Wer Jonas Vingegaard in diesen Tagen bei der Tour de France beobachtet, wird daran erinnert, wie es früher einmal war. Vor und nach dem Rennen trägt der Däne eine FFP2-Maske, um sich vor virulenten Viren zu schützen, nachdem er sich bei seinen vergangenen beiden Grand-Tour-Siegen jeweils etwas eingefangen hatte. Das weckt Erinnerungen an eine Zeit, in der Tadej Pogačar und er sich noch ebenbürtig waren – in der mal der eine und mal der andere die Nase vorn hatte im Duell der beiden Ausnahme-Klassementfahrer des Radsports.
Es gibt verschiedene Wege, mit dem Trubel bei der Frankreich-Rundfahrt umzugehen. Man kann darin eintauchen. Oder sich davor verstecken. Pogačar klatschte in Barcelona die Zuschauer am Straßenrand ab. Vingegaard nahm kurz zuvor auf der Pressekonferenz ein Desinfektionsmittel aus seiner Trikottasche und säuberte seine Hände, nachdem er das Mikrofon abgelegt hatte. Der eine wirkt, als ob ihm nichts etwas anhaben könnte. Der andere will nichts an sich heranlassen, weil er in diesem Jahr noch mal eine Chance sieht, seinen Widersacher angreifen zu können.
Vingegaard hat stets wie jemand gewirkt, der zum Lachen in den Keller geht, war viel verbissener als Pogačar. Doch diesen Eindruck macht er in den ersten Tagen bei der Tour überhaupt nicht. Vielmehr wirkt der Däne so locker wie nie zuvor in seiner Karriere. Besser und stärker fühle er sich, auch „glücklicher im mentalen Bereich“, sagte er in Barcelona. Fragt man am Teambus von Visma-Lease a Bike, was ausschlaggebend dafür ist, bekommt man keine eindeutige Antwort, weil von allem ein bisschen eine Rolle spielt: das neu gestaltete Rennprogramm, der Sieg beim Giro d’Italia und die veränderte Herangehensweise.
„Das ist ein guter Ausgangspunkt für uns“
Im vergangenen Jahr hatte Vingegaard mehr Muskelmasse aufgebaut und versucht, die Lücke zu Pogačar bei den kürzeren und steileren Anstiegen zu schließen, um dort keine Zeit zu verlieren – auch im Kampf um die Bonussekunden, die es für den Sieg auf solchen Etappen im Ziel gibt. Visma versuchte zudem, den Kapitän von UAE früh unter Druck zu setzen. Immer wieder attackierte die Mannschaft mit Matteo Jorgenson und Vingegaard. Doch die Taktik ging nicht auf. An Pogačar kam Vingegaard an den kurzen Anstiegen nicht vorbei. Bei den längeren Bergen büßte er ebenfalls Zeit ein. Und die Angriffe von Jorgenson nahm UAE gar nicht richtig ernst. Sie hatten beim niederländischen Rennstall vieles versucht, um Pogačar dort näher zu kommen, wo er mit seinem Punch am stärksten ist. Nichts klappte.

Es hat sich viel verändert, seit Vingegaard die Tour zweimal nacheinander gewonnen hat. 2022 brach er Pogačar mit der Stärke seines Teams, das den Slowenen am Col du Galibier erst isolierte, dann wechselseitig attackierte und schließlich zermürbte. 2023 erlebte Pogačar nach einer komplizierteren Vorbereitung im Frühjahr wegen eines Sturzes auf der Bergetappe zum Col de la Loze einen Einbruch. Heute kann Vingegaard auf keinen Ko-Kapitän zählen. Und ein Kollaps von Pogačar scheint so unwahrscheinlich wie ein Erfolg der Ausreißer auf einer flachen Sprintetappe.
Trotzdem setzt Vingegaard nun wieder vor allem auf das, was ihm einst seine Siege eingebracht hatte: die langen Berge. Er musste diese Wette eingehen. Der Strategiewechsel war nach dem vergangenen Jahr alternativlos. Und an diesem Donnerstag dürfte Vingegaard auf der ersten richtig schweren Bergetappe ein gutes Gefühl dafür bekommen, ob sein Plan funktionieren kann oder nicht.
Es scheint jedenfalls so gut wie sicher, dass Pogačar und sein Team auf dieser Etappe probieren werden, die Konkurrenz zu testen und im besten Fall auch abzuhängen. Das sechste Teilstück ist nicht optimal, aber günstig für einen Angriff: Der Col d’Aspin, der nach der ersten Rennhälfte auf dem Programm steht, ist mit seinen zwölf Kilometer Länge bei 6,5 Prozent Steigung im Schnitt wie gemacht dafür, das Tempo zu erhöhen und das Peloton müde zu fahren. Danach geht es mit dem Col du Tourmalet über einen Berg der höchsten Kategorie, ehe nach einer Abfahrt eine Bergankunft in Gavarnie-Gèdre ansteht. Das einzige Manko für Pogačar, der versuchen könnte, sich am Tourmalet abzusetzen: Der Schlussanstieg ist bei 18,7 Kilometer Länge nur 3,7 Prozent steil.
Viel wird davon abhängen, wo Pogačar attackiert und ob Vingegaard ihm dort dann folgen kann. Gelingt ihm das, könnte seine Wette aufgehen. Muss er abreißen lassen, ist die Tour sicherlich noch nicht verloren, der ganz große Triumph würde aber wesentlich unwahrscheinlicher.
„Das ist ein guter Ausgangspunkt für uns“, sagte Vingegaard jüngst einem dänischen Fernsehsender: „Wir hatten vielleicht damit gerechnet, zu diesem Zeitpunkt etwas im Rückstand zu sein.“ Bisher läuft alles nach Plan. Nein, offenbar sogar besser. Die Tour de France ist immer auch ein Pokerspiel, in dem es darum geht, sich selbst starkzureden. Doch das funktioniert nur bis zu einem gewissen Zeitpunkt. Dann muss jeder seine Maske fallen lassen.
