
Tadej Pogačar bedauert nichts. Das war die Botschaft, mit welcher der Slowene nach seinem nächsten dominanten Sieg am Dienstagabend in den Sozialen Medien einer Diskussion vorgriff, die bald an Fahrt aufnehmen könnte. Dort waren ein paar Bilder von seinem Triumph am französischen Nationalfeiertag zu sehen, unterlegt mit dem Chanson „Non, je ne regrette rien“ von Edith Piaf.
Das konnte man durchaus als Signal verstehen an alle, die sich derzeit zur Frage einlassen, ob Pogačar zu viel gewinnt. Die Etappe war aber nicht nur in dieser Hinsicht ein Statement. Von Beginn an war sich fast jeder sicher, dass der Gesamtführende auf Sieg fahren würde, weil er im Zielort Le Lioran 2024 zuletzt gegen seinen Rivalen Jonas Vingegaard verloren hatte. Das als Rache zu bezeichnen, wäre zu viel des Guten. Aber um eine Abrechnung scheint es Pogačar schon zunehmend zu gehen.
„Vor den Medien ist Pogi happy und so“, sagte Michael Valgren vor der Etappe im Podcast des Portals „Domestique“: „Aber ich glaube, er hegt irgendwie einen Groll gegen Jonas. Er will ihn in einen Sarg stecken, zumindest mental.“ Es scheint gut möglich, dass Pogačar das nun gelungen ist. Vingegaard schien nicht mal darüber nachzudenken, ob er dem großen Dominator folgen soll, als dieser den nächsten Punch verteilte. Am Ende verlor der Däne letztlich sogar Zeit auf seine Verfolger, was diese hoffen lässt, dass im Rennen um Platz zwei etwas geht.
„Natürlich ist die Hoffnung da“
„Jonas hat super viel gearbeitet, deshalb war er, glaube ich, ziemlich am Limit“, sagte der Deutsche Florian Lipowitz, nachdem er mit seinem Ko-Kapitän Remco Evenepoel und den anderen Podiumsfavoriten Paul Seixas und Juan Ayuso als Vierter ins Ziel gekommen war. Lipowitz verwies darauf, dass die Etappe mit den kürzeren Anstiegen nicht auf Vingegaard zugeschnitten gewesen sei. „Ihm liegen eher die längeren Berge. Deshalb ist es noch relativ offen, aber natürlich ist die Hoffnung da.“
Dass womöglich noch etwas geht im Kampf um Rang zwei, war eine der vielen Erkenntnisse, die diese zehnte Etappe durch das Zentralmassiv zutage gefördert hatte. Die überraschendste: Pogačars Helfer Isaac del Toro, der in den ersten Tagen dieser Rundfahrt so stark gefahren war, erlebte einen kleinen Einbruch und erreichte das Ziel knapp eine Minute hinter Evenepoel. Das ist noch keine Entscheidung im Kampf um das Podium, aber ein erstes Zeichen, dass es womöglich doch nicht so leicht wird für Pogačars Team, mit zwei Fahrern auf den ersten drei Plätzen Paris zu erreichen.
Stark gefahren war wieder mal auch Lipowitz, der an den Anstiegen abermals einen besseren Eindruck hinterließ als Evenepoel. Der Belgier musste zwischenzeitlich kurz eine Lücke aufgehen lassen, nachdem er zuvor viel Führungsarbeit geleistet hatte. Als Lipowitz das gehört habe, sei ihm nichts anderes übrig geblieben, als zu warten und zu hoffen, dass Evenepoel noch mal zurückkommt. So kam es dann auch. Was die Zusammenarbeit anging, konnte der Belgier dem Deutschen diesmal keinen Vorwurf machen.
Wie viel für das Red-Bull-Team oder Seixas und Ayuso bei dieser Rundfahrt noch möglich ist, wird auch davon abhängen, wie Vingegaard das weitere Rennen nach der neuerlichen Niederlage angehen wird. Zeit herausholen konnte die Gruppe auch, weil sie dem 29-Jährigen am Schlussanstieg weitestgehend die Arbeit überließ. Der zweimalige Tour-de-France-Sieger wollte die Lücke zu Pogačar so klein wie möglich halten. 44 Sekunden waren es dann im Ziel.
Vingegaard sprach hinterher von einem „passablen Tag“ für sein Team. Doch der Abstand zu Pogačar ist schon jetzt riesig. Mehr als dreieinhalb Minuten liegt der Däne hinter seinem Rivalen. Irgendwann wird auch er einsehen müssen, dass der Kampf um den Gesamtsieg ein hoffnungsloses Unterfangen ist, wenn es so weitergeht. Dann dürfte die Maßgabe sein, Platz zwei abzusichern. Pogačar hat am Dienstag den nächsten Schritt in Richtung des großen Triumphs gemacht. Doch die Tour hat womöglich etwas Spannung zurückgewonnen.
