Für Oktoberfest-Fahrgeschäfte gibt es gute und weniger gute Plätze auf der Münchner Theresienwiese. Peter Bauschs „Top Spin“, eine XXL-Hollywood-Überschlagschaukel mit doppelter Rotation, ausgelegt für 40 Personen, hatte in diesem Jahr Glück bei der Vergabe durch die Stadtverwaltung: Er steht ziemlich zentral an einer Kreuzung auf der Schaustellerstraße, hier fließen die Besucherströme aus allen Richtungen zusammen.
Der Top Spin ist nicht der Topstar unter den Fahrgeschäften. Das ist und bleibt das weithin sichtbare Riesenrad. Es gibt sicher auch noch krassere Attraktionen. Aber die kann man guten Gewissens nur fahren, bevor man im Zelt war, den Top Spin – womöglich – auch noch danach. Bausch nennt ihn ein „sehr verträgliches Fahrgeschäft“, was von außen allerdings nicht immer so aussieht.
Die Eltern haben den Top Spin für mehr als zwei Millionen Mark gekauft
Bauschs Eltern haben den Top Spin 1990 für mehr als zwei Millionen Mark gekauft, von einem in Bremen ansässigen Hersteller. Seither hat er es auf jede Wiesn geschafft, immer mit neuer Bewerbung, mit neuer Begutachtung durch den TÜV. Von ursprünglich zehn seiner Art ist in Deutschland nur noch Bauschs Top Spin im Einsatz. Auch deswegen ist er zu einem Kultfahrgeschäft geworden.
Der Fahrpreis von sieben Euro ist so moderat, wie es sich für ein Volksfest gehört. Aber man muss nicht einmal fahren, um Spaß daran zu haben. Das gilt vor allem nachts, wenn der Top Spin mit seinen Scheinwerfern und dem bunten Lauflicht einen Hauch von Las Vegas verströmt. Aber auch tagsüber hat er seine Qualitäten. Die Gondel ist von außen gut einsehbar, sodass Zuschauer ihre Schadenfreude befriedigen können, etwa wenn Bausch den Springbrunnen betätigt, um die Fahrgäste nass zu spritzen.
Das beste Marketing ist nicht Cathy Hummels, sondern ein einfacher Strich
Vor zwei Jahren war die Influencerin Cathy Hummels hier, mit den Teilnehmern ihres Promi-„Wiesn-Bummels“. Bauschs Neffe Louis, eine Art Wiesn-Influencer, schaffte es, die komplette wilde Fahrt lang – etwa drei Minuten – sein Mobiltelefon im Anschlag zu halten, um danach Beweisbilder zu posten.
Peter Bausch, Jahrgang 1982, macht auch Social Media, aber es ist nicht gerade seine Passion. Er zeigt auf einen Strich an seinem Kassenhäuschen, auf 1,40 Metern Höhe. „Das ist nach wie vor unser Marketinginstrument Nummer 1.“ So groß muss man sein, wenn man mitfahren will. Oft kämen Kinder mit ihren Eltern, stellten sich an den Strich und sagten: „Nächstes Jahr ist es so weit!“
Am Tag werden bis zu 1000 Leute durch die Luft gewirbelt
An diesem Tag, um kurz nach zwölf Uhr, hat Bausch den Top Spin gerade erst aufgemacht – bleiben wird er bis 23.30 Uhr. Die milde Septembersonne strahlt über der Theresienwiese. Gut fürs Geschäft. Denn: „Wenn es regnet, regnet es auch sofort in die Kasse.“ An Tagen wie diesem kann der Top Spin insgesamt 1000 Leute durch die Luft wirbeln. Da bleibt einiges an Geld hängen, auch wenn man die Freifahrtscheine und ermäßigten Tickets einrechnet, die Bausch großzügig vergibt, etwa an die Kinder befreundeter Schausteller. Aber er hat eben auch allerlei Kosten: Die Platzgebühr für die gut zwei Wochen Wiesn liegt bei etwa 15.000 Euro, hinzu kommen die Kosten für Energie, Wartung und Instandhaltung sowie das Gehalt seiner Hand voll Mitarbeiter, unter ihnen Festangestellte wie Saisonkräfte.
