Herr Smith, wie sind Sie überhaupt auf diesen Keller gekommen?
Durch Zufall. Ich war bei einem Poetry-Slam oben im Bürgerhaus, die Toiletten sind unten, und dabei bin ich an dieser alten Pilsstube mit Kegelbahn vorbeigelaufen. Die ursprüngliche Idee war ein reiner Gag: einmal im Monat Julians Disco-Kegeln, alle im Jogginganzug, dazu Mettbrötchen und Pils. Dann hat es mich gefuchst. Inzwischen bin ich Unterpächter, mein Vertrag läuft über den Pächter über uns. Ein Jahr Pop-up klang für ihn gut, geeinigt haben wir uns dann erst mal auf drei Jahre.
Schick ist ein Bürgerhauskeller nicht.
Nein. Aber nach so vielen Jahren in Frankfurt weiß ich, wie schwer es ist, einen Ort zu finden, an dem man laut sein darf. Dafür geht man Kompromisse ein. Es ist halt ein Bürgerhaus, es ist nicht schick und hip. Vielleicht wird es das irgendwann sogar, die Leute gewöhnen sich ja an den Trashfaktor. Aber in allererster Linie kannst du dich hier entfalten. Musikalisch redet dir niemand rein.
Die passt. Frankfurt wirkt wegen der Skyline immer größer, als es ist. Alles über dreihundert Leute wird hier schnell schwierig, weil dir die Menschen dafür fehlen. Viele sind Pendler, viele sind überhaupt nicht in der Zielgruppe. Je größer der Laden, desto größer die Schnittmenge, die du brauchst, damit er jedes Wochenende voll wird. Hier kannst du auch mit achtzig Gästen einen schönen Abend haben.
Ist die Tanzbar ein Club oder eine Bar?
Da unterscheide ich streng. Club heißt für mich: ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen, die ein ähnliches Bedürfnis haben. Ich habe die Schnauze voll von Mainstream, ich will Musik hören, die ich sonst nirgends höre, und zwar mit Leuten, die ähnlich ticken. Mit einer Diskothek hat das nichts zu tun. Hier gibt es nicht mal einen Dancefloor in dem Sinn. Getanzt werden darf, deshalb heißt sie ja auch so. Ich hoffe sogar auf Abende, an denen jemand einfach Jazz auflegt.
Das Pult steht bewusst auf Augenhöhe?
Ich hasse es, erhöht zu stehen. Je höher du bist, desto weniger spürst du die Energie. Von oben siehst du beim Tanzen nur die Schultern, von vorne den ganzen Körper. Ich mag diese Nahbarkeit, auch wenn die Leute einem dann manchmal die Ohren volllabern. Wenn ich noch mal einen Laden von null bauen könnte, würden die Menschen vor mir und hinter mir stehen.
Kommt das Publikum wegen der Tanzbar oder wegen Julian Smith?
Man ist nach so vielen Jahren eine Marke, man steht für etwas. Aber es gibt sehr wenige Menschen, die sagen: Das ist der DJ, da gehen wir jetzt hin. Die meisten gehen aus und suchen sich einen Laden, ohne zu wissen, wer auflegt. An dem Abend haben vielleicht zehn Prozent kurz Hallo gesagt. Das ist viel, aber eben nicht der ganze Raum. Angefangen hat das hier ohnehin nicht mit meinem Namen, sondern mit einem Gefühl, dass es in dieser Stadt ein Bedürfnis gibt. Wenn Leute weggehen wollten, haben sie mich über Jahre gefragt: „Wo gehen wir denn hin, Julian?“ Und ich konnte es nicht beantworten.
Was hat Ihnen selbst gefehlt?
Ein Ort, an dem ich wieder die Musik spielen kann, wegen der ich überhaupt DJ geworden bin. Ich habe viele Dienstleistungsjobs, die zahlen meine Miete, da kommen mein Handwerk und mein musikalisches Wissen zugute. Aber als DJ fühle ich mich dabei nicht wirklich gesehen.
Für wen soll dieser Laden sein?
Ich freue mich, wenn die Spanne zwischen dreißig und sechzig liegt, und ich freue mich über Leute, die mit Mitte fünfzig sagen: Ich habe Bock, rauszugehen. Mich stört diese Vorstellung, dass man irgendwann zu alt zum Ausgehen sei. Und es ist ein Sneakerladen. Mir war wichtig, dass du herkommen kannst, ohne dass dir jemand sagt: Mach dich mal ein bisschen schicker.

Fast jeder kennt einen Laden, in den er jahrelang gegangen ist und irgendwann nicht mehr. Woran merkt man als Betreiber, dass ein Publikum kippt?
