
Auf dem zentralen Stadtplatz von Thessaloniki spielen junge Männer Kricket; sie kommen aus Bangladesch. Der großen weißen Statue des griechischen Staatsmannes Eleftherios Venizelos schenken sie wenig Beachtung. Der liberale Venizelos gründete in Thessaloniki 1916 eine republikanische Gegenregierung zu Athen, nachdem ihn dort der König als Premierminister abgesetzt hatte. Heute sind alle Abspaltungsideen verflogen. Thessaloniki ist mit seinen rund 1,7 Millionen Einwohnern die zweitgrößte Metropole des Landes. Die Stadt sei „ein Wachstumsmotor Griechenlands“, sagt der Regierungschef Kyriakos Mitsotakis. Der Ministerpräsident, dessen Familie tiefe Wurzeln auf Kreta hat, umgarnt die Nordgriechen gerne, weil sie eine Wählerbastion seiner Regierungspartei Nea Dimokratia sind. Bei den nächsten Parlamentswahlen, die spätestens im kommenden Jahr stattfinden, könnte das entscheidend sein.
Tief in der Erde unter dem Stadtplatz von Thessaloniki verkehrt die Moderne: Fahrerlose U-Bahnen transportierten hier die Bürger in der „modernsten U-Bahn Europas“, wie Mitsotakis bei der Eröffnung vor anderthalb Jahren erklärte. Jetzt wird die U-Bahn wieder geschlossen, doch nur für einige Wochen zum Ausbau weiterer Strecken. Die Thessaloniker üben sich abermals in Geduld, was sie gewöhnt sind, mussten sie von den ersten Grabungen an doch 38 Jahre auf ihre U-Bahn warten.
Überhaupt wird jetzt viel gebaut in Thessaloniki, der nordgriechischen Drehscheibe nahe den Balkanländern im Norden. Der Hafen erhält einen neuen Pier, sodass auch die tiefliegenden Container-Riesen anlegen können; eine Bahnanbindung ins Hinterland soll sich daran anschließen. Das Messezentrum mitten in der Stadt, das jeden September den wichtigsten Treff der griechischen und südosteuropäischen Wirtschaft beherbergt, wird umgebaut. Die Ringautobahn wird zu einer zweistöckigen Verkehrsroute erhöht, um den gewachsenen Verkehr zu bewältigen.
Thessaloniki gibt viel auf seine Weltoffenheit
In den Cafés der Stadt und an der Strandpromenade herrscht reges Treiben. Die Flaneure zieht es zum mittelalterlichen „Weißen Turm“, einem Wahrzeichen von Thessaloniki. Ein buntes Gemisch von Sprachen erklingt hier wegen Menschen aus Bulgarien, Albanien, Nord-Mazedonien, Serbien, Rumänien, Montenegro und der Türkei. Viele Touristen sind in erster Linie wegen der nahegelegenen Halbinsel Chalkidiki mit ihren drei Landzungen hier, darunter eine mit dem Mönchsberg Athos, die andere eine Partymeile und die dritte ein vornehmer Rückzugsort. Doch das lebendige Thessaloniki ist zunehmend auch ein eigenes Reiseziel. Für die Geschäftsleute gilt das erst recht.
Die nordgriechische Metropole gibt viel auf ihre Weltoffenheit. „Vor allem an den Wochenenden kommen sehr viele Menschen aus den unmittelbaren Nachbarländern, aber auch aus Serbien und Rumänien zum Einkaufen in die Stadt. Zudem investieren Bulgaren, Israelis und Türken in Thessaloniki und der weiteren Region in Immobilien und Geschäftsstandorte“, erzählt die Generalkonsulin Monika Frank. Deutschland ist ebenfalls ein Partner: Die Deutsche Telekom verlegte ihre Software-Tochtergesellschaft T-Digital von Sankt Petersburg nach Thessaloniki, nachdem Russland die Ukraine überfallen hatte. Früher hatte Aldi hier seine Griechenland-Zentrale, heute ist es Lidl.