Sie sorgen zum Beispiel dafür, dass die Fahrgäste möglichst reibungslos in die Gondel kommen. Trivial ist das nicht: Die eine will unbedingt neben ihrer Freundin sitzen, der andere lieber am Rand, ein dritter traut sich dann doch nicht. Am besten ist es natürlich, wenn alle 40 Plätze belegt sind. Manchmal fährt Bausch aber auch mit nur zehn Leuten, damit die, die schon ihr Ticket haben, nicht lange warten müssen. Bei Bausch wie auf dem ganzen Oktoberfest gilt: Stillstand ist Gift, alles muss fließen.
Bausch ist Schausteller in der vierten Generation
Bausch ist Schausteller in der vierten Generation, 1909 war seine Familie zum ersten Mal auf der Wiesn. Sein aus Baden stammender Urgroßvater, ursprünglich Bäcker, hat mit einem Kinderkarussell angefangen und später dann den „Toboggan“ (Laufband nach oben, Rutsche nach unten) aufs Oktoberfest gebracht: selbst erfunden, mit einem Zimmerer gebaut. Die Familie seiner Mutter hatte jahrzehntelang einen Autoscooter und die Münchner Zugspitzbahn. Dass wir überhaupt auf Bausch und seinen Top Spin stießen, liegt wiederum an einem Großcousin von ihm, mit dem wir auf dem Volksfest Gillamoos am Rande einer politischen Veranstaltung ins Gespräch kamen: Er hat dort Magenbrot und gebrannte Mandeln verkauft.

Bausch wurde einst ins kalte Wasser geworfen. Als die Familie gerade auf einem Volksfest in Bad Kreuznach war, wurde sein Vater schwer krank. Der Sohn, 16 Jahre alt, musste für ihn einspringen. Kollegen von anderen Fahrgeschäften, eigentlich ja Konkurrenten, hätten ihm seinerzeit sehr geholfen, sagt Bausch. Aber auch ohne den Notfall wäre für ihn ein anderer Beruf nicht infrage gekommen. „Es war immer klar: Das hier will ich machen.“
Auch Bauschs Bruder ist auf der Wiesn
Unter der Woche war Bausch früher im Internat in München, auf einer Wirtschaftsschule, zusammen mit anderen Schaustellerkindern. Am Wochenende wurde er abgeholt und dorthin gebracht, wo die Eltern gerade mit dem Top Spin waren. War das nicht traurig, als Kind, das ständige Hin und Her? Bausch antwortet mit den Worten seines Vaters: „Das Schönste an unserem Beruf ist, dass wir wieder weiterfahren dürfen – sprich: die Abwechslung.“ Wobei es selbst auf dem größten Volksfest der Welt ziemlich vertraut zugeht. Ständig kommen Leute zum Top Spin, um Hallo zu sagen. Gegenüber ist ein Spirituosen-Stand, Name: „Bausch Wiesn-Stamperl“. Frage an Bausch: Hat der auch was mit Ihnen zu tun? „Das ist mein Bruder.“
Es gibt nur wenig an seinem Beruf, was ihm nicht gefällt. Die Bürokratie etwa, die nötig ist, damit er seinen 160-Tonnen-Koloss als Schwertransport von A nach B bringen kann. Hinzu komme, dass die öffentlichen Straßen in Deutschland immer schlechter würden. „Es kann dir heute passieren, dass du 150 oder 200 Kilometer Umweg fahren musst, weil da eine Brücke ist, die du nicht befahren darfst.“
Während des Oktoberfests übernachtet Bausch auf der Theresienwiese
Bausch, Vater einer bald fünf Jahre alten Tochter, ist vor allem in Bayern, Baden-Württemberg und Hessen unterwegs, von Mitte März bis Anfang November. Den Rest des Jahres verbringt er in München. Dort hat er einen festen Wohnsitz, ein paar Straßen von der Theresienwiese entfernt. Das ist von Vorteil, denn Münchner Betriebe werden bei der Vergabe der Stand-Plätze bevorzugt. Während des Fests übernachtet er trotzdem in seinem Wohnwagen auf der Theresienwiese, zusammen mit seiner Tochter und seiner Frau, die, wie Bausch sagt, „aus dem ganz normalen Leben“ stammt – also nicht aus einer Schaustellerfamilie.
