Im Juni 1939 befindet sich Thomas Mann an Bord der Île de France. Von seiner Reise auf dem äußerst prächtigen Art-déco-Dampfer existiert eine Fotografie, auf der der Nobelpreisträger sehr korrekt gekleidet an einem kleinen weißen Korbtisch sitzt und Zeitung liest. Dem Betrachter begegnet er mit sinnendem Blick. Bertolt Brecht spöttelte über diesen Tiefsinn: Zufällig träfe er Thomas Mann manchmal – „und dann schauen 3000 Jahre auf mich herab“.
Der Nobelpreisträger schmökerte damals, am 12. Juni 1939, allerdings nicht in der NZZ oder in der „New York Times“, wie man es von einem Schriftsteller, in dessen Blick 3000 Jahre Kulturgeschichte liegen, erwarten dürfte. Sondern in einer Illustrierten. Mittig auf dem Tisch liegt die „Kennel Gazette“, ein Hundemagazin, das bis heute existiert. In einsehbaren Ausgaben von Anfang 1939 wird über Hunderassen aus aller Welt, „dog show dates“ und frisch gekürte Hundechampions informiert. Andere Schlagzeilen versprechen Aufschluss in Fragen der richtigen Erziehung von Welpen oder tauben Hunden („Do not destroy a dog because he is deaf“) und geben Ratschläge für die eigene Zucht („You, too, can sell dogs!“).
Thomas Mann, bekanntermaßen Hundeliebhaber, las derlei Darlegungen offenbar gern. Eine Ausnahme? Ein nicht repräsentativer Einzelfall? Oder verschlug es den seit Döblin als Bügelfaltenspießer und Ordnungspuristen verschrienen Dichter bisweilen ins Populäre?
Von Movie-Star-Hochzeit bis Mörderprozess
Tatsächlich verschlug es ihn gelegentlich dorthin. „In Trinidad schwimmen Krokodile in den Straßen. Ein 92 jähriger Mann bekommt einen Sohn von seiner 23 jährigen Frau. Mußte lachen über all den Unsinn“, heißt es am 1. März 1947 im Tagebuch. „In Berkeley bekommt ein 87 jähriger Geologe einen Sohn“, wusste Thomas Mann an anderer Stelle zu berichten. Offenbar setzte sich der Exilant, den der groteske Körper immer schon interessiert hatte, bis zu einem gewissen Grad mit Boulevardstoffen und gesellschaftlichen Skandalgeschichten auseinander, wie sie in Illustrierten, im Radio, teils auch mündlich zirkulierten.

Das geschah oft genug kopfschüttelnd, mit bedauernder Abgrenzung gegenüber der Masse. Todesfälle bei einem „parade- und festzugartige[n] Volksvergnügen“ in der Stadt Pasadena verleiten Thomas Mann zu dem Ausruf: „Ach, dumme, getriebene Massenmenschheit!“, und die Heirat zweier berühmter Schauspieler, Tyrone Power und Linda Christian, wird mit Abscheu observiert: „In Rom grauenhafte Movie-Star-Hochzeit mit johlender, bösartig-verliebter Menge. Nichts kann charakteristischer sein für das Massen-Zeitalter. Nach der stürmischen Trauung Audienz des Paares beim Papst.“

Gleichzeitig verfolgte Thomas Mann allerlei Mörderprozesse. Er kommentierte zum Beispiel das Verfahren gegen Fred Stroble, einen Bäcker, der eine Sechsjährige ermordet hatte, und schnitt sich das Bild eines schönen Totschlägers aus, der ihn an Gregorius gemahnte. Auch bizarre Begebenheiten weckten sein Interesse, bisweilen solche religiöser Art: 1949 notierte er, in Syrakus vergieße eine Statuette der heiligen Anna bei den Küssen eines elfjährigen Mädchens Tränen und ziehe dadurch zahlreiche Schaulustige an. Gegenüber klassischen Gattungen – politischen Nachrichten, Rezensionen und Ähnlichem – blieb der Anteil solcher Notate freilich marginal.
Krimis, Romanzen, Trickfilme
Ein anderer Bereich der Populärkultur hingegen blieb es keineswegs: das Kino. Peter Zander hat profunde Analysen dazu vorgelegt. Wer meint, Thomas Mann hätte besonders elaborierte Filme geschaut, täuscht sich. Nur selten habe der Dichter sich künstlerisch wertvolle Filme angesehen, Werke, die Geschichte schrieben und über die man in gebildeten Kreisen sprach. Wenn doch, so habe er deren cineastischen Wert kaum erkannt, so Zander.