Angelsächsische Unternehmen wie Pfizer, Cisco und Deloitte haben sich ebenfalls niedergelassen. Die Nähe zum großen türkischen Markt ist ein Trumpf, den die Wirtschaft trotz politischer Spannungen zwischen den beiden Ländern nutzen will. Die kulturellen Verbindungen sind alt, immerhin wurde der türkische Staatsgründer Atatürk in Thessaloniki geboren. Heute sorgt für grenzüberschreitenden Austausch zudem die neue Offenheit Bulgariens. Das Land ist Anfang 2025 dem Schengen-Abkommen vollständig beigetreten und hat zu Beginn des Jahres auch den Euro übernommen.
Große und kleine Unternehmen wachsen
Nicht nur große Unternehmen zieht es an. „Seit 2019 haben wir unser Portfolio verdoppelt“, berichtet Teodor Karaivanov, Landeschef der deutschen Mittelstandsbank ProCredit. Die Bank, in der die Kreditanstalt für Wiederaufbau und die Osteuropabank Minderheitsaktionäre sind, zählt 6000 Kunden und hat ihre Belegschaft in sieben Jahren auf 60 Mitarbeiter versechsfacht. Die Zentrale verlegte ProCredit von der Innenstadt an den Stadtrand, weil es im Zentrum wegen Überfüllung und Verkehrschaos kaum noch Platz gibt.
Die Wachstumsgeschichten ziehen sich quer durch die Branchen: Isomat, ein griechischer Hersteller von Bauprodukten wie Farben und Mörtel, hat seinen Umsatz nach eigenen Angaben in fünf Jahren um fast zwei Drittel auf 145 Millionen Euro erhöht und erreicht eine Umsatzrendite vor Steuern von rund 10 Prozent. Die blitzblanke Unternehmenszentrale mit angeschlossenen Werkshallen befindet sich 17 Kilometer westlich von Thessaloniki.
Die Lage gilt als großer Vorteil. „Wir produzieren auch in Rumänien und Serbien und haben zusätzlich Vertriebsgesellschaften in Slowenien, Kroatien und Deutschland“, berichtet der Isomat-Gründer und Präsident Stefanos Tziritis, der einst in Deutschland studierte. Seinen Sohn, der heute Geschäftsführer ist, schickte er auf die deutsche Schule von Thessaloniki, gemeinsam stellen sie gerne deutschsprachige Mitarbeiter ein. Die Gegend ist ohnehin deutsch-freundlich, weil früher viele Nordgriechen in Deutschland Gastarbeiter waren und dann zurückkehrten.
Vom Boom kommt wenig in der Bevölkerung an
Und dennoch: Trotz aller Lobpreisungen sind die Sorgen der Menschen und der Unternehmen unüberhörbar. Weit verbreitet ist die Klage, dass vom griechischen Boom zu wenig in der Bevölkerung ankomme, obwohl das Land nun schon im sechsten Jahr seit dem Pandemieeinbruch wächst. Hohe Immobilien- und Lebensmittelpreise tun besonders weh. Außerhalb von Athen und seiner Region Attika ertönt diese Kritik besonders laut, denn Griechenland wächst äußerst ungleichgewichtig. Ein überproportionaler Anteil der Investitionen kommt der Hauptstadt und ihrem Umland zu.
Diese wirtschaftliche Herzkammer trägt nach einer Untersuchung des griechischen Wirtschaftsinstituts IOBE fast 50 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) des Landes bei, während es für Thessaloniki und seine Region Zentralmakedonien nur knapp 14 Prozent sind. Attika erhält mehr als ein Drittel der Investitionen und steht für die Hälfte aller Warenexporte. Auch pro Kopf ist das BIP nirgends so hoch wie in Attika; dort beschäftigen die Unternehmen durchschnittlich nahezu doppelt so viele Arbeitnehmer wie in den anderen Regionen; sie haben die höher qualifizierten Mitarbeiter, forschen, entwickeln und exportieren mehr.
