
Ziemlich verhalten ist Tim Höttges in den vergangenen Monaten stets gewesen, wenn es um die Bewerbung der Telekom für eine Gigafactory für Künstliche Intelligenz (KI) in Europa ging. Der Vorstandsvorsitzende des größten europäischen Technologiekonzerns sagte dann Sätze wie: „Nicht die Telekom braucht eine Gigafactory, Europa braucht sie.“ Das war vor allem als Spitze gemeint angesichts des digitalen Rückstands des Kontinents gegenüber Asien und Amerika.
Am Dienstag in Köln klang das anders. „Wir arbeiten daran, eine Milliardeninvestition zu machen im Rahmen der europäischen Ausschreibung für eine KI-Gigafactory“, sagt Höttges auf der Digital X, einer Digitalkonferenz, die der Dax-Konzern jedes Jahr in Köln ausrichtet. „Wir wären bereit, mit den richtigen Rahmenbedingungen die Infrastruktur zur Verfügung zu stellen“, sagt Höttges. „Am Geld soll es am Ende des Tages nicht scheitern. Wir brauchen diese Infrastruktur, es ist auch Wachstum und Zukunft für die Telekom.“
Bis zum 12. November haben Unternehmen Zeit, die Bewerbung einzureichen für das europäische Projekt. Im Juli hatte die Europäische Union die Ausschreibung begonnen, mit dem Ziel, sieben große KI-Rechenzentren in den Mitgliedsländern zu errichten. Dafür gibt es bis zu zehn Milliarden Euro an öffentlichen Mitteln der EU und der teilnehmenden Länder. Zusätzlich sollen bis zu 20 Milliarden Euro an privaten Investitionen ausgelöst werden. Neben der Telekom ist in Deutschland auch der Cloud-Anbieter Ionos, der sich mit dem Essener Baukonzern Hochtief zusammengetan hat, an dem Projekt interessiert, ebenso etwa Schwarz Digits, die IT- und Digitalsparte der Schwarz-Gruppe, zu der die Supermärkte von Lidl und Kaufland gehören.
Das KI-Rechenzentrum in München ist „so gut wie ausverkauft“
Die Telekom betreibe heute schon 300 Megawatt an Rechenleistung und das größte Rechenzentrum des Landes nahe Magdeburg. Das neu errichtete KI-Rechenzentrum in München sei „so gut wie ausverkauft“. „Wir werden die Kapazitäten erhöhen“, kündigt Höttges an. In dem Rechenzentrum sei die Hälfte aller GPU verbaut, die derzeit in Deutschland im Einsatz sind; das sind jene Hochleistungsrechenchips für KI-Anwendungen, mit denen der amerikanische Technologiekonzern Nvidia zum wertvollsten Unternehmen der Welt aufgestiegen ist. In ganz Europa sind nur fünf Prozent der global verfügbaren GPU im Einsatz, die meisten werden in Amerika und China genutzt.
Auf seiner Digitalkonferenz versucht Höttges, Aufbruchstimmung und Optimismus zum Digitalstandort Deutschland zu verbreiten. „Wir müssen uns nicht über Amerikaner und Chinesen beschweren, sondern es selber machen. Wir müssen die Investitionen in die Hand nehmen“, sagt er. Die Konferenz Digital X dient dem Dax-Konzern auch dazu, seine Geschäftskunden mit Technologiepartnern zu vernetzen.
„Wenn Sie als Geschäftsführer nicht verstehen, wie KI funktioniert, wird Ihnen die Organisation nie folgen“, appelliert Höttges an das Publikum. Unternehmen wie Anthropic veranstalteten regelmäßig „kill the company“-Workshops, in denen sie ausloteten, wie KI-Agentenmodelle die Abläufe und Prozesse in Unternehmen veränderten. Sich nur von Gefahren leiten zu lassen, sei fatal, denn auch die Möglichkeiten für Produktivitätssteigerung durch KI sei enorm.
Im Gespräch mit seinem Bonner Dax-Kollegen sagt auch der Siemens-Vorstandsvorsitzende Roland Busch, dass deutsche Unternehmen sich absetzen könnten von einem Wettbewerb, der einzig auf Kosten blicke. „Wir werden nicht die billigsten sein, aber wir werden mit KI die Prozesse verändern und Produktivität gestalten“, sagt Busch. Deutschland müsse wieder wachsen und zu seinen Stärken zurückfinden. „Ich warne davor, die Wahl zu sehen als Zeichen, die aktuellen Reformen zu überdenken“, kommentiert Busch den Erfolg der Alternative für Deutschland in der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Im Gegenteil gehe es nun darum, Reformen zügig umzusetzen.
