Herr Gutberlet, die von Ihrem Großvater gegründete Supermarktkette Tegut ist bald Geschichte. Sie haben sich vor eineinhalb Jahren verabschiedet. Wie geht es Ihnen heute, wenn Sie an einem Tegut-Supermarkt vorbeifahren?
Es bleibt immer ein bisschen ambivalent. Nicht nur wegen der langen Zeit, die ich im Unternehmen verbracht habe – immerhin waren es über 26 Jahre, also ein wesentlicher Teil meiner Biographie. Wenn man irgendwo arbeitet, verbindet man sich ja auch mit den Menschen und den Produkten. Bei einem Familienunternehmen ist es noch eine besondere Situation. Es lässt einen nie ganz los.
Kaufen Sie noch bei Tegut ein?
Ja, wenn ich in Fulda bin, gehe ich dort einkaufen, wo ich auch früher eingekauft habe.
Tegut gehört seit 2012 zur Regionalgenossenschaft Migros Zürich. Haben Sie sich im Guten getrennt?
Wir hatten keinen Streit. Für mich war aus verschiedenen Gründen der Zeitpunkt gekommen, dort aufzuhören und zu schauen, ob es noch etwas anderes auf der Welt gibt. Die Migros hatte zu dem Zeitpunkt entschieden, dass sie andere Dinge mit Tegut vorhat. Deshalb haben wir uns unkompliziert geeinigt.

Die Migros hat viel Geld investiert, auch in neue Formate wie den Smartstore Teo. Warum ist es nicht gelungen, Tegut auf die Erfolgsspur zu bringen?
Es ist in der Zeit viel entstanden. Einiges ist uns gelungen, anderes weniger. Die Migros hatte mit der Übernahme starke Wachstumsziele hinterlegt. Es ging darum, die Regionen auszuweiten, Richtung Stuttgart und München zu gehen. Ein großes Logistikzentrum wurde gebaut. Doch wenn man in einen Markt wie München geht, dann muss allen klar sein: Das ist ein dickes Brett, das man bohren muss. Die Migros hat dann aber irgendwann entschieden, dass diese Wachstumsstrategie nicht mehr in die Gesamtstrategie passt. Die Gruppe insgesamt hat ja ihr Auslandsengagement zurückgefahren, sich von Bereichen getrennt und fokussiert sich wieder auf das nationale Geschäft. Grundsätzlich ist es für einen kleinen Mittelständler nicht einfach, auf dem deutschen Lebensmittelmarkt zu bestehen und Dinge voranzubringen.
Jetzt leiten Sie das operative Geschäft beim Start-up Enso eCommerce, das 87 smarte Dorfläden, sogenannte Tante Ensos, in kleinen Orten betreibt. Gibt es Ähnlichkeiten mit den Teo-Minimärkten?
Beides sind automatisierte Läden mit Öffnungszeiten rund um die Uhr. Der Teo ist aber sehr viel kleiner und vor allem an Frequenzstandorten wie Bahnhöfen und größeren Städten zu finden. Tante Enso geht stärker in den ländlichen Bereich, und damit haben wir andere Anforderungen, aber auch andere Möglichkeiten. Wir haben etwas mehr Fläche, ein deutlich größeres Sortiment, und wir haben Öffnungszeiten, in denen der Kunde auch bedient wird und mit Bargeld bezahlen kann.
In diesem Jahr sollen weitere 40 Märkte hinzukommen. Könnten Tegut-Standorte eine Option sein? Laut Medienberichten interessiert sich Enso für 40 Standorte.
Die Zahl möchte ich nicht kommentieren. Aber die Berichte sind insofern nicht falsch, als wir uns für Standorte interessieren und Gespräche führen. Geplant ist jedenfalls, dass wir in diesem Jahr gut 40 Märkte eröffnen werden. Sechs sind schon neu dazugekommen.
Welche Standorte kommen infrage?
Wir schauen auf Flächen mit Größen zwischen 200 bis 400 Quadratmeter.
An Ihrem Konzept der Teilhaberschaft werden Sie festhalten?
Ja, die Teilhaberschaft ist ein wichtiges Element bei Tante Enso und Voraussetzung dafür, dass wir einen Laden eröffnen. Das heißt, die Bewohner an einem Ort kaufen einen Anteil von 100 Euro oder mehrere Anteile und signalisieren damit: Wir wollen den Laden. Wir wollen uns einbringen. Dafür bekommen sie beim Einkaufen einen Rabatt zwischen zwei und vier Prozent. Zur Teilhaberschaft gehört aber auch, dass sich Kunden bei uns melden und Vorschläge machen, wie das Sortiment erweitert werden könnte. Dann nimmt man vielleicht die Kartoffeln und Eier von einem Bauern in der Nähe mit auf oder die Nudeln eines Herstellers aus der Region. Das ist uns wichtig.
Wie viele solcher Teilhaber sind Voraussetzung?
Wir brauchen mindestens 300. Aber ich habe in der Zeit meiner Tätigkeit noch keinen Markt erlebt, der vor der Eröffnung unter 600 Teilhaber hatte, zum Teil auch mit mehreren Anteilen. Zuletzt hatten wir sogar erfolgreiche Standort-Kampagnen mit mehr als 1000 Teilhabern.
