
Sven Nordqvist hat sein ganzes Leben lang gezeichnet. Natürlich schon als Kind. Danach übte er sich an den Figuren Gustave Dorés und an Zeichnern der Zeitschrift „MAD“ wie Al Feldstein und Don Martin. Das versorgte ihn, zusätzlich zum Gefühl für verdrehte Körper, krasse Gesten und wilde Blicke, mit schwarzem, oder besser: getuschtem Humor. Als ihn schwedische Kunsthochschulen abwiesen, belegte er neben dem Studium der Architektur in Lund amerikanische Fernkurse. Er illustrierte Schulbücher, zeichnete Reklame für Windeln, gestaltete Buchumschläge, politische Plakate, Weihnachtskarten und Küchenposter. Zehn Jahre lang fertigte er mittels Kupferstich, Radierung und Linolschnitt grafische Werke an.
Erst dann, mit Mitte dreißig, fand Nordqvist zum Bilderbuch und blieb dabei. Mit „Antons Reise durch das Alphabet“ begann 1982 die des Autors durch die Wimmelwelten der sich zahllosen Details hingebenden Phantasie. Seine Bilder sind stets angefüllt mit komischen Menschen und Maschinen, lustigem Mobiliar, kleinen Wesen und Pilzen, Bildern in Bildern und jeder Menge Geschirr. Überall lugt noch etwas hervor, kaum eine Stelle im Bild, die nicht angefüllt wäre, jeder Platz wird von irgendetwas oder jemandem beansprucht. Am Weihnachtsbaum hängen Fieberthermometer, kindgemäß findet vor allem auf dem Boden viel statt.
„Sag ihm, er soll eine Suppe aus sich machen“
Durch diese Wohnungen und Landschaften bewegen sich seine kuriosen Figuren. Von 1984 an, mit Nordqvists zweitem Kinderbuch „Eine Geburtstagstorte für die Katze“, waren es Petterson und Findus. Die Geschichten des mürrischen Alten mit dem frechen Kater, der Gemüse nicht mag und deshalb Köttbullar anpflanzt, haben ihn berühmt gemacht. Der Kater ist das Kind, der Junggeselle versucht ihm gegenüber, seine Alltagsordnung zu erhalten. So gehen sie einander in einer schwedischen Landidylle mit Holzhaus, Hühnerstall und Tischlerschuppen bei stets heiter-melancholischem Ausgang ein bisschen auf die Nerven.
Die Idylle ist nämlich keine. Es ist viel zu viel los dafür. Alle Geschichten handeln davon, wie Ärger aufkommt und sich durch Freundschaft auflöst. Ärger, der mit dem neuen, ständig krähenden Hahn Caruso verbunden ist („Sag ihm“, verlangt Findus, „er soll eine Suppe aus sich machen“). Ärger mit den Hühnern, die das Gemüsebeet zerstören, aber nicht die Kartoffelsaat, das war das Schwein, und dann kamen schlimmer noch die Kühe. Ärger mit dem Kater, der den Schlaf des Alten durch Rumgehopse auf dem Bett stört, aber ihm, als er auszieht, doch sehr fehlt. Ärger mit verständnislosen Nachbarn, die den Einsiedler drangsalieren. Ärger grundlos schlechter Laune des Alten halber, die schließlich durch gemeinsames Angeln vertrieben wird.
Nordqvist hat noch viel mehr Bücher gezeichnet. Ein Buch mit Weihnachtswichteln, eines mit Minus, der nicht durch das Alphabet reist, sondern durch die Welt der Zahlen von eins bis zehn, zwei Bücher mit verrückten Hutjagden und eines mit Wikingern. Er hat die Geschichte der nach 1300 Meter Jungfernfahrt gekenterten Galeone Vasa illustriert, und die des schwedischen Ostindienfahrers Götheborg, die archäologischen Ausgrabungen der Wikingersiedlung Birka und die Geschichte Stockholms. In „Wo ist meine Schwester?“ sollte erstmals der Text ganz in den Hintergrund treten, „Spaziergang mit Hund“ kam dann völlig ohne Worte aus. Hier wurden die Bilder Nordqvists immer panoramatischer, und er führte vor, wie sich in einer Straßenszene, ja einer Landschaft genauso viele seltsame Details unterbringen lassen wie in einem Wohnzimmer.
Sein Zeichenstift ruht nie
Besonders gefallen haben uns die riesigen Blumentöpfe auf Berggipfeln, die baumhohe Birne und die Rauchkringel aus einem Vulkan. Solche Einfälle machen die Bücher Nordqvists zum Besten, was von Eltern und Kindern gemeinsam gelesen und betrachtet werden kann, denn es vergeht keine Minute ohne den Satz „Hast Du das gesehen?“. Berühmt geworden sind die Mucklas, jene winzigen Kobolde, die Pettersons Welt bevölkern, ohne dass jemand sie bemerkt, allenfalls die Leser. Vor vier Jahren gab es über sie sogar einen Film.
Drastische Größenunterschiede seiner Figuren und Überbevölkerung seiner Bilder sind nur zwei Stilmittel Nordqvists. Einmal hat er zu verschiedenen Situationen („Wie tief soll man sich vor dem König verbeugen?“ „Wie viele alte Frauen sollte auf einem Schlitten fahren?“) jeweils vier Zeichnungen angefertigt – um herauszufinden, ob die angemessenste Darstellung auch die beste ist. Das Ergebnis war, das Angemessenste sei nie das Beste. Die fahrradfahrende, angelnde und rodelnde Kuh Mama Muh gehört zu den legendären Ergebnissen dieser Ästhetik.
Das Werk Sven Nordqvists, das aus Aberzehntausenden von Blättern besteht, beweist den Zusammenhang von künstlerischer Größe und Übung. Sein Zeichenstift ruht nie. 1946 in Helsingborg geboren, nördlich davon in Halmstad aufgewachsen, wird er an diesem Donnerstag achtzig Jahr alt. Möge ihm, der uns mit so vielen Zeichnungen lustiger Festessen vergnügt hat, an diesem Tag ein freudiges vergönnt sein.
