Der Deutsche Max Kanter war bei seinem ersten Sprint um einen Etappensieg bei der Tour de France ganz nah dran an einem Überraschungserfolg. In einem hektischen Finale nach 158,3 Kilometern zwischen Lannemezan und Pau war am Ende nur der Niederländer Olav Kooij schneller als der Tour-Debütant aus Brandenburg.
„Es war ziemlich nervös im Feld. Jeder wollte vorne fahren, weil es halt einige Kreisverkehre, einige Inseln im Finale gab. Da ist es immer vorprogrammiert, dass Stürze entstehen, und dadurch ist es extrem stressig gewesen, und jeder wollte in der richtigen Position sein“, sagte der 28-Jährige der ARD.
Nach einem Sturz knapp fünf Kilometer vor dem Ziel war das Feld auseinandergerissen. Am Ende fuhr nur eine kleinere Gruppe zusammen auf die Zielgerade zu. Der Belgier Tim Merlier wurde Dritter. Die Deutschen Pascal Ackermann (12.) und Phil Bauhaus (18.) kamen nicht in die Top Ten.
In der Gesamtwertung gab es am Tag vor der nächsten schweren Bergetappe in den Pyrenäen trotz des Sturzes keine großen Veränderungen an der Spitze. Der Norweger Torstein Træen, der sich das Gelbe Trikot in Foix am Dienstag als Teil einer Fluchtgruppe gesichert hatte, kam mit dem Hauptfeld ins Ziel und verteidigte seine Führung. Die Top-Favoriten Tadej Pogacar und Jonas Vingegaard liegen mit 7:53 Minuten dahinter auf Rang vier und fünf. Der deutsche Jungstar Florian Lipowitz bleibt Elfter mit 8:46 Minuten hinter Træen.
Traditionsreicher Etappen-Zielort
Nach vier schweren Tagen zum Start war es das erste Teilstück, das auf die Sprinter ausgerichtet war, die sich ungewöhnlich lange gedulden mussten. Solche Etappen sind in den vergangenen Jahren von den Planern seltener als früher ins Programm genommen worden, auch weil der Ablauf in der Regel erst am Ende Spannung verspricht.
Es gab keine größeren Anstiege, nur eine kurze Bergwertung der dritten Kategorie stand auf dem Programm. Pau ist ein traditionsreicher Etappenort der Tour, oft mit einer Chance für die schnellen Männer. Die Deutschen Marcel Kittel, Erik Zabel und Dietrich Thurau haben in der Stadt im Vorland der Pyrenäen schon gewonnen.
Ausreißversuche scheitern
Nach der extremen Hitze am Vortag war es etwas kühler, aber immer noch deutlich über 30 Grad Celsius und schwül. Der Franzose Baptiste Veistroffer hatte vor dem Start eine Attacke angekündigt und setzte seinen Vorsatz direkt nach dem Start um. Auf dem Weg durch die Sonnenblumenfelder der Region fuhr er schnell einen Vorsprung um drei Minuten auf das Hauptfeld heraus, das ihn erst einmal gewähren ließ.
Die Mannschaft des Gesamtführenden Træen leistete zunächst die Führungsarbeit, ehe die Teams von Jasper Philipsen und später Merlier übernahmen und den Abstand kontrollierten. 14 Kilometer vor dem Ziel war die Flucht von Veistroffer beendet. Zuvor hatten nach der Bergwertung noch drei Fahrer versucht, sich aus dem Feld abzusetzen.
„Ich versuche, mir selber ein gutes Geschenk zu machen“, sagte Bauhaus, der am Mittwoch 32 Jahre alt wurde, vor dem Start über die Ankunft am Place de Verdun. Ackermann beschrieb das Sprinter-Gefühl: „Heute geht das Kribbeln im Bauch los, heute kommt das Tour-de-France-Feeling auf. Heute hat man das erste Mal die Etappe angeschaut, was überhaupt kommt.“ Kanter belegte beim Zwischensprint knapp vierzig Kilometer vor dem Ziel den zweiten Platz.
Die Sprinter haben am Freitag in Bordeaux abermals eine Chance. Dazwischen sind aber wieder die Favoriten und Bergfahrer gefragt. Auf der schwierigsten Etappe der Pyrenäen zwischen Pau und Gavarnie-Gèdre stehen an diesem Donnerstag 4100 Höhenmeter auf dem Programm, darunter der legendäre Col du Tourmalet als Bergwertung der höchsten Kategorie. Der Schlussanstieg nach Gavarnie-Gèdre ist mehr als 18 Kilometer lang, aber im Durchschnitt nicht extrem steil.
