Tour de France, 15. Etappe. Eine Ortsdurchfahrt wie viele andere. Das Team Visma-Lease-a-Bike fährt an der Spitze des Feldes auf einen Kreisverkehr zu. Fünf Fahrer Rad an Rad. Ein Schnellzug. Der Belgier Victor Campenaerts führt die Gruppe an. Er ist die Lokomotive. Kapitän Jonas Vingegaard liegt an fünfter Position.
Auf eine solche Ordnung verlassen sich Fahrer im Rennen. Einer liest die Straße, die anderen folgen ihm. Campenaerts gibt die Linie vor. So ist es auch in einer Abfahrt, wenn der erste Fahrer den Weg durch die Kurven zeichnet. Die Fahrer dahinter orientieren sich an seinem Hinterrad. Sie vertrauen ihm.
Der Visma-Zug fährt schnell in den Kreisverkehr. Campenaerts nimmt links den weiteren Weg um den Fahrbahnteiler in der Mitte der Kurve. Auf dem Teiler steht ein rot-weißer Aufprallschutz. Campenaerts saust durch die Rechtskurve. Die nächsten drei Kollegen folgen ihm. Doch dem fünften Fahrer rutscht das Vorderrad weg. Er prallt gegen den Bordstein und reißt drei weitere Fahrer mit sich. Es ist Jonas Vingegaard, der ewige Rivale von Tadej Pogačar, dem Patron des Pelotons.
Ein Schlüsselbeinbruch beendet alle Angriffspläne
Vingegaard liegt zu dem Zeitpunkt auf Platz zwei der Gesamtwertung hinter dem Slowenen. An diesem Tag hat er Großes vor: eine Attacke, ein Angriff mit voller Mannschaftsstärke und einem detaillierten Schlachtplan. Vingegaard will sich nicht damit abfinden, dass Pogačar ihm von Etappe zu Etappe weiter davongefahren, der Rückstand immer größer geworden ist. Es reicht nicht mehr, auf einen schwachen Moment des Konkurrenten zu warten.
Vingegaards Mannschaft verteilt ihre Kräfte in dieser Etappe. Vorne sind zwei Fahrer in der Fluchtgruppe. Im Feld der Favoriten begleiten den Kapitän vier Helfer als Tempomacher. Alles ist vorbereitet für einen Angriff, der Pogačar unter Druck setzen soll. Visma fährt am Limit. In Amancy, 20 Kilometer vor dem Ziel, beginnt das Finale. Ein letzter schwerer Anstieg liegt noch vor den Fahrern. Für Vingegaard endet das Finale in der Kurve auf dem Weg zum Anstieg.
Er sitzt am Straßenrand und hält den rechten Arm dicht am Körper. Helfer knien neben ihm. Wenig später fixieren sie den Arm in einer Schlinge. Vingegaard geht sichtlich erschüttert zum Krankenwagen. Am Abend folgt die Diagnose: Schlüsselbeinbruch, Schürfwunden. Die Fraktur ist so schwer, dass sie operiert werden muss. Der Traum ist aus. Der Angriff abgeblasen. Die Etappe endet mit dem Sieg von Remco Evenepoel. Er setzt sich im Sprint gegen Pogačar durch und ist nach Vingegaards Ausscheiden nun Zweiter der Gesamtwertung, genau fünf Minuten hinter Pogačar.

Danach beginnt die Suche nach einer Erklärung für den Unfall. Das Team Visma verweist auf ein Begleitmotorrad, das vor der Gruppe gebremst haben soll. Dadurch sei Unruhe in den Zug gekommen. Vingegaard selbst klingt später nüchterner. Die Mannschaft sei etwas zu schnell in den Kreisverkehr gefahren. Ein Rennunfall.
War ausreichend zu erkennen, wie eng die Kurve ist?