Ob er den Begriff „fahrendes Volk“ für sich und seinesgleichen okay findet? „Wir sind schon ein eigenes Völkchen, und viel fahren tun wir auch – warum also nicht?“ Er werde jedenfalls nicht bei der Gleichstellungsstelle anrufen und sich beschweren. Sieht er sich als Teil des Showgeschäfts? „Das englische Wort für Schausteller ist Showman – nicht ohne Grund.“
Corona war „zu hundert Prozent existenzbedrohend“
Man hat den Eindruck, dass die Show wieder ziemlich gut läuft, anders als vor fünf Jahren, in der Pandemie. Das sei „zu 100 Prozent existenzbedrohend“ gewesen, sagt Bausch. Zwei Mal, 2020 und 2021, ist das Oktoberfest ausgefallen, für den Weihnachtsmarkt am Marienplatz, auf dem er einen Glühweinstand betreibt, war alles fertig vorbereitet, die ganze Ware eingekauft – dann kam kurz vorher die Absage.

Die Corona-Hilfen hätten ein bisschen geholfen, auch die dezentralen Alternativkonzepte. Beim „Sommer in der Stadt“ in München hatte er einen Bierausschank auf dem Münchner Königsplatz. Und wo blieb seinerzeit der Top Spin? Den könne man nicht einfach irgendwo spontan aufbauen, schon wegen des enormen Energiebedarfs, für den es einen Starkstromanschluss braucht.
„Wir legen los hier, hallo Freunde!“
Bausch selbst sitzt jetzt an der Steuerung des Top Spin. Das Fahrgeschäft kann auf Autopilot laufen, aber per Hand gibt es mehr Möglichkeiten, auf das wechselnde Gewicht in der Gondel zu reagieren. Er übernimmt auch die Ansagen. „Schau nicht so traurig, du hast dafür bezahlt.“ – „Jetzt aber, jetzt aber, jetzt aber, wir legen los hier, hallo Freunde!“ – „Frisur im Eimer, Mission erfüllt.“ Dass Bausch nicht nur im Sitzen arbeitet, zeigen seine kräftigen Hände. Er selbst macht mit beim Auf- und Abbau, zwei Tage dauert es, bis der Top Spin steht.
Bausch – Arbeitskleidung Jeans und Trachtenjanker – ist nebenbei Vorsitzender des Münchner Schaustellervereins und damit auch für Fragen zuständig, die über sein eigenes Fahrgeschäft hinausreichen. In Sichtweite des Top Spin steht das Teufelsrad, ebenfalls eine Kultattraktion. Die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt hatte darauf hingewirkt, dass jahrzehntealte Pappmaché-Figuren am Eingang des Fahrgeschäfts Schuhe und Radlerhosen angemalt bekamen. Rassismus- und Sexismusvorwürfe standen im Raum. Einer der Hintergründe: Frauen, die sich nicht auf dem Teufelsrad halten konnten, wurde immer wieder unters Dirndl gefilmt, die Videos ins Netz gestellt. Da sollten die Pappmaché-Figuren keine falschen Signale aussenden.
„Wo fängt es an, wo hört es auf?“
Bausch sagt: „Upskirting-Videos sind abscheulich. Es muss schon möglich sein, aufs Teufelsrad zu gehen und nicht am nächsten Tag seinen Hintern im Internet zu sehen.“ Er glaube aber nicht, dass sich irgendein Mensch an den Figuren gestört habe. „Ich glaube eher, es gehört so ein bisschen zum Auftrag dieser Stelle, das Haar in der Suppe zu suchen und so den eigenen Job zu rechtfertigen.“ Die Frage sei halt: „Wo fängt es an, wo hört es auf?“
Die Frage stellt sich auch bei unserem Termin: Wo hört es auf? Gehört der Selbstversuch im Top Spin zu einer seriösen Recherche? Oder ist es nicht gerade gut, sich den kritischen Blick von außen zu bewahren, sich also nicht gemein zu machen mit einer Sache, und sei es einer guten? Andererseits: Wenn selbst Ministerpräsident Markus Söder die Olympia-Achterbahn mit fünf Loopings geschafft hat, kann man dann kneifen?
Die Erkenntnis wenig später: Man fühlt sich sicher im Top Spin, auch in 18 Metern Höhe noch, bei zusammengekniffenen Augen. Das hat auch damit zu tun, dass die Passagiere mit Bügeln fest in die Sitze gedrückt werden. Gerade Männern sei daher empfohlen, sich vor der Fahrt so zu sortieren, dass alles am rechten Ort ist, nichts abgedrückt wird. Dann hat man aufregende drei Minuten vor sich: vielleicht nicht so aufregend, dass man vor anderen damit prahlen kann, aber allemal aufregend genug, dass einem zu Recht als Feigheit ausgelegt würde, wenn man nicht gefahren wäre.
