Es gibt viele Gründe, Tennisprofi zu sein. Man spielt, was einem Spaß macht, zeigt sein Talent vor vielen Leuten, sieht ein bisschen von der Welt, selbst wenn es nur der Blick aus dem Hotelzimmer ist, und verdient im besten Fall eine schöne Stange Geld. Tatjana Maria sind all diese Dinge zwar nicht schnuppe, doch ihre besonderen Antriebskräfte sind andere. Zum einen die Lust, mit der Familie immerzu um die Welt zu reisen, zum anderen ihre Tochter Charlotte.
Die Zwölfjährige verfügt erkennbar über eine Tennisbegabung, die Hoffnung macht auf eine Zukunft auf der Profitour – und auf künftig gemeinsame Auftritte im Doppel mit der demnächst 39 Jahre alt werdenden Mutter: „Ich muss ehrlich sagen, für mich ist es ein Ziel, dabeizubleiben, bis Charlotte auf der Tour anfängt“, sagte Tatjana Maria am Montag in Wimbledon. Übernächstes Jahr könnte es so weit sein: Als Vierzehnjährige dürfte die Tochter der Berufstennisspielerin und ihres Tennistrainers Charles-Edouard fünf Profiturniere im Jahr spielen.

Bis dahin muss die Mama durchhalten. Was ihr erstaunlich gut gelingt, vor allem auf ihrem geliebten Rasen. Am Montag gewann sie in Wimbledon ihr Auftaktmatch gegen die in Russland geborene und für Kasachstan startende Julia Putinzewa 6:4, 6:4 und überstand erstmals seit ihrem Sensationslauf ins Halbfinale 2022 wieder eine Runde bei dem Traditionsturnier an der Londoner Church Road.
Die Bad Saulgauerin ist im Profizirkus so etwas wie eine Saisonarbeiterin. Das ganze Jahr über tingelt sie mit der Familie quer über die Kontinente, kommt auf den Sandplätzen und auf Hardcourts aber nur mit mäßigem Erfolg voran. Doch im Juni, wenn die kurze und knackige Rasensaison über die Bühne geht, ist Maria eine Macht. In Wimbledon überraschte sie 2022 sich und die Welt, im vergangenen Jahr kürte sie sich durch ihren sensationellen Triumph beim Vorbereitungsturnier in einem anderen Londoner Stadtteil zur „Queen of Queen’s“. Am vergangenen Samstag in Eastbourne unterlag sie erst im Finale der Amerikanerin Madison Keys. Ihre zwölf Jahre alte Tochter Charlotte vergoss darüber Tränen.
Die Gegnerinnen müssen in die Knie gehen
Am Montag im All England Club blieb die ganze Familie gelassen. Eine Siegesfaust zum Ehemann und Trainer Charles-Edouard, das war’s. Die beiden Mädels Charlotte und die 2021 geborene Cecilia waren längst im Schatten verschwunden. Marias Erfolg über Putinzewa war ihr elfter in Wimbledon; damit hat sie bei dem Rasenklassiker einmal öfter gewonnen als bei den anderen drei Grand-Slam-Turnieren in Melbourne, Paris und New York zusammen. „Der Belag passt am besten zu meiner Spielweise“, sagte Maria am Montag. Trotzdem hatte sie erstmals seit 2022 eine Runde in Wimbledon überstanden.
Im besten Fall fliegen Marias unterschnittene Bälle nur Zentimeter übers Netz und springen auf der anderen Platzseite kaum auf. Das heißt, die Gegnerinnen sind gezwungen, tief in die Knie zu gehen und den Ball selbst zu beschleunigen.
Marias Meisterklasse in Sachen Slice
Dass Maria mit ihrer ungewöhnlichen Spielweise zur Angstgegnerin taugt, erlebte Putinzewa von Beginn an. Schon in ihrem allerersten Aufschlagspiel war die Kasachin von den unterschnittenen Bällen der Deutschen dermaßen genervt, dass sie sich mit dem Schläger auf den Oberschenkel hieb. Und zwar so doll, dass die Striemen noch nach 1:41 Stunden beim Matchball zu sehen waren. Sonst blieb die temperamentvolle Putinzewa für ihre Verhältnisse erstaunlich ruhig und spielte auf ähnlich entschleunigte Weise wie Maria. Allerdings konnte sie gegen Marias Meisterklasse in Sachen Slice wenig ausrichten. Manche Wimbledon-Flaneure, die am Platz 14 hielten und schauten, gerieten darüber ins Staunen und Schwärmen: Dass es so etwas noch gibt!
Dabei sollte es sich in der Tenniswelt herumgesprochen haben, dass Tatjana Maria alle Jahre wieder auf Rasen aufblüht. Sobald Anfang Juni die Saison beginnt, spielt die Deutsche jedes Turnier, bei dem sie es trotz ihrer relativ niedrigen Weltranglistenposition ins Hauptfeld schafft. Bei den WTA-Turnieren der gehobenen 500er-Kategorie wie in Berlin und Bad Homburg wäre sie auf eine Wildcard angewiesen gewesen. Stattdessen tingelte sie durch England: Fünf Turniere in fünf Wochen haben Maria und ihre Familie abgerissen, sie hat sich dabei die außergewöhnliche Bilanz von elf Siegen bei nur vier Niederlagen erspielt. Die Profiorganisation WTA hatte Maria vor dem Wimbledon-Auftakt unter eine spezielle Rubrik aufgenommen: „Fünf Spielerinnen unter dem Radar, die in Wimbledon weit kommen könnten“.
Ob die Reise in Wimbledon noch ein Stück weiter geht? Ihre Zweitrundengegnerin Iva Jovic ist 18 Jahre alt und damit die fünftjüngste, die im Hauptfeld antritt. Mit der Weltranglistensechzehnten hatte Maria vor Monaten mal im neuseeländischen Hobart trainiert, aber wie gewohnt längst nicht alle ihre Tricks und Kniffe gezeigt: „Ich glaube nicht, dass sie schon mal gegen so jemanden wie mich gespielt hat“, sagte die in Florida lebende Deutsche vor dem Duell mit der Amerikanerin – die nur sechs Jahre älter ist als ihre Tochter Charlotte.