Die wichtigere Frage betrifft die Stelle selbst. War ausreichend zu erkennen, wie eng die Kurve hinter dem Kreisverkehr ist? War die Gefahr früh genug markiert? Die Organisatoren einer Tour-Etappe besichtigen die Straßen, verteilen Warnschilder und stellen Helfer an gefährliche Verkehrsinseln. Das ist ihr Job. Von ihnen wird erwartet, dass sie jede Gefahrenstelle kennen und jeden Randstein sichtbar machen.
Doch die Tour de France führt über 3320 Kilometer. Sie führt durch Städte und Dörfer, über Nationalstraßen und Bergwege, durch Kreisverkehre, Unterführungen und Kurven, deren Radius sich erst beim Einlenken zeigt. Eine solche Rennstrecke auf öffentlichen Straßen ist kompliziert. Man kann sie nicht vollständig polstern. Es gibt viele gefährliche Stellen, bei denen man die Luft anhält, wenn die Profis mit Tempo 50 auf sie zufahren.
Zu schnell! Und ein nicht ausreichend gesicherter „krimineller Kreisverkehr“, wie die spanische Zeitung „El País“ schreibt – das waren die ersten Erklärungsversuche. Pogačar brachte noch einen anderen Punkt ins Spiel. In der Nacht vor der Etappe hatten Dopingkontrolleure um zwei Uhr an Vingegaards Hotelzimmertür geklopft. Der Däne hatte geschlafen. Rund vierzig Minuten vergingen, bis er wieder in seinem Zimmer war.
Eine Kontrolle in der Nacht setzt hinreichende Gründe voraus
Pogačar wurde gegen fünf Uhr morgens kontrolliert. Vielleicht, sagte er, habe auch die Kontrolle dazu beigetragen, dass Vingegaard, dem sie den Schlaf nahm, in der Kurve nicht die nötige Konzentration hatte. Befeuert wurde die folgende Diskussion dadurch, dass das Reglement des Radsportweltverbandes UCI unter dem Titel „UCI Regulations for Testing and Investigations“ festlegt, dass Dopingkontrollen grundsätzlich nur zwischen sechs und 23 Uhr stattfinden. Eine Kontrolle in der Nacht ist nicht verboten. Sie setzt aber „valid grounds“ voraus, also besondere, sachlich tragfähige Gründe. Man könnte auch sagen: einen begründeten Verdacht.
Das wiederum wirft eine Frage auf: Gibt es einen solchen Verdacht? Oder reicht es als Verdacht, dass Pogačar und Vingegaard die Tour-Gesamtwertung anführten? Die Kontrolle fiel in die Nacht zwischen zwei harten Bergetappen und nach einem stundenlangen Bustransfer von Le Markstein zum nächsten Etappenstart in Champagnole. Vingegaard selbst wollte die nächtliche Störung nicht zur Ursache erklären. Die Kontrolle habe gewiss nichts Gutes bewirkt, sagte er. Ob sie den Sturz beeinflusst habe, könne er nicht beurteilen.
Das Team Visma steht nun ohne Kapitän da. „Die Tour wird ohne Jonas nicht dieselbe sein“, sagt Pogačar. Dass er seinem fünften Sieg in Frankreich entgegenfährt, wenn er alle Kurven sauber erwischt und nicht krank wird, ist so gut wie sicher. Hinter ihm geht es aber nicht mehr nur um Platz drei, sondern auch um Platz zwei. Den übernahm nach Vingegaards Ausscheiden Evenepoel. Der Belgier überraschte am schweren Schlussanstieg mit einer von ihm noch nie gesehenen starken Vorstellung am Berg.
Damit gewann er nicht nur seine erste Bergetappe bei der Tour. Er hängte auch seinen Kollegen vom Team Red-Bull-Bora-Hansgrohe, Florian Lipowitz, ab, der auf Platz fünf ins Ziel kam, mit 58 Sekunden Rückstand auf den Belgier. Evenepoel darf sich nun als Chef fühlen. Die Doppelspitze mit Lipowitz hat sich fürs Erste erledigt. In der Gesamtabrechnung liegt Evenepoel 1:48 Minuten vor seinem Kollegen. Diesen Vorsprung dürfte er im Zeitfahren an diesem Dienstag weiter ausbauen.