In den Tagebüchern kann man diesen Hang zu seichter Kinokost eins zu eins nachvollziehen. Während Äußerungen über Filme in frühen Jahren spöttisch ausfielen, suchte der Dichter im Schweizer Exil und mehr noch in Kalifornien regelmäßig Kinos auf und kommentierte das Geschaute mit erstaunlichem Wohlwollen. Gewiss, hin und wieder kommt ihm ein „enorm dummer und unverständlicher Film“ unter, langweilig oder von „lächerlicher Plumpheit“. Doch weit öfter sind die Darbietungen „recht hübsch“, „anziehend“, „drollig“: „Es gab zu lachen.“

Eine Vorliebe scheint der Exilautor dabei für Komödien und harmlose Romanzen gehabt zu haben. Mal ist es ein „Eheirrungsfilm“, mal ein „recht alberner amerik. College-Film“, mal ein „aufregender und erstaunlich inszenierter Liebes-, Sanges- und Katastrophenfilm“. Kriminal- und Detektivfilme sah der Dichter gleichfalls gern: „Das Geheimnis der Mumie“, „Killer“ oder „Arsen und Spitzenhäubchen“. Und allerlei Kuriosa, vom chinesischen Missionsfilm über einen Bali-Film „mit Jünglingen in ritueller Trance“ bis hin zum Eskimofilm, der „starken Eindruck“ macht. „Großartige Aufnahmen von Jagden auf Robben und Renntiere, toller Kampf mit einem Wolf.“
![Ein „recht albene[r] Film“: Früchtchen](https://media0.faz.net/image/w1860/45bd4ce98c10/w6340h8232x0y0/202609/43601.0.2526017342/ein-recht-albene-r-film.webp)
Selbst an Actionfilmen konnte der Nobelpreisträger Gefallen finden. „Fliegerfilm, Amerc. Air force, Flying fortresses. Gute Piloten-Typen“, heißt es am 20. Juni 1941 im Tagebuch. Und dann wären da noch Trickfilme. „Sehr drolliger Micky-Mouse-Film“, lobt Thomas Mann im April 1936. Insgesamt dreimal taucht die Disney-Maus im Tagebuch auf. In Princeton dann stößt der „reizende u. überaus kunstfertige neue Disney-Tric-Film ‚Pinocchio‘“ auf Anklang. Zwei Jahre später sieht Thomas Mann „das hübsche Tierspiel“ Bambi. Und schaut den „allerliebst[en]“ Film prompt ein zweites Mal.
Freizeitvergnügungen, einmal anders
Hundezeitschriften, Trickfilme, Krimis, dann und wann Boulevardstoffe – so weit, so gut. Gab es auch unmittelbare, aktive Begegnungen mit der Populärkultur? Dass Thomas Manns nicht erst seit Florian Illies ausgeschlachteter Alltag keineswegs immer geordnet war, zeigen Dokumente aus den frühen Münchner Jahren. Insbesondere in Briefen an Paul Ehrenberg werden Bauernbälle und Karnevalsvergnügungen, Feste und Caféabende erwähnt.
Festszenen durchziehen denn auch sein Frühwerk. In „Luischen“ wird eine Feier „dem neugebrauten Frühlingsbiere zu Ehren“ unternommen: Zum „unterhaltend[en]“ Programm zählen Tänze, pikante Lieder und ein Zauberkünstler. In anderen Erzählungen stehen Theaterfeste an, Karnevalsexzesse oder Bühnenspektakel. So in der Erzählung „Ein Glück“: 30 Varietésängerinnen produzieren sich in Gugelfings Bierhalle.
Doch auch selten gezeigte Fotografien aus späteren Jahren geben Einblick in Thomas Manns Berührungen mit der Populärkultur. Da wäre etwa jene sonderbare Fotografie, die unter der Signatur „TMA_0243“ im Archiv der ETH Zürich zu finden ist. Was sieht man? Golo, Katia, Erika und Thomas Mann posieren mit allerlei anderen Emigranten – dem Ehepaar Meier-Graefe, Anna Schickele sowie Ilse Dernburg – in einem hochdeckigen Reiseflugzeug mit der Aufschrift „Paris–Saigon“. Acht Personen passen unmöglich hintereinander in einen kleinen Flieger, es handelt sich um eine Kulisse. Offenbar ein Vergnügungsfoto, ein illusionistischer Spaß, bei dem die Abgebildeten den Eindruck erwecken, gemeinsam in exotische Gefilde zu fliegen.
„Half mir zeitweise mit Boccia-Spiel auf dem hübschen lawn“
Saigon lautete der frühere Name von Ho-Chi-Minh-Stadt in Vietnam. Bis 1954 war das Land Teil der französischen Kolonie Französisch-Indochina. Und so war es kein Zufall, dass eine junge Pionierin der Luftfahrt, die Französin Maryse Hilsz, am 12. November 1930 von Paris aus in die Metropole Saigon flog. Fotos der Agence Mondial belegen, dass Hilsz’ Erfolge medial einigermaßen sichtbar gewesen sein müssen. Paris–Saigon sollte in den Jahren darauf zum Gegenstand von Rekord- und Wettbewerbsflügen werden; unter anderem versuchte sich der Schriftsteller (und Pilot) Saint-Exupéry daran, den bestehenden Rekord zu überbieten.