Wenn man es gut macht, passiert es im besten Fall gar nicht. Es gibt Läden in dieser Stadt, die seit dreißig Jahren funktionieren, weil ihre Positionierung klar ist, und die ist zeitlos. Verändert hat sich vieles, seit die BWLer Einzug ins Nachtleben gehalten haben. Die machen eine Zielgruppenanalyse, überlegen, was die Leute gerade hören wollen, und am Ende kommt meistens ein Mainstream-Laden dabei heraus. Zwei Jahre läuft das eine Genre, dann fliegen alle DJs raus, und plötzlich läuft etwas völlig anderes. Du bleibst nicht linientreu.
Ein roter Faden. Ich will einen Ort, wo du auf blöd hingehen kannst, wo du nicht jedes Mal aufs Programm gucken musst. Es gibt Häuser, da wird einmal Reggaeton, dann Hip-Hop, dann elektronische Musik gespielt. Da gehst du irgendwann gar nicht mehr einfach so hin. Deshalb ist mir ein Signature-Sound wichtig.
Auch wenn die Leute die Musik gar nicht kennen?
Gerade dann. Ich bin da das Trüffelschwein, ich werde am Ende dafür bezahlt, dass ich suche. Dass du in meinen Laden kommst und denkst: Ich könnte eigentlich die ganze Zeit tanzen, weil ich das alles nicht kenne und es trotzdem geil ist. Das ist mein Job, und dem will ich gerecht werden.
Sie kritisieren Zielgruppenanalysen, rechnen aber selbst sehr genau. Wo endet die notwendige Kalkulation, und wo beginnt die Verwässerung?
Du musst deine Zahlen kennen, sonst wunderst du dich am Monatsende, warum du draufgelegt hast. Die Frage ist nur, was du anpasst, wenn es eng wird. Ich kann die Musik ändern und mehr Umsatz machen, dann habe ich hinterher einen anderen Laden. Oder ich passe Gagen, Preise und Kosten so an, dass sich der Laden trägt und die Musik bleibt. Es gibt Betreiber, die zeigen dir am Ende des Abends den Umsatz, und damit ist für sie alles gesagt. Ich verurteile das nicht, das ist ein Geschäftsmodell, nur nicht meins. Das Problem beginnt, wenn der Druck so groß wird, dass du auf keinen einzigen zusätzlichen Gast mehr verzichten kannst. Dann kippt es langsam, und irgendwann stehst du in deinem eigenen Laden und denkst: Das ist jetzt nicht mehr für mich. Deshalb glaube ich, dass in Frankfurt nur kleine Läden über Jahrzehnte ein Publikum halten können.
Also lieber halb leer als falsch voll?
Mein damaliger Geschäftspartner kam aus der Bank und sagte irgendwann: Lass uns unsere Gäste fragen, was ihnen wichtig ist. Ich fand das erst furchtbar peinlich. Dabei kam die Regel heraus, an die ich bis heute glaube: Du musst manchmal akzeptieren, dass der Laden nur halb voll sein kann. Sonst verwässerst du genau das, weswegen die Leute gekommen sind. Das ist schwer, wenn du die Kosten eines Abends kennst. Aber die Alternative ist, dass du irgendwann nicht mehr weißt, wofür du das alles machst.
Über den Sommer bleibt die Tanzbar zu. Warum?
Bis September. Im Sommer wollen die Leute draußen sein, dazu kommen Daydrinking und Cafés, in denen schon nachmittags ein DJ auflegt. Wer mittags anfängt, kommt um elf nicht mehr in einen Keller. Zu meiner Zeit war es fast uncool, vor eins loszuziehen. Ich finde das nicht schlimm, ich muss es als Betreiber nur akzeptieren.
Warum ist der Eintritt frei?
Weil ich sowohl die Bar als auch das Programm betreibe. Wer mit dreißig Euro losgeht und zehn davon an der Tür lässt, hat sie später nicht mehr für Getränke. Wir haben es früher mal andersherum probiert, bis zwölf frei und danach Eintritt. Dann standen die Leute draußen und guckten auf die Uhr. Das haben wir sehr schnell wieder abgeschafft.
Was soll aus diesem Keller werden?
Größer machen will ich ihn nicht, gerade die Größe ist die Stärke. Aber hinten liegt noch die alte Kegelbahn. Da könnte ich mir kleine Konzerte mit jungen Bands vorstellen, auch mal einen Film, einen Vinylflohmarkt, Gespräche über Musik. Ein Bürgerhaus ist ja eigentlich ein Angebot für die Leute, die drum herum wohnen. Und hier unten ist das ein mega Angebot für die Nachbarschaft: Du gehst hin, wirst zu nichts gezwungen, trinkst zwei Bier und gehst wieder.
Woran würden Sie merken, dass die Tanzbar funktioniert?
Mein Traum von einem Laden ist, dass du dich umdrehen und mit fast jedem ein vernünftiges Gespräch führen kannst. Die Menschen müssen nicht gleich sein, aber einen ähnlichen Vibe haben.
