
In der Diskussion über die Fabrik des amerikanischen Elektrowagenherstellers Tesla in Grünheide ist regelmäßig – und selten wohlwollend – von einem „Raumschiff“ die Rede. Das mag an der Architektur der Fabrik liegen, den Produktionshallen mit einer Kommandobrücke auf der obersten Etage und ihrem futuristischen Design. Das hat wahrscheinlich aber auch mit der weit verbreiteten Wahrnehmung zu tun, dass die milliardenschwere Ansiedlung wie ein Raumschiff und also gänzlich ungebeten über die Region gekommen ist.
Jetzt hat die Analogie des Raumschiffs eine neue Dimension gewonnen. Denn die jüngsten Nachrichten aus Grünheide lesen sich angesichts der Schwierigkeiten der europäischen Automobilindustrie wie von einem anderen Stern. Tesla will die Fahrzeugproduktion an seinem einzigen europäischen Produktionsstandort in den kommenden Monaten um 50 Prozent steigern. Nachdem zuletzt 5000 Elektrowagen pro Woche vom Band liefen, sollen es Ende Juli 6200 und im Oktober 7500 Fahrzeuge pro Woche sein.
Viereinhalb Jahre nach dem Produktionsstart in Grünheide wird Tesla damit zum ersten Mal die installierte Kapazität der Fabrik auslasten, die in der Größenordnung von 375.000 Autos jährlich liegt. Für den Hochlauf hat das Unternehmen schon knapp 1000 Mitarbeiter eingestellt. Noch einmal so viele will der Konzern in den nächsten Wochen anwerben. Die Zahl der Beschäftigten in der Fabrik wird auf knapp 13.000 steigen. Außerdem sollen 500 Leiharbeiter in ein festes Arbeitsverhältnis übernommen werden.
Das alles teilte Tesla den Beschäftigten in Grünheide bei einer Betriebsversammlung mit, während das Management von Volkswagen gerade über den zusätzlichen Abbau von Zehntausenden Stellen und die Schließung von mehreren Werken diskutierte. Das erste reine Elektrowagenwerk von VW in Zwickau ist ebenfalls gefährdet. Tesla fährt vor den Toren Berlins dagegen nicht nur die Autoproduktion hoch, sondern investiert weitere 200 Millionen Euro in die Batteriezellenfertigung.
Deutsche Zellfertigung lohnt nicht im Vergleich mit den USA oder China
Bis 2027 sollen die Voraussetzungen für eine jährliche Produktion von Zellen mit einer Kapazität von 18 Gigawattstunden geschaffen werden. Das entspricht ungefähr dem Bedarf für die Produktion von rund 4500 Elektrowagen vom Typ Model Y pro Woche, die hier gebaut werden. Die Zellfertigung sollte eigentlich schon mit dem Start der Fahrzeugproduktion im Frühling 2022 hochlaufen. Doch dann gaben Förderungen der US-Regierung im Standortwettbewerb den Ausschlag für eine Fabrik in Austin, Texas.
Betriebswirtschaftlich lohnt sich die Zellfertigung in Deutschland im Vergleich mit den USA oder China weiterhin nicht. Doch Tesla will angesichts handelspolitischer Spannungen die Abhängigkeiten in der Lieferkette reduzieren. Für die Zellfabrik sucht der Konzern zusätzlich 1500 Mitarbeiter. Wenn die Produktion im nächsten Jahr anläuft, wird Tesla in die Zellfertigung in Grünheide mehr als eine Milliarde Euro investiert haben.
Wachsende Konkurrenz aus China
Zuletzt dominierten wegen rückläufiger Zulassungszahlen von Tesla düstere Zukunftsprognosen die öffentliche Wahrnehmung der Fabrik. Dabei wurden teilweise Zahlen ins Feld geführt, die einen einfachen Plausibilitätstest nicht bestanden hätten. Das gilt allerdings regelmäßig auch für die grandiosen Ankündigungen von Tesla-Chef Elon Musk. Geschadet hat ihm das freilich nicht. Mit dem Zukunftsversprechen bemannter Missionen zum Mars hat er an der Börse gerade mehr als 80 Milliarden Dollar für sein Raumfahrtunternehmen SpaceX eingeworben.
Für die Fabrik von Tesla in Grünheide hatte Musk ursprünglich ein langfristiges Produktionsziel von bis zu einer Million Autos jährlich ausgegeben und die weltweit größte Zellfabrik mit einer Produktionskapazität von bis zu 250 Gigawattstunden angekündigt. Ob diese Pläne noch realisiert werden, steht auch nach der jüngsten Anhebung der Produktionsziele in den Sternen. Denn die Herausforderungen für Tesla, gerade im Wettbewerb mit der chinesischen Konkurrenz, bleiben groß.
In der Debatte über den Standort Grünheide dürfte neben dem Streit zwischen Tesla und der Gewerkschaft IG Metall der Nutzungskonflikt um die Ressource Wasser zurück in den Vordergrund rücken. Denn die Fabrik ist vor etwas mehr als sechs Jahren in einer der trockensten Regionen Deutschlands gelandet. Für die jüngsten Pläne von Tesla werden zwar keine zusätzlichen Wasserkontingente benötigt. Im Gebiet des für die Fabrik zuständigen Wasserverbands tobt aber schon jetzt ein Streit über Preiserhöhungen, mit denen der Verbrauch von Privathaushalten eingedämmt werden soll.
