
Bestätigt wurde der iranische Angriff auf Syrien nicht, aber die Drohung in Richtung Damaskus war eindeutig: Die Führung von Ahmed al-Scharaa soll sich aus der militärischen Konfrontation mit Israel und den Vereinigten Staaten heraushalten. Die Revolutionswächter verkündeten am 17. Juli, sie hätten ein amerikanisches Kommandozentrum für Spezialkräfte im südsyrischen al-Tanf attackiert. Dort hatte das amerikanische Militär nicht weit der Grenze zum Irak einen Außenposten in der Wüste eingerichtet, der Anfang des Jahres offiziell an die syrischen Streitkräfte übergeben wurde.
Zwar teilte das amerikanische Militär mit, es sei keiner seiner Soldaten zu Schaden gekommen. Die amtliche syrische Nachrichtenagentur schwieg zu dem Vorfall. Und die Nachrichtenagentur AFP zitierte eine namentlich nicht genannte Quelle aus dem syrischen Militär mit den Worten: „Wir bestreiten jedwedes iranisches Bombardement im Gebiet um al-Tanf.“ Doch die Episode zeigt, dass auch Syrien stärker in den Sog der regionalen Konfrontation geraten könnte.
Der Konflikt mit den Drusen ist nicht beigelegt
Das würde die syrische Führung in einer ohnehin schwierigen Lage zusätzlich herausfordern. Die bewaffnete Konfrontation zwischen Damaskus und der drusischen Minderheit im Süden des Landes ist nicht beigelegt. Auch der Konflikt mit den Kurden im Nordosten ist nicht endgültig gelöst. In der östlichen Provinz Deir Ezzor nehmen laut Angaben aus den Sicherheitsbehörden Angriffe der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) zu. Iran treu ergebene Milizen im Irak, die im Grenzgebiet präsent sind, gelten in Syrien als Bedrohung.
Zudem fordert Israel die neuen Machthaber in Damaskus heraus. Das Nachbarland hält trotz Kritik westlicher Partner syrisches Territorium im Südwesten besetzt. Das israelische Militär führt regelmäßig Operationen auf syrischem Boden durch. Erst am Samstag wurde ein israelischer Einsatz nahe den Golanhöhen gemeldet, die Israel 1981 ohne Anerkennung der internationalen Gemeinschaft annektiert hatte.
Waffenlieferung für die Hizbullah beschlagnahmt
Der syrische Machthaber will eine Eskalation eigentlich vermeiden. Im März sagte er während eines Auftritts bei der britischen Denkfabrik Chatham House: „Solange Syrien nicht von irgendeiner Seite ins Visier genommen wird, wird sich Syrien aus jeglichem Konflikt heraushalten.“ Am Samstag redete Scharaa einer „ausbalancierten“ Außenpolitik das Wort.
Zum einen kann Syrien vom Irankrieg profitieren – vor allem von der Tatsache, dass mit der Straße von Hormus ein Nadelöhr des Welthandels und der Energieexporte aus der Region unter Dauerbedrohung Teherans steht. Damaskus bringt Syrien mit seiner geographischen Lage immer wieder als wichtiges Transitland in Richtung Europa und neue Drehscheibe für Energielieferungen und Handelskorridore ins Spiel. Andererseits sind reiche Förderer am Golf wie Saudi-Arabien oder Qatar gerade sehr mit sich selbst und dem eigenen Krisenmanagement beschäftigt.
Außerdem ist die geographische Lage Syriens nicht nur ein Segen. Lange führte ein iranisch kontrollierter Korridor durch Syrien, durch den – aus dem Irak kommend – Waffen an die von Teheran gelenkte Hizbullah in Libanon geliefert wurden. Der gestürzte Gewaltherrscher Baschar al-Assad war ein Verbündeter. Unter Scharaa, der früher ein dschihadistischer Rebellenführer war, hat sich das umgekehrt. Und kurze Zeit vor den iranischen Verlautbarungen zu al-Tanf hatten die syrischen Sicherheitskräfte eine Waffenlieferung an der irakisch-syrischen Grenze beschlagnahmt, die laut syrischen Angaben für die Hizbullah war. Damaskus hatte den Schlag auch öffentlich gefeiert. Man werde nicht zulassen, dass Syrien zu einem Transitland für Waffenschmuggel werde, erklärte das Innenministerium.
Trump will mehr syrischen Einsatz gegen die Hizbullah
Scharaa steht unter amerikanischem Druck, sich stärker in den Kampf gegen die Hizbullah einzuschalten. Der syrische Staatschef werde das „präziser“ als Israel tun und einen „sehr guten Job machen“, sagte US-Präsident Donald Trump vor einigen Tagen. Von solchen amerikanischen Ideen wird schon länger von Diplomaten berichtet. In Libanon und unter syrischen Beobachtern kursieren sogar Spekulationen über eine mögliche grenzüberschreitende syrische Militäraktion.
Die Hizbullah ist in der neuen syrischen Führung, die von früheren islamistischen Rebellen dominiert wird, noch verhasster als Iran. Die arabische Schiitenmiliz hatte auf Geheiß Teherans in den Krieg um Assads Herrschaft eingegriffen. Die syrische Führung bezeichnet sie inzwischen offen als „Terrormiliz“ und verschärft so den Ton. Eine Libanonintervention will sie nach Angaben aus ihren Reihen aber eigentlich nicht führen.
