjagten.
Die Gruppe zerfiel aber schnell – und von hinten rauschte der „UAE-Zug“ mit der Lokomotive Nils Politt heran. 38 Kilometer vor dem Ziel war der letzte Ausreißer gestellt, ehe sich Olympiasieger Richard Carapaz alleine aufmachte. Der Ecuadorianer erarbeitete sich einen Vorsprung von einer Minute, der sich nach Pogačars Attacke allerdings schnell auflöste.
Vingegaards Rücktrittsgedanken
Vor zwei Jahren war Pogačar auf dem Weg nach Le Lioran nach einer zunächst erfolgreichen Attacke eingebrochen. Der bereits distanzierte Vingegaard schloss wieder auf, besiegte seinen entkräfteten Rivalen im Sprint und weinte anschließend Freudentränen. „Vor zwei Jahren hat mich Jonas geschlagen, da war ich leer im Sprint. Das habe ich mir gemerkt“, berichtete Pogačar.
Für Vingegaard dürfte es wohl auch in diesem Jahr nur um Platz zwei hinter dem Slowenen gehen, es wäre das vierte Mal nach 2021, 2024 und 2025. Vor der zehnten Etappe hatte der Giro-Champion über Rücktrittsgedanken berichtet.
„Ich habe letztes Jahr gesagt: Wenn es so weitergehen soll, dann kann ich das nicht mehr machen. Deshalb haben wir auch einige Dinge geändert. Ich glaube, auch das Team hat erkannt, wie die Lage war. Sie haben mir angemerkt, dass ich im letzten Jahr nicht glücklich war“, sagte der 29-Jährige. Sein Visma-Team habe akzeptiert, dass Dinge hätten geändert werden müssen. „Und genau das haben wir getan.“ Es sei nicht ideal, jedes Jahr das Gleiche zu machen.
Dagegen fährt der 27-Jährige Pogačar seinem fünften Tour-Triumph entgegen, mit dem er mit den Rekordhaltern Jacques Anquetil, Bernard Hinault, Miguel Indurain und dem ewigen Eddy Merckx gleichziehen würde.