Das Kulissenflugzeug auf dem Foto zeigt die von Hilsz verwendete Morane-Saulnier 60 Moth und bezieht sich damit geradewegs auf deren spektakuläre Reise. Gleichzeitig diente die Fotowand womöglich Werbezwecken, hatte Air Orient in Marseille doch 1931 die erste reguläre Fluglinie nach Saigon eröffnet. Der Nobelpreisträger posierte in privatem Kreis als wagemutiger Expeditionsreisender und affirmierte dergestalt populäre Exotik, sportliche Begeisterung und Reisevermarktung. Offenbar gehörte das zu jenen in Südfrankreich reichlich gebotenen „Zerstreuungen“, von denen Thomas Mann in einem Brief an Ida Herz im September 1933 spricht.
Von wie vielen dieser „Zerstreuungen“ haben wir keine Kenntnis, keine Bilder, keine Notate? Populärkultur verschwindet dort, wo man sie nicht für bewahrenswert hält. Ein Foto sechs Jahre später immerhin belegt, dass sich Thomas Mann gleichfalls nicht zu fein war, im Anzug Bocciakugeln zu schwingen. Bei einem Besuch des Malers Douglas Chandor in Weatherford rettet er sich vor dem Eifer einiger Damen: „Half mir zeitweise mit Boccia-Spiel auf dem hübschen lawn u. hatte zum Jubel des boyischen britischen Hausherrn einen ‚touch‘.“

Zwar blieb Populärkultur ein Randbereich in Thomas Manns Leben. Abwesend war sie keinesfalls. Wie lässt sich das erklären? Der Autor selbst bekennt gegenüber seinen wenig anspruchsvollen Kinobesuchen häufig: „Ein etwas beschämender Genuß“ oder: „Geringschätzung und heitere[r] Genuß“. In einer längeren Passage hebt er die atmosphärische Kraft, das Sinnliche, Lebendige des Kinos hervor.
Humor als Lebensform
Populärkultur als lebensvolle Sphäre also, als Bildreservoir und Medium der Zerstreuung? Das war sie gewiss für den Dichter, doch noch etwas anderes. Sie kam seinem Blick für das Komische entgegen, amüsierte und unterhielt ihn. Gewiss besaß sie auch eine kompensatorische Dimension, zumal in der Exilzeit. Die entlastende und befreiende Funktion des Lachens dichtete Thomas Mann seiner Figur Adrian Leverkühn an, der zuweilen buchstäblich Tränen lacht. Der Autor selbst konnte wie Adrian über „unscheinbarste Dinge“ und so auch über populärkulturelle Gehalte herzlich lachen. Denn Humor war für Thomas Mann zunehmend mit dem Begriff der Humanität verbunden. Gegen Ende seines Lebens betonte er gar, er schätze das „herzaufquellende Lachen“ mehr als das „erasmische“ durch die Ironie und wolle lieber als Humorist denn als Ironiker gesehen werden.
Humorvolle Anteilnahme war es, die ihn in die Kinos trieb, hinter Fotowände und manchmal gar vor die Illustrierte. Die ihn freundlich auf seinen Enkel Frido blicken ließ, als dieser im Cowboykostüm Spaziergänge mit ihm machte, „unersättlich“ über die Superman-Show redete und „Sehnsucht nach dem Trikot-Kostüm“ verlautbaren ließ. Humor schließlich ebnete den Zugang zu dem (unter Amerikanern höchst beliebten) Komiker Jack Benny. Klaus Pringsheim junior, der mehrere Monate lang in Pacific Palisades bei den Manns wohnte, zeigte sich überrascht über Thomas Manns „Lieblingsentertainer“: „Sorgsam wurde darauf geachtet, daß man am Sonntagabend ungestört der Benny-Show im Radio lauschen konnte. Für Thomas Mann gehörten Benny und Rochester zu den erheiterndsten Dingen der Welt. Nichts ging ihm über Bennys gespielte Knickrigkeit, Ignoranz und geistige Trägheit.“
Witz und Humor tarierten stets die bürgerliche „Verfassung“ aus. Sie strafen die ewige Mär vom steifen Bügelfaltendichter Lügen. Sogar zur Populärkultur entwickelte Thomas Mann ein Verhältnis, das er, im Sinne seiner charakteristischen Selbstreflexion, selbst auf die schönste Formel brachte: „Zweifelhaft. Aber die Unterhaltung war gut.“