„In Athen und Attika herrscht ein höheres Tempo, das man hier gerne übernehmen möchte“, schildert der Leiter des Thessaloniki-Ablegers der deutsch-griechischen Handelskammer, Georgios Theodorakis, die Lage, auch wenn er gleichzeitig die Aufholjagd seiner Stadt lobt. „Der Abstand wird immer größer“, beobachtet der Isomat-Präsident Tziritis und macht einen Schuldigen aus: den Zentralstaat Griechenlands. Über alle Förderpakete und großen Investitionsprogramme werde nur in Athen entschieden, meist zugunsten der dortigen Gegend. „Die Leute verbringen ihr halbes Leben in Athen, sie haben eine riesige Bürokratie aufgebaut und warten auf Anweisungen von oben, anstatt eigene Initiative zu ergreifen“, schimpft der Isomat-Chef. Daher fordert er eine echte Dezentralisierung. Nur Geld aus Athen zu verlangen, sei nicht die Lösung. „Wir bräuchten mehr politische Verantwortung hier bei uns“, findet er.
Abhängig von Förderprogrammen?
Der ProCredit-Bankchef Karaivanov sieht eine weitere Problematik – die vielen Förderprogramme in Griechenland. „Es ist nicht schwer für eine Firma, Geld zu finden. Doch das kann zu der gefährlichen Mentalität führen, dass die Unternehmen nur noch Subventionen statt Marktchancen suchen.“ Er hat erlebt, dass Chefs kleinerer Unternehmen mit Investitionen und Geschäftsexpansionen zu lange zögern. Die lokale Möbelindustrie sei beispielsweise fast ganz verschwunden, weil sie Exportchancen vernachlässigte. Die griechischen Banken waren nicht immer hilfreich, sagt er. Vier große Akteure dominieren den griechischen Markt, ohne sich scharfen Wettbewerb zu liefern. Neulinge haben es da nicht leicht.
Einen Vorteil lässt sich Thessaloniki freilich nicht aus der Hand nehmen: Die Stadt bietet eine Menge Universitätsabgänger als Berufseinsteiger. Die Aristoteles-Universität ist die größte des Landes und unterhält auch eine etablierte Fakultät für deutsche Sprache und Literatur. Andere Hochschuleinrichtungen fördern das Bildungsniveau zusätzlich. Dass gleichzeitig die Einkommen im europaweiten Vergleich noch niedrig sind, zieht Investoren an – nicht nur nach Thessaloniki.
Drei Stunden auf einer gut ausgebauten Autobahn südwestlich entfernt findet sich die Provinzstadt Ioannina, die etwas übertrieben schon als griechisches Silicon Valley gefeiert wurde. Unter den dortigen IT- und Digitalunternehmen kam im Jahr 2020 auch Teamviewer aus Deutschland. „Ausschlaggebend waren die guten Universitäten in Informatik und Softwareentwicklung“, sagt ein Sprecher. Zudem hätten die lokalen Behörden Technologie-Unternehmen bei der Ansiedlung stark unterstützt. Rund 50 Mitarbeiter beschäftigt Teamviewer heute in Ioannina.
Zwei Stunden westlich von Thessaloniki engagiert sich auch RWE zusammen mit dem teilstaatlichen griechischen Energieunternehmen PPC. Die beiden Unternehmen bauen ein ehemaliges Braunkohlegebiet in eine riesige Solaranlage um, die mit 1,6 Millionen Solarpanelen fast ein Gigawatt Strom liefern soll. Technische Probleme führten zu gewissen Verzögerungen, doch die Fertigstellung ist nun geschafft, und Anschlussprojekte sind in Planung. PPC spricht vom größten Solarenergie-Cluster Europas.
Der Kampf der Standorte um Ansiedlungen ruht freilich nie. Ryanair hat kürzlich angekündigt, seine Basis in dem von der deutschen Fraport AG geführten Flughafen von Thessaloniki zu schließen; Auslöser war – wie anderswo auch – ein Streit um die Gebühren. Der amerikanische Transportdienst Fedex verlegt seine griechische Zollabfertigung zum Flughafen in Athen.
Thessaloniki kann sich auch sehr weit weg anfühlen, wenn man aus der Hauptstadt mit der Bahn anreist. Derzeit gibt es nur zwei Direktverbindungen am Tag, weil das Netz immer noch von einem schweren, nur teilweise aufgeklärten Zugunglück im Februar 2023 beeinträchtigt ist. Über die 500 Kilometer lange Strecke tuckert der Zug dann mehr als fünfeinhalb Stunden lang. So gilt: Auch wenn die Musik nicht nur in der Hauptstadt und Attika spielt: Thessaloniki und seine Region müssen kämpfen, um ihre Stimmen zu behalten.