In Hessen gibt es Tante Enso bisher drei Mal. Gibt es Pläne für weitere?
Konkrete Eröffnungstermine gibt es noch nicht, aber wir sind in Gesprächen. Von unserer Entwicklung her sind wir stark in Norddeutschland, aber wir möchten in jedem Fall auch in den Süden. Im Schwarzwald gibt es uns zum Beispiel schon oder auch an der Mosel und in Franken.
Wer beliefert Tante Enso?
Siebzig Prozent unserer Ware kommen von Rewe, weitere 20 Prozent werden vor Ort mit lokalen Lieferanten abgedeckt, und 10 Prozent machen unsere Enso Helden aus, das sind nachhaltige Alternativprodukte von meist kleineren Herstellern, die bei uns eine erste Verkaufsplattform erhalten. Insofern haben wir gute Expansionsvoraussetzungen.
Gehen Sie nur auf bestehenden Flächen, oder bauen Sie auch?
Wir haben auch einige schöne Neubauten, die Investoren vor Ort für uns erstellt haben.
Wie wichtig sind die Öffnungszeiten mit Personal, die es bei Tante Enso stundenweise gibt?
Handel ist traditionell auch ein Begegnungsort. Man trifft sich und unterhält sich. In vielen kleinen Orten gibt es diese Möglichkeit nicht mehr, weil es keine Gaststätte mehr gibt, keinen Arzt oder Friseur. In diese Lücke stoßen wir. Wir versuchen, in neuen Märkten auch ein bisschen Platz dafür zu lassen, und richten zum Beispiel kleine Café-Ecken mit Sitzplätzen ein.
Tante Enso arbeitet noch nicht profitabel. Wie wollen Sie vorwärtskommen?
Wir haben Investoren, die unsere Wachstumsstrategie mittragen, und sind offen für weitere. Langfristig geht es darum, das Geschäft aus eigener Kraft zu betreiben. Dafür haben wir einen klaren Fahrplan. Der Sonntag ist bei uns der stärkste Tag. Mein Anliegen ist, dass wir auch unter der Woche stärker werden. Dazu muss das Angebot von Obst und Gemüse stimmen. Gerade haben wir einige Preise gesenkt.
Aktionspreise gibt es bei Tante Enso nicht?
Nein. Das wäre zu aufwendig. Mit den Ja-Produkten bieten wir Einstiegspreise auf Discount-Niveau, ansonsten orientieren wir uns an den Preisen im normalen Supermarkt. Und wie gesagt, unsere Genossenschaftsmitglieder profitieren über Rabatte und Cashback.
In der zweiten Jahreshälfte soll es eine App für Tante Enso geben. Was soll sie können?
In erster Linie soll die App den digitalen Zugang zu den Läden ermöglichen. Zurzeit müssen alle, die bei Tante Enso außerhalb der Öffnungszeiten mit Personal einkaufen wollen, eine physische Karte beantragen, die dann zugeschickt werden muss. Das ist umständlich, viele Kunden wollen heute keine Karte mehr.
An einigen Standorten bietet Tante Enso auch Dienstleistungen an. Worum geht es?
Es geht um die Frage: Was vermissen die Menschen auf dem Land, und können wir einen Teil davon zur Verfügung stellen? Zum Beispiel arbeiten wir an einigen Orten mit Apotheken zusammen, die im Nachbarort eine Filiale haben und dann Terminals aufstellen, an denen Kunden Rezepte scannen und Medizin bestellen können, oder wir kooperieren mit der Post/DHL. Möglich sind auch Bürgerservices, etwa die Möglichkeit, Dokumente zu scannen. Für solche Kooperationen sind wir offen. Wir denken über die Lebensmittelversorgung hinaus.
Zur Person
Thomas Gutberlet ist seit 1. Dezember 2025 Geschäftsführer der Enso eCommerce GmbH in Bremen und verantwortet das operative Geschäft und die Expansion der genossenschaftlich organisierten Supermarktkette Tante Enso. Aktuell betreibt das Start-up 87 Märkte, hauptsächlich in ländlichen Regionen, unter diesen auch zwei in Nord- und eine in Osthessen (Balhorn, Eschenstruth, Mansbach). Der Umsatz lag zuletzt bei 35 Millionen Euro. Der Enkel des Tegut-Gründers Theo Gutberlet hatte das Familienunternehmen, das Anfang 2013 von der Schweizer Genossenschaft Migros Zürich zu hundert Prozent übernommen worden war, bis Ende 2024 geleitet. Migros hatte mit Tegut wenig Erfolg – die Supermärkte schrieben über Jahre Verluste – und will sich bis Ende des Jahres aus dem deutschen Markt zurückziehen, die Tegut-Märkte sollen verkauft werden. Tegut betreibt aktuell noch 338 Filialen, unter diesen 40 automatisierte Minimärkte (Teo) und hat 7400 Beschäftigte, von denen 6000 im Vertrieb arbeiten.
