
Aus aktuellem Anlass folgt ein Witz, der nicht nur alt ist, sondern auch schlecht. Erzählt hat ihn der französische Tennisprofi Richard Gasquet im Jahr 2009, nachdem er positiv auf Benzoylecgonin, einen Metaboliten von Kokain, getestet wurde. „Niemand auf der Tour nimmt Kokain“, versuchte Gasquet der Öffentlichkeit vorzugaukeln. Welch ein Schelm! Der weiße Sport ohne weißes Pulver, diese Pointe zündete schon damals nicht. Waren doch Mats Wilander und sein Doppelpartner Karel Novacek 1995 als Tennispromis ebenso wegen Kokainkonsums gesperrt worden wie 2008 Martina Hingis.
Prolliger Provokateur von tragischer Gestalt
Damit erlag Kyrgios in seiner ersten Reaktion via Instagram nicht der Versuchung, um den Befund herumzureden oder der Öffentlichkeit irgendeine Geschichte aufzutischen, die ihn sauber dastehen lassen soll. Wie es Gasquet seinerzeit getan hat, als er behauptete, er habe in der Nacht zuvor mit einer Frau geknutscht, die wohl Kokain „gesnifft“ hatte (was der Internationale Sportgerichtshof glaubhaft fand). Oder wie Martina Hingis, die behauptete, niemals Drogen konsumiert zu haben (und trotzdem zwei Jahre Sperre aufgebrummt bekam).
Dass der Australier erwischt wurde, scheint ins Bild zu passen, das alle Welt von ihm hat: ein prolliger Provokateur, der manchmal wirres Zeug redet und sich sogar mit einem Publikumsliebling wie Jannik Sinner angelegt hat, als der Italiener nach seiner Dopingprobe scheinbar mit der Weltantidopingagentur kungelte und einer dreimonatigen Sperre davonkam. Kyrgios inszeniert sich seit Jahren als „Bad Boy“ und hält sich in dieser Rolle – nicht ganz zu Unrecht – für eine Bereicherung im Profitennis.
„Körperlich und mental“ mitgenommen
Im Grunde ist der Einunddreißigjährige jedoch ein Tennisprofi von tragischer Gestalt. Er liebt Mannschaftssport und fühlt sich einsam im Tenniszirkus, in dem jeder sich selbst der Nächste ist und die Familie fern. „Hilflos und allein“ habe er sich manchmal gefühlt, schrieb Kyrgios auf Instagram nicht zum ersten Mal.
Vor allem aber hat der Wimbledon-Finalteilnehmer von 2022 sein Ausnahmetalent oft als Fluch verstanden. Die Welt mochte ihn darum beneiden, aber er selbst ging mit seinem Gefühl für Ball und Bewegung nicht pfleglich um. Sein Herz gehört dem Basketball, aber darin reichte es nicht für eine Profilaufbahn. Am Mittwoch wiederholte Kyrgios, dass nicht er sich Tennis ausgesucht habe, sondern die Sportart ihn. Trotzdem falle es ihm äußerst schwer, auf etwas zu verzichten, das im Leben bislang zu ihm gehört habe. Wohl jeder Leistungssportler im Herbst seiner Karriere kennt dieses Gefühl.
Als Erklärung, ausdrücklich aber nicht als Entschuldigung schrieb Kyrgios, dass ihn die vielen Verletzungen und Rückschläge in den vergangenen Monaten „körperlich und mental“ mitgenommen hätten. Das erscheint glaubwürdig und erinnert an Aufstieg und Fall Andre Agassis. Auch der Amerikaner schwankte stets zwischen Hingabe und Hass. Vom dominanten Vater von klein auf getriezt, konnte Agassi mit und von dem Tennis einigermaßen leben, solange er Erfolg hatte. Als er ein sportliches Tief durchlebte und ihm alles zu viel wurde, suchte Agassi Erlösung in der Droge Crystal Meth.
Nick Kyrgios ist zu wünschen, dass er über die angekündigte vierwöchige Social-Media-Auszeit die Kurve kriegt wie Agassi: zu einem versöhnlichen Ende einer schillernden Karriere. Und zu einem zufriedenen Leben.
